laut.de-Kritik

Mit karibischen Trompeten gegen die Berliner Messerstecher.

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Bei "Mit Liebe Gemacht" denke ich ganz spontan eher an sorgsam zusammengerührte Dr. Oetker-Backmischungen, an Streusel und Haselnüsse und ganz dick Schokoguss, als an den Zweitling eines Hamburger Hip Hop Heads. Doch der Name des gebürtigen Sauerländers tönt bereits beim Opener derart oft aus den Boxen, dass kein Zweifel bestehen kann, wer hier von den Toten auferstanden ist. Nico Suave heißt der Mann, der seinen Talentbonus längst verspielt hat und nun mit karibischen Trompeten gegen Berliner Messerstecher in die Schlacht zieht.

Produktionstechnisch bewegt sich das Album in die selbe Richtung wie der Rest der Hamburger Rapszene. Nickten die Köpfe an der Elbe noch vor vier Jahren zu spartanischen Beats, die stets die seinerzeit herausragenden Texte in den Vordergrund stellten, ist die Hansestadt inzwischen Vorreiter in puncto Sprechgesang meets Pop. Nach der eben schon erwähnten Pulverisierung mit Blechbläsern, Orgelläufen und Frauenhookline folgt eine krachenden Neptunes-Adaption.

Trotz technisch sauberer Doubletime-Passagen will "Oh Yeah" auch nicht auf Anhieb zünden. Am schmerzlichsten fällt der deutlich geringere Anteil von humorvollen Wortspielen im Repertoire auf. Ob persönliche Enttäuschung der Grund dafür ist? "Spiel" gibt deutliche Hinweise darauf. Die Geschichte eines völlig heruntergekommenen Drogenjunkies markiert gerade ihrer Ernsthaftigkeit wegen den ersten richtigen Höhepunkt der Platte. Das heißt, sie würde, zerstörte nicht der folgende dick vorpreschende Track "Supaboosted" jegliche Nachdenkstimmung im Keim. Wer auch immer für die Tracklist verantwortlich ist, sollte dringend in Erwägung ziehen, das Genre zu wechseln. Bei Dancehall fallen derartige Patzer wohl weniger stark ins Gewicht. So wirkt der "Rappers Delight"-Cut "Now what you hear is not a test" unfreiwillig ironisch.

"Nach zwei Jahren ist die Platte nun endlich fertig wie Ferris" und "bin jetzt offen für alles wie Pornodarsteller | auch ein Korn-A Capella landet bei mir vorn auf dem Teller" - Bei "Auf Und Ab" blitzt er doch endlich mal auf, der Schalk des Herrn Suave. Nebenbei lässt er die vergangenen, anscheinend recht harten Jahre seines Lebens Revue passieren. Im Zusammenspiel mit der wirklich guten Musik von Bock Auf'n Beat stimmt hier alles. Dem Blumentopf-Feature "Ich Wär So Gern ..." ist es leider nicht vergönnt, an dieser Stelle gelobt zu werden. Wer eine förmliche Explosion anspruchsvollen Humors erwartet, wird herb enttäuscht. Der Text ist nicht schlecht, aber eine solche Konstellation von Wortartisten sollte aus diesem Thema definitiv mehr herausholen.

Ernst gemeinte Liebeslieder gibt es, so sie sich auf eine Frau beziehen und nicht auf Hip Hop, in diesem Genre in etwa so häufig wie Sozialkritik in Abba-Texten. Alleine deshalb sollte "Lovesong" honoriert werden. Nur leider treten Rapper, die singen können, ungefähr gleich oft auf, und Nico Suave gehört ganz offensichtlich nicht dazu. Bei "Parkschein" erwartet einen nicht etwa eine Hasstirade gegen Politessen sondern eine recht belanglose Gute Laune Hymne. Eizi Eiz überzeugt da schon eher: "Ich werde nie mehr glauben, alles hält für immer | ausgenommen sind die Rolling Stones und die Beginner" fängt er seinen Part für "Nie Mehr" an und wirft die Frage auf, ob es eine "Freimaurerloge für schlechten Geschmack" gibt. "Entertainment Triple-Sixer die alles töten, was Spaß macht | gesponsert von Sat 1 und Mc Donalds und Karstadt?" So, und genau so, klingt ein völlig aufgedrehter Eißfeldt in Höchstform. Wem vorher noch nicht klar war, wer in Hamburg die dicksten Joints raucht, der bekommt es jetzt unmissverständlich Reim für Reim in die Ohren geballert.

Der Beat von "Showbiz" flasht vollkommen. Ich sehe bunte blitzende Lichter. Ich sehe trashig produzierte Midis in noch viel trashigeren Spielhallenautomaten. Ich sehe weiße Kreise mit Augen die weiße Punkte fressen und von pinken Pixelmonstern verfolgt werden. Ich sehe dicke Kinder mit Gameboys. Bevor ich den Döner von heute Mittag in verschiedenen Verdauungszuständen auf meiner Tastatur verteilt sehe, skippe ich besser. "Ich Leb Nicht" spendet dem Album noch einen netten Abschluss, verzichtet aber, wie die meisten Vorgängerstücke, auf eine interessante Aussage.

Obwohl "Mit Liebe Gemacht" einige gute bis überragende Lieder zu verzeichnen hat, bleibt eine - für Suaves Verhältnisse - erschreckende Belanglosigkeit zu konstatieren. Streckenweise ergänzen sich das leere Gelaber und die teils energielosen Beats wirklich nur in puncto Langeweile. Und wenn diese Grundzutaten schon nicht überzeugen, dann fördert auch die ganze Liebe einer mittelgroßen Hippiekommune kein überragendes Ergebnis zutage. Das gilt übrigens auch für Dr. Oetker-Backmischungen.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Suave
  3. 3. Tanzpalast
  4. 4. Oh Yeah!
  5. 5. Ivana K.
  6. 6. Spiel
  7. 7. Supa Boosted Feat. KC Da Rookee
  8. 8. Auf Und Ab
  9. 9. Ich Wär So Gern Feat. Blumentopf
  10. 10. Julia B.
  11. 11. Love Song
  12. 12. Parkschein
  13. 13. Nie Mehr Feat. Beginner
  14. 14. Daniela
  15. 15. Showbiz
  16. 16. Ich Leb Nicht

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