laut.de-Kritik

Vielleicht gibt es ein zweites Leben in der RTL-Chartshow.

Review von

Zugegeben, dass sich Michael Clauss ohne drei Viertel der einstigen Besetzung seiner Düsseldorfer NDW-Band Nichts nach 28 Jahren Funkstille noch einmal rein in den Rock traut, ist mutig. Es ist sogar sehr mutig, die Zeit können schließlich Ex-Punks und NDW-Hedonisten am allerwenigsten anhalten. Und der Sprung aus dem Jahr 1983 direkt ins Jahr 2011, er ist nicht nur durch Wiedervereinigung, Internet und Hartz IV gewaltig. The Times They Ara A-Changin'.

Was muss das damals für ein Hallo gewesen sein, als Sängerin Andrea Mothes im Hit "Radio" zu zackigem Beat so dringlich sang: "Lieber Gott, ich wünsch mir so, meine Stimme im Radio". Und in "Tango 2000" noch eine Spur frecher: "Schaut mich an, ich bin die Schönste / Schaut mich an, ich tanz am besten". Von "10 Bier Zuviel" mal ganz zu schweigen. Es war der Soundtrack zum gesellschaftlichen Wertewandel, von dem gerade die heutigen Jugendkulturen enorm profitieren.

Politik, gähn! Individualismus, yeah! Geht es nach Clauss, sollen mit einem vierten Album noch einmal, ganz unvermittelt die "Zeichen Auf Sturm" stehen. Dabei bewirbt sich bereits das Cover-Artwork mit einem Photoshop-Sammelsurium aus Godzilla, Rakete, Schmetterling, Gitarre, Engeln, Segelschiff und Berliner (!) Fernsehturm für den gräuseligsten Entwurf des neuen Jahrtausends. Die Songs sind da natürlich besser - aber nicht viel.

"Was würdest du tun, wenn du einfach glücklich wärst / Was würdest du wollen, wohin würdest du gehen, was würdest du noch tun / Hast du dich das je gefragt / Und ich warte auf ein Zeichen, dass die Zeichen auf Sturm stehn", singt die neue Sängerin Sabine Kohlmetz bemüht wie eine gealterte Marta Jandova von Die Happy in "Zeichen Auf Sturm" zu absolut mediokrem 08/15-Melo-Punkrock. Das ist, mit Verlaub, weder frech noch kraftvoll oder besonders eingängig.

Der stumpfe Riff-Rocker "3-Käse-Hirn-Boy", laut Clauss wie jeder der Songs eine potentielle Single, versuchts im Text mit schräger Jugendsprache - "Du gehst mir auf den Zwirn, Boy" - und noch so einem schönen NDW-Thema: Der Flucht in den Konsum. "I'm gonna see my baby tonight / Und ich brauch ein schönes neues Kleid / und ein paar todschicke Schuhe dazu".

Mit so viel gebrauchter Attitude hängen Nichts auf 47-minütiger Spielzeit verzweifelt zwischen den Jahren fest. Die Texte rezitieren unbedarft den naiven, berufsjugendlichen Charme der Neuen Deutschen Welle. Die Songs haben die einst spannenden Querverbindungen zu britischem Post Punk und New Wave komplett über Bord geworfen. "Blühende Landschaften", "Das Leben ist schön", "Die Gottesanbeterin" - sie alle klingen bestenfalls nach catchy Stadtteilfest-Rock.

Da hilft es auch nicht, dass Vom Ritchie von den Toten Hosen das Schlagzeug eingespielt hat. Nein, Nichts sollten sich dazu bekennen, dass sie mit ihrem heruntergespielten Stiefel nicht mehr sein können als eine gratwandernde Retorten-Band, zu der man sich in und um Düsseldorf das Altbier reinlaufen lässt. Und vielleicht gibt es mit den alten Hits noch ein zweites Leben in der RTL-Chartshow mit Oliver Geissen.

Trackliste

  1. 1. !
  2. 2. Zeichen Auf Sturm
  3. 3. 3-Käse-Hirn-Boy
  4. 4. Nur Das 1x
  5. 5. Fetish
  6. 6. Blühende Landschaften
  7. 7. Engel Über Berlin
  8. 8. Chaostheorie
  9. 9. Das Leben Ist Schön (Ohne Dich)
  10. 10. Heißer Scheiß
  11. 11. Wie Im Delirium
  12. 12. Die Gottesanbeterin
  13. 13. Kein Liebeslied
  14. 14. Werweißnichtwas
  15. 15. Köpfe Mit Nägel
  16. 16. Goldbroiler From Outerspace
  17. 17. Feierstarter
  18. 18. Wandertag In Der Geschlossenen
  19. 19. Tödlicher Hunger

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