Tokio Hotel stürmen mit "Humanoid" die Charts - im Ausland. Deutsche Kritiker loben die Platte zwar. Die einheimischen jungen Fans scheinen inzwischen jedoch abgesprungen zu sein.

Magdeburg (dek) - Was im Ausland funktioniert, klappt in Deutschland offenbar nicht mehr: Bereits in der zweiten Woche nach seinem Erscheinen fällt Tokio Hotels "Humanoid" nach Berechnungen von Media Control hierzulande von der Poleposition auf Platz 25.

In Mexiko hingegen stehen Tokio Hotel mit ihrem mittlerweile dritten Longplayer an der Chartspitze, in Spanien, Italien und Portugal auf Platz zwei. In sechs Ländern hat "Humanoid" bereits Goldstatus erreicht.

Dabei vergeht auch bei uns kein Tag ohne eine neue Meldung über Deutschlands Exportschlager Nummer eins. Mädchenverbot im Tourbus, Billy-Boy soll magersüchtig sein und außerdem bei "Twilight" mitspielen wollen. Das Management der vier Magdeburger Jungs machte bei der Promotion schlechthin alles richtig.

Nur zwei deutsche Städte auf dem Tourplan

Die deutschen Fans scheinen dennoch abgesprungen zu sein. Oder sie reagieren verärgert. Das mag daran liegen, dass Tokio Hotel einen Großteil des letzten Jahres im Ausland verbrachten, wo der Hype um die Band erst langsam in Fahrt kam.

Ein weiteres Ärgernis mag darstellen, dass Tokio Hotel zwar 2010 eine große Europatournee planen, dabei aber nur zwei Städte in Deutschland auf dem Spielplan stehen. Die deutschen Fans, die Tokio Hotel einst Aufmerksamkeit verschafften, fühlen sich nun für den weltweiten Erfolg im Stich gelassen.

Wo ist die Zielgruppe?

Dafür sind Tokio Hotel mittlerweile ein sogar Thema fürs anspruchsvolle Feuilleton. Selbst große deutsche Zeitschriften beschäftigen sich inzwischen mit dem Jugendthema. Dabei stellen sie "Humanoid" gar kein schlechtes Zeugnis aus.

Spiegel Online vergibt sieben von zehn möglichen Punkten und handelt die Platte als "sehr gutes drittes Tokio-Hotel-Album" ab. Bei Welt Online vergleicht man TH gar mit Depeche Mode. Sehr euphorisch wird dort von "fantastischer Musik" gesprochen.

Es scheint, als habe sich die deutsche Erwachsenenwelt mit Tokio Hotel inzwischen angefreundet. Die Teeniewelt wandte sich anderen Themen zu. Beim Jugendmagazin Bravo sind Tokio Hotel längst nicht mehr das It-Subject.

Die Band tritt eher in abendfüllenden Sendungen wie "Wetten dass..?" oder bei der RTL-Show "Willkommen bei Mario Barth" auf, statt bei "The Dome" oder der "Bravo Supershow". Eine klar abgegrenzte Zielgruppe ist nicht mehr erkennnbar, vielleicht erklärt dies rasch fallende Chartplatzierung.

Charteinstieg in den USA

2005 waren Tokio Hotel zu Teenieidolen aufgestiegen. Mit ihrer Single "Durch Den Monsun" und dem Album "Schrei" hielt sich die Gruppe in Deutschland und Österreich wochenlang auf Platz eins in den Charts. Nach der Veröffentlichung des zweiten Albums startete die Band 2007 ihre große Europatournee. Das neu auf Englisch veröffentlichte "Monsoon" landete sogar in Israel auf Platz Eins der Airplay-Charts. Amerika wurde 2008 auf Tokio Hotel aufmerksam, als die Band überraschenderweise einen MTV Video Music Award gewann.

"Humanoid" stieg dort übrigens dort auf Platz 35 ein. In der zweiten Woche fiel es, ähnlich wie in Deutschland, rapide auf den 96. Platz in den Billboard 200. Wie vor einigen Jahren hierzulande, belächelt man in den USA momentan (noch) lieber das Aussehen der Kaulitz-Zwillinge. Sänger Bill wird bei den Kollegen von Billboard als "Mischung aus einem Kakadu und einer Bratz-Puppe" beschrieben, sein Bruder Tom ähnele "Predator gekreuzt mit einem Jonas Brother".

Fotos

Tokio Hotel

Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Tokio Hotel,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof)

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77 Kommentare

  • Vor 11 Jahren

    Das Feuilleton ist sowieso ein aufgeblasener Haufen Mist.

    Schon nach dem ersten Alben und auf der ersten großen Hype-Welle übte es sich in Gefälligkeit, als es von Tokio Hotel als "den neuen Beatles" sprach. Das stand in mehreren großen Magazinen.

    Schlechter Journalismus schreibt den Lesern nach dem Mund. Wenn 60% der Deutschen morgen anfangen würde, Faschismus wieder toll zu finden, würde sich der Stern, Spiegel, Welt, FAZ und Zeit mit dem Genie und der Größe Mussolinis beschäftigen, jede Wette.

