7. November 2010

"Hip Hop öffnet Kids die Augen"

Interview geführt von

Gerade zurück als Tour-Support von Pink, weilte Nikka Costa in Berlin. Neben etlichen Interviews für die deutsche Journaille stellte sie ihr für den baldigen Release angekündigtes Album "ProWhoa" vor.Dass die Mühlen der Industrie seltsam mahlen, ahnte sie zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Nur wenige Wochen nach dem Gespräch mit laut.de verschoben die Plattenbosse die voraussichtliche Veröffentlichung ihres siebten Albums auf Februar 2011.

Glücklich wird sie darüber wahrscheinlich nicht sein. Im Interview zeigt sie eine begeisterte Motivation für ihren neuen Club-inspirierten Sound. Die Tochter des legendären Produzenten Don Costa und Patenkind von Frank Sinatra, die vor mehr als 25 Jahren zum Kinderstar wurde, ist zugänglich und lacht viel. Star-Allüren? Fehlanzeige.

Das Interview findet inmitten des geschäftigen Treiben der Hotellobby statt. Eine Unterhaltung über den Werdegang vom berühmten Töchterchen zur eigenständigen Künstlerin, über Michael Jackson-Tributes, von den Beastie Boys inspirierten Rap und über den Anspruch, sich nie selbst zu wiederholen.

Was hast du seit deinem letzten Album getrieben?

Ich habe viel Zeit mit meiner vier Jahre alten Tochter verbracht. Ich war in erster Linie Mutter. Ich habe aber immer weiter geschrieben und hier und da ein paar Shows in den Staaten gespielt. Ich war also ziemlich beschäftigt.

Du bist ja mit einem Produzenten verheiratet. Habt ihr jemals darüber nachgedacht, eure Tochter so früh auf die Bühne zu schicken, wie es bei dir der Fall war?

(Lacht) Nein. Ich wüsste auch gar nicht, in welche Richtung sie gehen würde. Sie hat ihren ganz eigenen Kopf. Ich stehe aber komplett hinter ihr – egal was sie machen wird. Ich werde sie aber noch ein wenig im Zaum halten. Hoffentlich gelingt mir das mindestens bis sie auf die High School geht.

Als du so jung angefangen hast, auf der Bühne zu stehen, hast du damals selbst deine Karriereentscheidungen getroffen oder hat dich dein Umfeld eher durchgeschleust?

Na ja, es war wohl eine Mischung aus beidem. Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Musik hat mich immer umgeben, deswegen war es von Anfang an eine Option. Wenn ich in einem Haus voller Anwälte aufgewachsen wäre, hätte ich als Sängerin sicher einen eher schlechten Stand gehabt. Dann hätte niemand damit umgehen können. Ich wollte damals einfach nur singen. Es hat bei mir einfach perfekt gepasst. Ich habe dann einfach immer für die Freunde der Familie kleine Shows gespielt. Das macht meine Tochter zum Beispiel überhaupt nicht.

Hast du jemals von irgendeiner Seite Druck verspürt, in welche Richtung du dich musikalisch oder hinsichtlich deiner Karriere bewegen musst?

Nein, eigentlich nicht. Das war alles mehr Zufall. Ich stand mit meinem Vater auf der Bühne, dann wollten auf einmal irgendwelche Leute eine Platte mit mir aufnehmen und dann kam eins zum anderen und ich war auf einmal ein gefeierter Kinderstar. So war das auf jeden Fall nicht geplant. Es ist einfach so passiert. Dann kam aber auch relativ schnell der Druck. Nicht von meiner Familie, sondern von dem ganzen Drumherum. Da muss wohl jeder durch.

Das ist alles sehr früh passiert. Hast du das Gefühl, dass du deine Kindheit überhaupt genießen konntest?

Nicht wirklich, weil es immer viel zu viel zu tun gab. Ich war so oft in Europa und dann kam ich wieder nach Los Angeles und bin dort auf die High School gekommen. Ich habe ja in den USA gar keine Alben veröffentlicht, deswegen war ich hier ein ganz normaler Teenager. Das hat mir natürlich sehr, sehr gut getan. Ich konnte beides also sehr gut trennen und bin in Folge einfach hin und her gependelt.

Haben dich in deinen jungen Jahren bestimmte Leute beeinflusst, mit denen dein Vater zusammengearbeitet hat?

Ich bin der Meinung, dass sehr viele der Musiker, mit denen mein Vater zusammengearbeitet hat, eine Basis geschaffen haben, von denen wir alle zusammen noch auf viele Jahre profitieren werden. Von ihrer Musik können wir alle lernen. Ihr Jazz hat weiterhin Bestand. Es ist interessant, hier im Hotel hängen überall Bilder von bekannten Jazz-Legenden. Die waren natürlich schon vor meinem Vater da. Aber ich fest davon überzeugt, dass man sich immer wieder auf alte Werte besinnen sollte und sich die Grundlagen vergegenwärtigen muss.

Back to the basics?

Genau! Wir dürfen niemals die vergessen, die vor uns kamen. Du kannst einfach nicht bei Janet Jackson anfangen. Du musst früher beginnen. Ganz am Anfang.

