laut.de-Kritik

Fiebertraum in heißer Südstaatennacht.

Review von

Um diese Jahreszeit trägt man in Georgia schon wieder kurze Hosen. Im Sommer wird es im Süden der USA unerträglich heiß, selbst nachts hält man es nur mit Klimaanlage und Ventilator aus. Dann surrt es elektrisch, der Schweiß auf der Haut kühlt ein wenig ab, Insekten zirpen in den Bäumen, und die lähmende Hitze lässt die Sterne flirren. Alles ist langsam und ein wenig entrückt.

Dieser schwerfällige Zustand in Musik umgesetzt klingt dann so wie Now It's Overhead. Andy Lemaster, Kopf dieser Saddle Creek-Formation, muss es wissen, kommt die Band doch aus Athens, Georgia. Jener College-Stadt, die vor mehr als zwei Jahrzehnten einen der erfolgreichsten Indie-Exporte der Staaten hervorbrachte: R.E.M..

"Fall Back Open", der zweite Longplayer von Now It's Overhead, wäre der passende Soundtrack für die dreckige, verschwitzte Nachtfahrt in einem alten amerikanischen Straßenkreuzer. Einsamkeit, etwas trübe Gedanken, hohe Geschwindigkeit und das gelegentliche Zerplatzen von großen Käfern auf der Windschutzscheibe. "I will wait in a line, for the club lights to hypnotize", so beginnt "Wait In A Line", unterlegt mit nervösen Drums und einer elektronisch wabernden Gitarre.

Das elektroide Element auf "Fall Back Open" ist ein wichtiges Stimmungsinstrument. Es macht das Album zu einem Soundtrack für die Nacht der Stadt und der Landstraße gleichermaßen. Der Backgroundgesang von Orenda Fink und Maria Taylor (die neben Azure Ray auch bei Now It's Overhead aktiv sind) betört wie der Gesang der Sirenen, sehnsüchtig und verführerisch zugleich. "Surrender", fordert Now It's Overhead, und tatsächlich ist die Musik beizeiten wie ein Fall ins Ungewisse. Aber irgendwie landet man immer weich ...

Der harte Sound von Synthesizern lässt "Profile" klingen, als stünde man in einem Club und hätte zu viel Ohropax in den Lauschern. Dieser Song lässt das Gefühl von Zeitlupe am besten Ton werden. Die hypnotischen Keyboards tun das Ihrige, treiben den Hörer durch den Song ohne Ziel. Dann dämmert es mit "Turn & Go" plötzlich, und das Verlangen nach Halt und Liebe nach der durchhetzten Nacht kehrt zurück.

Der Titeltrack entwickelt sich schon nach den ersten Tönen zur wahren Perle, schwarz, zerbrechlich und irgendwie grundlos traurig. Am Mikro wird Andy Lemaster von einem weiteren Vollblutmelancholiker unterstützt: Conor Oberst himself gibt sich die Ehre, und schmachtet fast noch schöner als der Bandleader selbst. Mit "The Decision Made Itself" folgt der reduzierteste Track auf "Fall Back Open". Andy und die Gitarre entlehnen große Gefühle von den großen Songwritern, vielleicht auch eine zeitgemäße Interpretation von Country, um die Saddle Creek-Acts ja selten verlegen sind.

"Antidote" ist ein sich schleppender Fiebertraum in der heißen Südstaatennacht, die Mariachi-Trompete (gespielt von Orenda Fink) ruft den Hörer durch die Wirren der Klänge. Im Hintergrund diesmal: Michael Stipe von R.E.M., dessen Stimme formidabel mit der Lemasters harmoniert. Ein kleiner Trost wartet am Ende, das Traurige wird besiegt, die Melancholie bleibt. Noch einmal beweist sich Clay Leverett als irrsinnig gefühlvoller Schlagzeuger, der mal treibt, mal untermalt.

Now It's Overhead gelingt es, mit "Fall Back Open" eine Reihe von wunderschönen Bildern zu zeichnen, die den Betrachter/Hörer berühren, verführen, in die Tiefe ziehen, auf jeden Fall aber über die Nacht retten. Egal ob in Georgia, Nebraska oder irgendwo anders. Saddle Creek beweist sich wieder mal als Heimat für ganz große Musik.

Trackliste

  1. 1. Wait In A Line
  2. 2. Surrender
  3. 3. Profile
  4. 4. Turn & Go
  5. 5. Fall Back Open
  6. 6. The Decision Made Itself
  7. 7. Reverse
  8. 8. Antidote
  9. 9. A Little Consolation

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