laut.de-Kritik

Krautpleaser im Fummelhimmel.

Review von

"Superheroes, Ghostvillains + Stuff": Endlich ein angemessen verschrobener Albumtitel für eine der eigenwilligsten, kauzigsten und dabei stets auf größtmögliche Unauffälligkeit in der Außendarstellung bedachten Rockbands Deutschlands. Notwist, 26 years in office, geschult in Punk, Hardcore und Metal, weitergebildet in Electronica, angekommen in collagenhaftem Schlauschrauber-Pop.

Im Prinzip haben die Oberbayern schon zwei Karrieren durchlaufen, nach der ersten allerdings vergessen, ein Livealbum zu veröffentlichen. Die Zäsur erfolgte irgendwann zwischen "Shrink" (1997) und dem fünften Album "Neon Golden" (2002), das von Musikpresse, Feuilleton und TV weit mehr gewürdigt wurde, vielleicht weil Notwist dort die strukturelle Detailversessenheit von Mogwai noch zwingender ins Pop-Format transferierten. Die Nullerjahre schienen ihnen zu gehören. Doch es kam anders.

Nach ausverkauften Shows in USA und Kanada ist den plötzlichen Medienlieblingen aber so gar nicht nach schnellem Album-Nachlegen, was auch nur jene verwundert, die nicht wissen, dass 'schnell' eine eher weniger typische Notwist'sche Begrifflichkeit darstellt. Als "The Devil, You + Me" quälende fünf Jahre später endlich erscheint, stößt die in sich gekehrte Talk-Talkisierung im Soundbild auf deutlich weniger Gegenliebe. Lose with eloquence and smile.

Wer am Ende gewonnen hat, belegt "Superheroes, Ghostvillains + Stuff", der Mitschnitt des Leipziger Konzerts im Dezember 2015, auf ganzer Linie. Hier spielt eine Band, die noch immer auf der Höhe ihrer Zeit agiert, vielleicht weil sie sich nie irgendwelchen Moden fügte, vielleicht aber auch, weil Notwist völlig unabhängig vom Zeitgeist funktionieren. Steht die Band gerade auf Jazz, hört man das eben auf dem entsprechenden Album.

Das Live-Debüt bleibt passenderweise auch von der Aufnahme nah dran an den sechs Musikern, der volle Bühnensound der letzten Tournee kommt hervorragend zum Tragen. Notwist nehmen uns mit in ihren Proberaum, etwa wenn bei "One With The Freaks" einer nach dem anderen mit seiner Spur einsetzt: Zu sachten Drums gesellen sich die gewohnten Rausch'n'Knarz-Schleifen aus dem Gretschmann'schen Fummelhimmel, wenngleich der große Blonde schon vor einer Weile alle Repräsentationspflichten an den lernwilligen Eleven Cico Beck übertragen hat. Vom geilen Haupthaar des Meisters abgesehen, ein sehr adäquater Ersatz.

Dann übernimmt Live-Gitarrist Max Punktezahl die Herzakkorde des "Neon Golden"-Songs und lässt sein Instrument hallverstärkt und monoton tropfen, Leipzig hört die Signale sofort, Jubel brandet auf, da klackt noch eine Kuhglocke, dann steigt auch schon Markus Achers in Repetition badende Sologitarre ein. Der Song scheint perfekt zu sein, doch halt! Das Vibraphon fehlt noch, jetzt kanns losgehen. Schon hier ist klar: Notwist sind Krautpleaser erster Güte, jeder Song wird so lange gedreht und gewendet, bis die Liveversion ihn in neuem Lichte scheinen lässt. Die Musikhistoriker staunen, wenn sie kurz Samples erkennen wie die gerappte Indeep-Line "There's not a problem that I can't fix / Cause I can do it in the mix" aus "Last Night A DJ Saved My Life" (1982).

In "This Room" duelliert sich Schlagzeuger Andi Haberl mit nach einem verfremdeten Saxofon klingenden Space-Sounds, da ergibt es Sinn, gleich an die ganz alten Tage anzuknüpfen: "One Dark Love Poem" vom 1992er Album "Nook" reicht als einziger Song der Platte weiter zurück als 2002. Zwar fügt er sich nahtlos in die neongüldene Kraut-Experience des Live-Sounds ein, dennoch ist es der Motörhead-Moment für den sonst auf filigrane Groove-Arbeit bedachten Haberl.

Vermeintliche Gegenpole wie die melancholische Wehmutsweise "They Follow Me" (als Opener!) gehen nahtlos in Experimental-Brocken wie "Close To The Glass" über. Dies gelingt gerade aufgrund der Umstrukturierungen: "Run Run Run" lässt im Mittelteil ein Disco-Brett gewähren, das verhaltene "Neon Golden" verliert seine spröde Atmosphäre an einen langen Part voll Muckerpoesie und Crazyness, bevor Sampleschleifen von Achers Gesang schwerelos in den Sound fließen.

Die 13-minütige Liveversion ihres Trademark-Songs "Pilot" verwischt dann endgültig alle Grenzen zwischen Live- und Clubmusik, der unnachgiebige Four-to-the-Floor-Beat wirkt wie eine glühende Laudatio an den nicht mehr partizipierenden Innovator Martin Gretschmann, der es sich offen lässt, bei zukünftigen Studioplänen wieder zu Notwist hinzuzustoßen. Auch ohne "Chemicals": "Superheroes, Ghostvillains + Stuff" ergibt mehr Sinn als jede Best-Of. Diese Band funkelt, leuchtet und glimmt.

Trackliste

  1. 1. They Follow Me
  2. 2. Close To The Glass
  3. 3. Kong
  4. 4. Into Another Tune
  5. 5. Pick Up The Phone
  6. 6. One With The Freaks
  7. 7. This Room
  8. 8. One Dark Love Poem
  9. 9. Trashing Days
  10. 10. Gloomy Planets
  11. 11. Run Run Run
  12. 12. Gravity
  13. 13. Neon Golden
  14. 14. Pilot
  15. 15. Consequence
  16. 16. Gone Gone Gone

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