  • Vor 11 Jahren

    @Ragism («
    Schlechter Journalismus schreibt den Lesern nach dem Mund. Wenn 60% der Deutschen morgen anfangen würde, Faschismus wieder toll zu finden, würde sich der Stern, Spiegel, Welt, FAZ und Zeit mit dem Genie und der Größe Hitlers beschäftigen, jede Wette. »):

    selten so einen mist gelesen.

  • Vor 11 Jahren

    @Ragism («
    Schlechter Journalismus schreibt den Lesern nach dem Mund. Wenn 60% der Deutschen morgen anfangen würde, Faschismus wieder toll zu finden, würde sich der Stern, Spiegel, Welt, FAZ und Zeit mit dem Genie und der Größe Hitlers beschäftigen, jede Wette. »):

    Ach nee, du! Nicht noch eine Hitler-Nazi-Diskussion :boring:

  • Vor 11 Jahren

    @wayfarer («
    Ich halte sie für ein Produkt. Nicht mehr und nicht weniger, zum Quellen sichen bin ich zu faul, dafür interessieren sie mich dann doch zu wenig. ;)
    Und ja ich habe gelesen, ich hege und pflege meine Vorurteile wie jeder andere in diesen Thread.
    Ich stelle mich gegen diese Verallgemeinerung. Gibt Gründe warum ich die Musik ignoriere. (Nicht die Berichterstattung, die Reaktionen finde ich teilweise sehr witzig.)

    Für mich ein Produkt, weil zu tiefsinnig sind die Texte nicht wirklich und mal ehrlich in den Alter hat man andere Probleme als diesen Pseudo Weltschmerz(geschweige den das Wissen, noch die Muse ihn zu besingen).
    Aufmachung und Inhalt passen nicht zum Anspruch.
    Deswegen auch, für mich langweilig.
    Wen es Käufer gibt, warum nicht? Jeden das seine. »):

    Okay, wayfarer... Du hast keine Lust zu recherchieren und die Musik der Band wirklich kennen zu lernen, aber immerhin Interesse genug daran, um Deine Meinung hier zu posten... und es ist schon klar, dass nicht jeder die Band gut finden kann. Den abgrundtiefen Hass, der mir hier jedoch aus manchen Postings entgegen schlägt, finde ich allerdings erschütternd und absolut nicht nachvollziehbar.

    Gerne wüsste ich aber, welche zur Zeit erfolgreiche Band KEIN PRODUKT ist, wenn wir es so benennen wollen. Weder Nirvana noch U 2, weder Greenday noch Korn spiel(t)en ein anderes Spiel... auch sie betreiben Promotion und Marketing, feilen an ihrem Look und vesuchen ein möglichst großes Publikum zu erreichen.

    Zum Thema Pseudo-Weltschmerz möchte ich Dir noch antworten... keineswegs laufen die Bandmitglieder von Tokio Hotel depressiv durchs Leben, das Gegenteil ist wohl eher der Fall. Trotzdem haben sie durchaus schon einschneidende Erfahrungen machen müssen, die einen Heranwachsenden prägen, zum Beispiel zerbrochene Beziehungen der Eltern oder Mobbing in ihrer Schulzeit. Und ich denke, dass gerade in der Adoleszens eine besondere Gefühlstiefe erlebt wird. Ob nun selbst erfahren oder einfach nachempfindend gesungen - Bill Kaulitz hat es halt mal drauf, Gefühle mit seinem Gesang zu transportieren... und dass ist einer der Hauptgründe, warum die Band so sehr begeistern kann. Wären die Jungs nicht mit Herzblut bei der Sache stünden sie nicht im fünften Jahr ihrer Karriere (allen Abgesängen zum Trotz).

    Und was heißt hier "keine Muse" haben, sich mit den Themen, die sie bewegen, auseinander zu setzen und darüber Songs zu schreiben? Der Alltag der Band besteht zum allergrößten Teil darin, in eigener Sache unterwegs zu sein und bald auch wieder LIVE-Konzerte zu spielen. Musik zu machen ist ihr Job und ihr Leben. Und für das neue Album haben sie sich immerhin ein Jahr Zeit gelassen.

  • Vor 11 Jahren

    Was heißt Hass mildes desinteresse.

    Wer sagt das die meißten Bands kein Produkt sind? Die Frage ist wie groß ist die Spanne dazwischen.

    Gefühlstiefe und Adoleszenz, wo damals die Stones oder The Who Musik gemacht haben, die die Gefühle der Jugend auf den Punkt brachten. Meißt wenig politisch korrekt btw.
    Soll also Tokio Hotel die Hymne dieser Generation sein, nja okay. Sag ich mal nix zu.

    Nur eins. Kann mich nicht erinnern so gedacht zu haben, oder so zu denken.

  • Vor 11 Jahren

    @wayfarer: Gut möglich, und Du wirst nicht der Einzige sein, dem es so geht (ich gehöre halt nicht dazu) ... aber Dein Kommi gefällt mir, ich glaube, ich verstehe, was Du meinst... dem kann ich nix hinzufügen... ist okay.