laut.de-Kritik

In Sachen Soft-Pop made in Germany schon mal in der Königsklasse.

Review von

35 Songs, fast alle zum Thema Liebe und Zweisamkeit - das ermüdet. Gleichgültig, wie gut sie gemacht sind. "White | Weiss" von Orange Blue liefert ein Überangebot an pathetisch streicherverzierten Klavierballaden ("She's Got That Light (White Version)"), stereotypem Radio-Pop ("Ordinary Lovers"), US-College-Style à la Jonas Brothers ("Marry You") bis hin zum großen Drama in mittlerem Tempo ("Das Schönste").

Auf der anderen Seite hätte die Doppel-CD genug Stoff zu bieten, um einfach ein gutes Album auf einer CD zu sein. Schon deshalb, weil die meisten Texte gehaltvoll sind. Als stärkster Track beschäftigt sich "Hamburg" gleichwohl mit einem anders gelagerten Thema: Orange Blue vertonen das Verhältnis von Mensch und Hansestadt. Vehement untermalt das Schlagzeug, das Klavier paart sich mit Akkordeon, der akustisch sanft beginnende Titel wird zunehmend lauter.

Im Gegensatz zu Schlager oder Radio-Pop fließen Orange Blues Texte natürlich. Sie erzwingen keine Reime und zeichnen mit anschaulichen Bildern die Gefühle des Sängers nach: "Außen spießig und innen warm / (...) Unterkühlt, verregnet, doch mit Charme / Kalt, genießbar mit Humor (...) Rote Lichter und herbes Bier / großer Fußball ist dein Ding / meine Elbe, die fließt in mir / egal, wo ich grad bin".

Auf der Habenseite steht auch die Zusammenarbeit mit Ben Becker, "Weiss feat. Ben Becker". Becker trägt zu den Background Vocals von Orange Blue-Sänger Volkan raunend sein Spoken Word vor. Das soul-poppige Arrangementpasst zu Beckers Spiel mit Pathos und Understatement wie die Faust aufs Auge. "Weiß ist der Frieden / das hellste Licht / das um uns herum / sich überall bricht / Symbol unserer Unschuld. Der Song wirkt wie eine Skizze unter viel dickem Zuckerguss.

Das Themenfeld Liebe behandeln die Hamburger in einem durchweg positiven Licht. Selbst dann, wenn es in "Vorbei" um Trennung und Vermissen geht. Auf Schlager- und Boygroup-Stereotypen fallen Volkan und Vince dabei zum Glück seltenst herein. Es geht durchaus konkret zu: Ein schönes Augenzwinkern, Händchenhalten, eine gemeinsame Reise zu den Sternen und Zusammenhalt in jeder Lebenslage ("Partners in crime", "I will kiss you through the valleys of the blue"). Das alles klingt natürlich nach Idylle - Geschmackssache.

Die deutschen Texte überzeugen dabei weit mehr als die englischen. In den schwächsten Momenten kommen Savage Garden in den Sinn, das australische Pendant zu Orange Blue in den Anfangstagen. Diesen Eindruck befördern verzichtbare Neuauflagen alter Nummern. Harmonien wie in "Can Somebody Tell Me Who I Am (White Version)" und manche Metaphern wie "river deep", "we all get lost", "darkness rises", "underneath my skin", "cross the oceans" oder "flowers growing" klingen abgegriffen.

Orange Blue haben sich stark weiter entwickelt. Wenn sie R'n'B im Seal–Stil einschlagen ("Es Ist Tief") gewinnen der treffsichere Gesang und die pointierten Texte an Tiefe, so auch in "This Time". Auch wenn dies nicht immer gelingt: Hart an Tawil und Naidoo ("Was Wir Alleine Nicht Schaffen") kriecht das heftig überdrehte "Ich Kann Dich Sehen" vorbei. Durch die drängende Liebesballade "Das Schönste" schafft man es ebenfalls nur mit Atemnot: Jede Zeile wird unter extrem viel Klang-Plüsch und rosa Glitzern begraben.

Was punktuell ebenfalls missfällt, ist der üppige Einsatz von Synthesizer-Loops. Diese wirken punktuell zwar erfrischend ("Alles Anders"). Viel öfter schwächen sie in ihrer Aufdringlichkeit aber Volkans intensive Momente ab. Die Idee dahinter könnte sein, dass Modernes den barocken Edel-Kitsch zu brechen vermag.

Auf der anderen Seite hätten viele Songs das Zeug, zu einem mehr als soliden Musical beizutragen. Die Orchestrierung in "Love Isn't Hard Work" mit feinsinnigem Bläsersolo am Ende und poetischen Gefühlsbeschreibungen bietet Neil Diamond'sche Eleganz. Und bei Worten wie in "Die Welt Steht Still" erscheint es wiederum gerechtfertigt, dick aufzutragen: "Die Städte werden enger / Hunger lenkt die Macht / Wir drehen uns immer schneller / Sind vernetzt und überwacht / Ich seh' Mitgefühl in Ketten / Von der Ohnmacht fast besiegt".

Weitere Highlights: "Wo Sind Die Starken" und das stimmlich beeindruckende Lied "Echter Freund": Gerade an dieser Nummer brechen sich die verschiedenen Facetten des Albums wie an einem Prisma. Was Soft-Pop made in Germany betrifft, sind wir hier in der Königsklasse unterwegs.

Trackliste

CD1

  1. 1. Love Is Here
  2. 2. We All Work The Same Way
  3. 3. White
  4. 4. We Love, We Live
  5. 5. I Am You Man
  6. 6. She's Got That Light (White Version)
  7. 7. Ordinary Lovers
  8. 8. Every Way We Choose
  9. 9. Marry You
  10. 10. Always
  11. 11. Wonderful World
  12. 12. You Are My Life
  13. 13. Love Isn't Hard Work
  14. 14. Can Somebody Tell Me Who I Am (White Version)
  15. 15. Awkward
  16. 16. This Time
  17. 17. Time
  18. 18. Those Words Are Free

CD2

  1. 1. Ich Kann Dich Sehen
  2. 2. Die Welt Steht Still
  3. 3. Weiss feat. Ben Becker
  4. 4. Echter Freund
  5. 5. Das Schönste
  6. 6. Meer
  7. 7. Hamburg
  8. 8. Vorbei
  9. 9. Es Ist Tief
  10. 10. Alles Anders
  11. 11. Es Fließt
  12. 12. Wo Sind Die Starken
  13. 13. Zusammen
  14. 14. Präsident
  15. 15. Der Kuss
  16. 16. Danach
  17. 17. Linas Tal

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