Könnte das auch ein Problem sein, das Popmusik gerade hat? Dass sie nicht weit genug in die Vergangenheit zurückblicken?

Absolut. Viele Künstler interessieren sich gar nicht für die Vergangenheit. Man merkt sofort, wann ihre Sozialisation angefangen hat. Die beginnen bei Mariah Carey.

Lustig, dass du das sagst. Meine kleine Schwester hat mir gerade kürzlich gesagt, Mariah Carey sei ihr zu Old School.

Dann hat sie wahrscheinlich noch nie was von Aretha Franklin gehört, oder? Da musst du sie auf jeden Fall noch erziehen. Genau aus diesem Grund bin ich auch so ein begeisterter Hip Hop-Fan. Sie samplen James Brown und solche Kaliber. Dadurch öffnen sie den Kids die Augen für ältere Musik. So begeistern sie neue Generationen für die Vergangenheit. Du hörst die Sachen und fragst dich, was das für ein Sample ist und machst dich dann auf die Suche nach den alten Platten. Es ist ein automatischer Geschichtsunterricht. Aber leider passiert das zur Zeit viel zu selten.

Gehst du auch so an deine Musik heran, gerade was Soul und Funk angeht?

Als ich 13 oder 14 war, wusste ich natürlich wer Stevie Wonder ist, aber ich kannte Stevie Wonder nicht wirklich. Ich kann mich noch an "Talking Book" erinnern. Ich dachte mir nur, was macht dieser Typ in dem komischen Kleid mit seinen geflochtenen Zöpfen auf dem Stein da? Dann habe ich mir die Platte angehört und war völlig begeistert. Ich habe mir sofort alle seine Platten gekauft. So ging es mir mit vielen anderen auch. Ich habe ältere Geschwister und habe sie immer gefragt, wer Led Zeppelin ist und so. Ich habe mir die Sachen angehört und bin dann zum Led Zeppelin-Fan geworden. Genau deswegen musst du deine kleine Schwester auch mit guter Musik versorgen. Nur so kann sie lernen, was es alles noch gibt.

"Wir können alle voneinander lernen."


Dein Vater hatte aber mit Hip Hop oder Soul nie so viel am Hut, oder?

Ehrlich gesagt, schon. Ich nehme an, du kennst Betty Davis. Ich habe erst kürzlich herausgefunden, dass mein Vater ihre erste Single produziert hat. Da war sie gerade mal 19 Jahre alt. Ich hab die Platte noch nie gehört, aber die Geschichte ist wohl wahr.

Lustig, wie es manchmal läuft. Du erzählst mir von den alten Sachen und ich leite es dann an meine kleine Schwester weiter.

Siehst du. Wir können alle voneinander lernen.

Als du durch deinen Vater all diese Legenden um dich herum hattest, was hast du da als erstes über die Musikindustrie gelernt?

Ich wollte davon früher nie was hören. Ich war nie darauf aus, irgendwelche Tipps zu bekommen. Bis ich dann viele Fehler selbst als erwachsene Frau machen musste. Ich glaube, das erste, das ich gelernt habe, war, dass es ein andauernder Kampf ist, die Musik zu machen, die man machen will. Das Business ist einfach verrückt. Wenn du nicht wie alle anderen klingst, fällt es den Leuten oft schwer, mit deiner Musik etwas anzufangen. Man muss immer damit kämpfen, die Labels, das Radio und die gesamte Öffentlichkeit von etwas zu überzeugen, das nicht wie alles andere klingt. Das habe ich sehr früh lernen müssen.

Das ist die wichtigste Lektion, die du gelernt hast?

Ja, absolut. Du brauchst Überzeugungskraft. Du darfst keine Angst davor haben, ein Vorreiter zu sein. Wenn du wie alle anderen klingst, ist das natürlich ok, aber es ist mir einfach zu wenig.

Ist das auch etwas, was du jungen Künstlern auf den Weg geben würdest?

Ich würde einfach sagen: Tue das, was du liebst. Singe so, wie es dich erfüllt, wie es dich begeistert und wie es dir am Herzen liegt. Versuche nicht die nächste Katy Perry oder Kelly Clarkson zu sein! Aber das fällt vielen eben schwer.

Du hast lange in Australien gewohnt und hast dort eine eigene Band gegründet. Was hast du dabei gelernt?

Zu dieser Zeit habe ich angefangen meine eigenen Texte zu schreiben. Das war ein großer Wendepunkt für mich. Bis dahin habe ich Musik so gemacht, wie es mir mein Umfeld gesagt hat. Mir wurde gesagt, was ich tun und was ich singen sollte. Es war ein Alptraum. Ich habe es gehasst. Deswegen kann ich meine alten Platten auch nicht leiden. Ich habe mich einfach entschieden, wenn ich tatsächlich mit der Musik Karriere machen will, dann muss ich mein eigener Künstler sein und meine eigenen Songs schreiben. Ich wollte hören, wie meine eigene Stimme klingt und was ich selbst denke. Die Zeit in Australien war eigentlich wie meine zweite Schulzeit.

Jetzt gehst du ja auf deinem neuen Album in eine neue musikalische Richtung. Wie kam es dazu?

