laut.de-Kritik

Diese Platte ist kein Politikum.

Review von

Da liegt es also vor uns, das nächste Kapitel des eigentlich bereits zu Grabe getragenen Pop-Phänomens Oli. P. Nach Jahrzehnten der musikalischen Abwesenheit erscheint es urplötzlich und überraschend und regelrecht aus der Zeit oder mindestens aus einer Zeitmaschine gefallen. Oli. P, das P steht für? Ja was denn eigentlich? Popstar?

Damals, als der Hype noch vibrierte, wusste niemand was Streaming ist. Oli. P hatte keinen Youtube-Kanal, sondern grinste vom Bravo-Cover. Heute entfaltet sich "Wie Früher" natürlich in erster Linie online. Das ist schon paradox. Und ich will nicht von Flugzeugen im Bauch sprechen, aber ein wenig 90er Kribbeln entfaltet sich trotzdem beim Klick den ersten Titel. Auch der heißt "Wie Früher" und ist selbstredend mit Bedacht gewählt: Denn natürlich soll er eben jene Nostalgie-Rezeptoren aktivieren.

Doch erwartet uns wirklich das nächste Grönemeyer- oder Maffay-Cover mit whacken Rap-Parts? Oder werden jetzt die Herren Bourani und Naidoo durch Ps Fleischwolf gezwirbelt? Beides passiert erstmal nicht. Also nicht wirklich. Leider. Das wäre immerhin konsequent gewesen, wie früher eben und mit einem angenehmen Trash-Faktor.

Das Titelstück aber präsentiert super seichten, zeitgenössischen Bügeleisen-Pop mit ein wenig Gitarre, eingängigen Mitschnips-Rhythmus und Wohlfühl-Text: "Und wir lachen und machen die ganzen Sachen wie früher und wir benehmen uns eben mal so daneben wie früher und ich wünschte mir so sehr du wärst dabei." Das "Wie Früher" in "Wie Früher" ist also ambivalent, weil eben auch persönlich gemeint. Erste Ernüchterung, richtig trashig wirds hier nicht.

"Wohin Gehst Du" klingt denkbar generisch und glattgebügelt – am Anfang jodelt da so ein "Wohooo Wohooo" Chor, der seit mindestens fünf Jahren aus jedem Songwriter-Baukasten verbannt sein sollte, daran anknüpfend entfaltet sich eine derartig harmlose Pop-Gitarren-Nummer, dass die aufgezeigte Harmlosigkeit ihr einziges Merkmal ist. Und ja, werdet ihr jetzt sagen, so was tut doch keinem weh! Tut es auch nicht. Definitiv. Diese Platte ist kein Politikum. Kein Streitfall. Niemand wird darüber diskutieren, kaum einer sich wirklich daran reiben. Weil einfach ab den ersten Akkorden total klar ist, dass Oli weder ein echter Sänger noch ein echter Musiker ist, sondern einfach Bock hat, noch einmal Sänger und Musiker zu spielen – mit gehörigem Abstand zu seiner vorherigen Musikkarriere.

Über zehn Jahre hat er laut eigener Aussage daran gedacht, noch einmal ans Mikrofon zu treten, erst im vergangenen Herbst stimmten dann die Umstände. Der Spaß steht im Vordergrund, auch weil Oli mit einem Hundesalon längst auf nicht-medial-musikalischen Beinen steht und demnächst in der Seifenoper "Rote Rosen" zu seinen wirklichen Wurzeln zurückkehren wird. Überhaupt ist Oli. P ein extrem sympathischer und entspannter und vor allem reflektierter Dude, der absolut weiß, wie seine mit vier Millionen verkauften Platten vergoldete Karriere einzuordnen ist. Fairerweise wollen wir auch festhalten, dass der Sprung von den einstigen Ergüssen hin zu "Wie Früher" immens und absolut respektabel ist. Losgelöst vom Diskurs aber ist die Platte und vor allem Olis Gesangssleistung leider arg dünn. Da zieht auch die professionelle Hilfe von Lukas Hilbert und Sido (die man so nicht wirklich hört) den Karren nicht aus dem Dreck.

Regelrecht überpräsent auf der gesamten Platte ist ein nicht näher definiertes lyrisches Du, an dem sich Oli mit der Kraft eines Holzhackers abarbeitet. Alleine die Titel: "Ich Kreise Immer Nur Um Dich" (ausgestattet mit einem schön inszenierten Refrain), "Du Brennst Immer Noch In Mir" (eingeleitet von einem seltsamen Glockenspiel-Intro, verzerrter Stimme und dem einem peinlichen Herzschmerz-Text) und "Du Fehlst" (mit klaren Bourani-Anleihen) offenbaren, dass Abwechslung auf dieser Scheibe nur bedingt groß geschrieben wird und dieses Projekt, das ohne Plattenfirma entstanden ist, eben in erster Linie als eine persönliche Angelegenheit zu verstehen ist.

Am Ende aber erlöst Oli P uns dann doch, zumindest so halb. Denn die finalen 90er-Geschenkpakete sind leider nur aufgebrüht und zweitverpackt. Allein die Refrains singt Oli jetzt selbst: Auf "Dich Dich Bleiben Lassen" rappt er sich in bester Viva-Manier über einen emotionalen Beat. " ...ich hab es nie kapiert, dass das Klammern die Beziehung ruiniert / Ich setzte Barrikaden, ohne sie zu fragen, ging ihr an den Kragen ..." So hat man im deutschen Hip Hop seit Jahren nicht mehr gereimt und es drängt sich die Frage auf, wie witzig und unterhaltsam ein komplettes Album in diesem Style gewesen wäre. Zum Schluss steckt Oli dann noch sein Maffay-Cover "So Bist Du" in die Mikrowelle. Das klingt zunächst noch verschroben und all dem Maffay-Verweis-Genuschel, ehe die volle Kitsch-Breitseite wie eine Baseball-Keule zuschlägt: "Uuund wenn ich geeeeh, dann geeheeet nur ein Teeeeheeeil von mir." Yes, so hatten wir uns das vorgestellt – ab in die Zeitkapsel, Augen zu durch, keine Gefangenen. Doch den Gefallen wollte uns Oli. P wohl nicht tun. Wer will es ihm verdenken.

Trackliste

  1. 1. Wie Früher
  2. 2. So Oder So
  3. 3. Ich Kreise Immer Nur Um Dich
  4. 4. Ist Das Das Ende
  5. 5. Wohin Gehst Du
  6. 6. Du Brennst Immer Noch In Mir
  7. 7. So Bist Du
  8. 8. Du Fehlst
  9. 9. Dich dich bleiben lassen
  10. 10. Wie Früher - King & White - Radio Mix
  11. 11. Wohin Gehst Du - King & White - Radio Mix
  12. 12. So Bist Du - King & White - Radio Mix

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT Oli. P

Oliver Alexander Reinhard Petzokat, geboren 1978 in Berlin/ Spandau, ist eigentlich kein Sänger, sondern macht "deutschen Sprechgesang", wie er selbst …

9 Kommentare mit 3 Antworten