laut.de-Kritik

Melancholischer Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit in unserer Zeit.

Review von

Oehl sah man schon bei Herbert Grönemeyers Stadion-Tournee im Vorprogramm. Der nahm das Duo um den namensgebenden Wiener Liedermacher und Sänger Ariel Oehl und den isländischen Bassisten und Perkussionisten Hjörtür Hjörleifsson auch auf seinem Label Grönland Records unter Vertrag. Nun veröffentlichen Oehl ihr Debüt "Über Nacht", das deutschsprachigen Pop mit lyrischem Anspruch bietet.

Auf die Frage, in welche Schublade sie ihre Musik einordnen würden, antworten Oehl: "Wir machen romantische Musik." Das trifft so ziemlich den Nagel auf den Kopf, schwingt in den Texten eine gewisse Nachdenklichkeit mit, die sich jedoch oftmals mit leichtfüßigen Rhythmen verbindet.

So laden der trockene Bass Hjörleifssons und die weiche, verträumte Elektronik Ariel Oehls in "Wolken" und "Keramik" zum Tanzen ein. Der letztgenannte Song handelt von den Freuden des Vater-Seins und besitzt etwas überaus Sanftes aber auch Tiefsinniges, wenn es heißt: "Oh die Nacht, sie holt dich zärtlich nach Haus' / An einen Ort auf den du fortan vertraust / Eines Nachts ziehst du dort ein und hier aus." Dagegen scheint das Titelstück von tiefster Trauer geprägt zu sein, nur lässt es das Duo nicht so klingen, wenn es zu fast schon karibisch anmutenden Klängen lautet: "Dorthin wo ich hin will / Fährt keine Bahn / Treibt nur der Wahn zu dir." Diese Ambivalenz hat durchaus ihren Reiz.

Nur lässt sich in vielen Tracks wegen des häufig recht gleichförmigen, vernuschelten Gesanges den Textzeilen nur mühselig folgen. Erschwerend kommt noch hinzu, dass Ariel Oehl vor allem in den Strophen die Silben gerne mal verschluckt, so dass man nur irgendwelche hingehauchten Wortfetzen versteht. Das mag zwar einen gewissen Teil zur melancholisch intimen Grundstimmung auf dieser Platte beitragen, macht sie aber letzten Endes anstrengender, als sie sein könnte.

Zumindest gestaltet er das Soundbild recht variabel. Einerseits kommt eine gewisse Sehnsüchtigkeit nicht zu kurz, wenn er beispielsweise in "Fluchtpunkte" abendliche Keyboard-Klänge und zärtliche Piano-Tupfer mit seinen elegischen Gesangslinien kombiniert, die weibliche Background-Gesänge akzentuieren. Andererseits lässt er seine Elektronik auch gerne in bester The Whitest Boy Alive-Manier verzückt vor sich hinhüpfen. Bestes Beispiel: "Instrument".

Zudem nimmt der Wiener oftmals das Tempo deutlich raus. Etwa in den kurzen Miniaturen "Bisher" und "Himmel". Genauso wenig Hektik spricht auch aus dem abgeklärten Bass-Spiel und den akzentuierenden Percussions Hjörtür Hjörleifssons. Insgesamt lässt sich "Über Nacht" durchaus als Gegenentwurf zur Schnelllebigkeit in unserer Zeit ansehen. Auf jeden Fall braucht man etwas Geduld, bis die Melodien ihre einnehmende Wirkung entfalten.

Ein gutes Händchen, wen er unter seine Fittiche nimmt, hat Herbert Grönemeyer ja, und Oehl bilden da sicherlich keine Ausnahme. Jegliche Banalität im deutschsprachigen Pop umschifft das Duo nämlich auf überzeugende Art und Weise. Letzten Endes verbinden sich zwar Gesang und Elektronik noch nicht optimal auf dieser Platte, aber Potential für eine große Zukunft hört man definitiv raus.

Trackliste

  1. 1. Bisher
  2. 2. Keramik
  3. 3. Fluchtpunkte
  4. 4. Tausend Formen
  5. 5. Wolken
  6. 6. Himmel
  7. 7. Anlegen
  8. 8. Über Nacht
  9. 9. Neue Wildnis
  10. 10. Instrument
  11. 11. Trabant

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