Ich wollte einfach mal was anderes machen. Ich habe versucht, meine Songs etwas anders zu schreiben und andere Sounds auszuprobieren. Ich hatte genug von Vintage und Old School. Das habe ich ja schon zur Genüge gemacht und ich will mich nicht wiederholen. Keefus, mein Produzent, kann sehr gut programmieren und ist ein großartiger Keyboarder. Wir haben einfach mit den Beats angefangen und haben von dort dann weitergemacht. Wir sind beide mit dem frühen Hip Hop aufgewachsen. Diese nach vorne gehenden Beats. Und dann natürlich auch mit den Keys und dem E-Bass der Achtziger. So haben wir angefangen und das Album hat sich dann von ganz alleine aufgenommen.

Daraus ist dann dieser Pop/Elektro-Sound geworden?

Nun ja, Produzenten stellen sich ja gerne mal Herausforderungen. Wir haben gemeinsam bereits mein letztes Album aufgenommen, auf dem wir in erster Linie Soul gemacht haben. Jetzt hatte er Lust, Musik zu machen, die man im Radio und im Club spielen kann, die aber trotzdem noch einen musikalischen Anspruch hat.

"Ich bin nicht Jay-Z!"


Was hat dich dabei inspiriert?

"Paul's Boutique". Wirklich jetzt! Die Beastie Boys. Die waren eine große Inspiration. Genauso wie Missy Elliot. Auch wenn die Platte natürlich nicht annähernd nach ihnen klingt. Manchmal hörst du dir einfach etwas an und bekommst davon Ideen. Man wächst als Mensch immer weiter. Wenn du dich selbst veränderst, verändert sich auch deine Musik. Wenn du dich als Künstler dafür öffnen kannst, dann bist du auch bereit für Veränderungen.

Für einen Künstler ist das also wichtig?

Für mich ist es das jedenfalls. Ich kann natürlich nicht für andere sprechen. Das ist Ansichtssache. Aber für mich geht es nicht ohne.

Interessant, dass du die Beastie Boys als Inspiration nennst. Als ich "Songs For The Stadiums" gehört habe, habe ich mich tatsächlich gefragt, ob du da wirklich versuchst zu rappen, im Beastie Boys-Style!

(Gelächter) Siehst du. Ich denke mal, man kann das Rappen nennen. Meine Freunde haben sich schon lustig über mich gemacht. Vielleicht ist es nicht wirklich Rap, eher Sprechgesang. 


So nennt man das also ...?

Ja, keine Ahnung. Ich bin nicht Jay-Z. Ich weiß nicht, wie man das nennen soll. Ich wollte einfach nur mal was anderes machen.

Aber es wird trotzdem noch etwas für deine Vintage Soul-Fans geben?

Ich glaube, dass viele meiner älteren Fans überhaupt nichts mit "Ching Ching Ching" anfangen konnten. Denen würde ich aber am liebsten sagen: Macht euch locker. Hört euch lieber mal das Album an und entscheidet dann, was ihr von dem Gesamtwerk haltet.

"Everybody Loves You When You're Dead" hat ja auch noch einen gewissen Funk/Soul-Vibe. Beziehst du dich auf dem Song auf einen bestimmten Künstler?

Naja, die Idee für den Song kam mir zu der Zeit, als Michael Jackson starb. Es war wunderbar, wie die Medien und die Öffentlichkeit sein musikalisches Vermächtnis in den Himmel lobte und ihn immer wieder als größten Entertainer aller Zeiten bezeichnete. Die zehn Jahre davor haben die Medien aber nur auf ihm herumgehackt. Diese Heuchlerei hat mich ziemlich angewidert. Ich fand es einfach nur eklig, obwohl man eigentlich nur die besten Worte über ihn hörte. Wieso konnte man so nicht davor über ihn reden? War er etwa vor seinem Tod nicht genauso großartig? Du wirst also erst von allen geliebt, wenn du tot bist. Das ist doch eigentlich völlig verrückt. Aber die Wahrheit sieht eben so aus.

Du warst mit Pink auf Tour - hast du da nur deine alten Songs performt oder auch neue?

Am Anfang der Show haben wir gleich die neuen Songs gespielt und dann ein paar ältere eingestreut. Das war eine große Umstellung für mich. Ich wollte auf jeden Fall meine neuen Songs spielen und es dann mit den souligeren Sachen ausklingen lassen, weil das ja nach wie vor ein großer Teil von mir ist. Aber natürlich muss man den Pink-Fans auch eine gewisse Show bieten. Da musst du dich auf jeden Fall immer ein bisschen mehr aus dem Fenster lehnen, um diese Fans zu begeistern.

Wie hat es denn dem Publikum gefallen?

Sie waren begeistert. Die Pink-Fans sind der Hammer. Es gab keine Altersbegrenzungen bei den Shows, deswegen war es immer zum Bersten voll. Normalerweise kommen die Leute ja immer erst zum Haupt-Act, das war da aber nicht so. Deswegen habe ich immer vor vollem Rängen gespielt. Das war natürlich großartig.

(Das Interview führte Keisha Heard)

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