laut.de-Kritik

Ein Zyklus verdorrter Träume.

Review von

Die Frau, die uns auf dem Cover von Nicole Dollangangers neuestem Album anblickt, müsste vor Glück strahlen. Es scheint schließlich ihre Hochzeitsnacht zu sein. Doch ihrem Blick wohnt ein sehnsüchtiger Schmerz inne, die Szenerie, die sie umgibt, wirkt albtraumhaft und surreal. In Mount Airy, einer verschlafenen Kleinstadt in North Carolina, einer Stadt, in der amerikanische Tradition noch in die Seelen ihrer Bewohner*innen eingraviert ist, beginnen die Blätter der Moral zu welken. Hinter der Postkartenidylle dörren die Liebe und Träume der amerikanischen Bilderbuchfamilie in der Sonne aus.

Nicole Dollanganger mag es, in Abgründe zu starren. Sie interessiert sich für die Kehrseite der amerikanischen Seele, sie blickt vorbei an den stolzen Patrioten, den kitschigen Diners, den gelben Schulbussen und geradewegs hinein in die von Armut verwüsteten Existenzen, in die schäbigen Motels und die sich selbst überlassenen dysfunktionalen Familien, vor denen selbst Uncle Sam die Augen verschließt. Musikalisch mutet das an, als hätte David Lynch einen Grimes-Song geschrieben. Hinter ihrem entschleunigten Songwriting und ihrer zerbrechlichen Stimme verstecken sich lyrische Kanonenkugeln, die geradewegs in die Magengrube einschlagen. Alkoholismus, Missbrauch, Inzest: Besonders auf ihrem bislang besten Album "Natural Born Losers" schreckte die Kanadiern vor nur wenig Auswüchsen dieser Kehrseite zurück.

Anders als vielen Protagonisten im Frühwerk von Nicole Dollanganger widerfährt den Seelen der Bewohner*innen von Mount Airy auf ihrem neusten Album allerdings keine besonders grausame Gewalt, sie werden jedoch Stück für Stück von ihrer Umgebung korrumpiert, bis selbst die Liebe, die im Kern dieser LP wohnt, nur noch eine weitere Quelle des Schmerzes darstellt. Es bleibt unklar, wie viele Schicksale Dollanganger auf "Married In Mount Airy" besingt aber sie alle eint eine Liebesbeziehung, die über die Jahre versauert und auf die eine oder andere Weise tragisch endet.

"Don't recall what we were drinking but I remember thinking there was something very strange in the air": Schon in den eigentlich lieblich anmutenden Titeltrack, der das Album eröffnet, schleicht sich ein gewisses Unwohlsein ein. In der Kleinstadt, die sich zu dieser Zeit "in its prime" befand, schlummerte etwas Böses. Nichts Konkretes, kein Monster, keine Krankheit, eher eine emotionale Kälte, die dazu führt, dass Männer öfter als gewohnt zur Flasche greifen und Frauen öfter ihre Tränen wegwischen müssen.

Im späteren Verlauf bestätigt sich dies. Auf "Gold Satin Dreamer" etwa koppelt Dollanganger Bilder von Träumen an stillen Seen mit dem Geruch von rohem Fleisch, ehe sie jene Träume gänzlich als enstellt besingt. So fruchtbar der Boden dieser Stadt für den amerikanischen Traum auch scheinen mag, Liebe kann nicht auf ihm wachsen.

Über weite Strecken der LP klingt die ohnehin sanfte und zerbrechliche Stimme Dollangangers noch zarter und gepeinigter. Als sei sie aus Porzellan und bereits durchzogen von ersten Rissen, als könnte ein zu starker Windhauch sie zerreißen. Dennoch mutet ihre Präsenz omnipräsent an, stetig begleitet sie ein hintergründiges Summen oder Hauchen. Wie ein trauriger Geist, der diese Stadt gegen seinen Willen heimsucht, nimmt sie uns an die Hand und gewährt uns kurze Einblicke hinter die Häuserfassaden. Wir sehen nicht genug, um zu wissen, von welcher Substanz eine Frau redet, wenn sie auf "Dogwood" die Abhängigkeit ihres Mannes beweint und befürchtet, dass er ihr erliegen könnte. Oder was genau den "Bad Man", um den eine andere Frau trauert, so furchtbar machte, und ob er letzten Endes durch ihre Hände starb.

Wir hören allerdings mehr als genug, um den Schmerz dieser Realitäten für einen flüchtigen Moment zu spüren. Gerade auch weil es Dollanganger bravourös gelingt, mit nur wenigen Worten unglaubliche potente Emotionen in einem zu wecken. "Sad teddy bears on the lawn outside / Clean off the mud, hang them up out to dry": Auf "Runnin' Free", das den trostlosen Alltag einer einsamen Frau beschreibt, die die meiste Zeit des Tages damit verbringt, auf ihren Mann zu warten, bebildert sie deren lonely "78 motorhome" so wundervoll deprimierend, dass einem Bilder von Harmony Korines ruralen Amerika aus "Gummo" vor Augen kommen.

Diese emotionale Tristesse veranschaulicht Dollanganger mit spärlichen Arrangements, meist leistet nur eine akustische Gitarre ihrer gespenstischen Stimme Gesellschaft. Die Rock-Gitarren ihrer letzten Alben grummeln hier und da im Hintergrund ("My Darling True") und setzen vereinzelt zu einem Aufheulen an, verstummen jedoch, bevor ihr Pathos überhaupt eine Chance bekommt, erste Wurzeln zu schlagen. Und dennoch klingt die Instrumentierung auf "Married In Mount Airy" keineswegs langweilig. Dollanganger hält dieses monotone Klangbild stets mit neuen vokalen Effekten sowie spärlich aber umso effektiver eingesetzten instrumentalen Überraschungsmomenten am Leben. Es entwickelt sich ein fast sirenenhafter Sog, der die Trauer im Kern des Albums als etwas fast physisch Greifbares manifestiert.

Dieser Sog kulminiert in dem transzendenten "Nymphs Finding The Head Of Orpheus". Hier glänzt das Talent der Kanadiern als Produzentin. Rückt sie auf dem Album zu großen Teilen ihre Stimme in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit, verschleiert sie sie hier hinter ätherischem Rauschen und einer gleichermaßen wunderschönen wie melancholischen Kaskade an weinenden Streichern. Sie singt über eine Frau, die die bittere Realität in den Knochen trägt und an den Ort zurückkehrt, an dem ihre Träume starben: "Through the dark, I wade / As if in its glory days / Knowing that I'll make myself sick from the water / Knowing all my tears and rage could load a revolver". Wieder steht der Tod ihres Mannes im Raum, wieder bleibt unklar, ob er durch ihre Hände starb.

Noch mehr als das letztjährige "Preacher's Daughter", das eindeutig Inspiration aus dem Frühwerk Dollangangers zieht, wirkt "Married In Mount Airy" wie ein vergessenes Zeitdokument des amerikanischen Scheiterns. Ein vergilbter Bildband, ein Abriss der weiblichen Träume und Hoffnungen, die mitten im Herz der amerikanischen Tradition ersticken. Die Frau auf dem Cover, sie sollte glücklich sein, aber sie scheint ihr Schicksal bereits zu kennen. So wie die letzten Sekunden von "I'll Wait For Your Call" in die ersten Töne des Albums überleitet, so scheinen auch die Schicksale dieser Frauen nur einer von vielen Zyklen zu sein, der sich in manchen Gegenden bis in die Gegenwart endlos wiederholt.

Trackliste

  1. 1. Married In Mount Airy
  2. 2. Gold Satin Dreamer
  3. 3. Dogwood
  4. 4. Runnin' Free
  5. 5. Bad Man
  6. 6. My Darling True
  7. 7. Moonlite
  8. 8. Sometime After Midnight
  9. 9. Nymphs Finding The Head Of Orpheus
  10. 10. Summit Song
  11. 11. Whispering Glades
  12. 12. I'll Wait For You To Call

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