Im Tatort mit Til Schweiger verwendete der NDR ein altes Zitat von Haftbefehl. Eine gezielte Provokation?

Hamburg (mau) - Kaum sind die Wellen der Empörung über die Verwendung seiner Zeilen auf dem Wahlplakat eines CSU-Politikers abgeebbt, sieht sich Haftbefehl erneut mit einem 'Skandal' konfrontiert: Die Bild-Zeitung berichtete am vergangenen Sonntag über Antisemitismus-Vorwürfe gegen den Rapper.

Im Hamburger Tatort mit Til Schweiger war eine Zeile Haftbefehls aus seinem Song "Psst" zu hören. Darin heißt es: "[...] ticke Kokain an die Juden von der Börse." Dieser Satz sorgte besonders bei der Jüdischen Gemeinde für Empörung.

Bernhard Effertz, Vorsitzender der Gemeinde in Hamburg und Mitglied im Rundfunkrat des NDR, der die Produktion des Tatorts in Auftrag gab, hält die Aussage für antisemitisch. Auch Daniel Killy, Sprecher der Gemeinde, kritisierte die Verwendung in dem Fernsehkrimi: "Es wird in Deutschland, auch bei der ARD, immer weiter versucht, vermeintliche Toleranzschwellen zu überschreiten oder Tabus bewusst zu verletzen."

Inszenierter Skandal?

Neu ist die Diskussion um den Track, 2010 veröffentlicht, gleichwohl nicht: Schon damals wurde die ideologische Gesinnung Haftbefehls kritisiert und ihm Antisemitismus vorgeworfen.

Da stellt sich die Frage, warum der NDR die Verwendung des Zitats überhaupt zuließ. Zudem ist in der betreffenden Szene das Video zu "Chabos Wissen Wer Der Babo Ist" zu sehen. Unterlegt wurde der Clip allerdings mit der Tonspur von "Psst". Über den anschließenden Skandal waren sich die Macher also durchaus bewusst, provozierten ihn sogar.

Haftbefehl äußert sich via Facebook

Auf seinem Facebook-Profil antwortet der Rapper nun: Den Antisemitismus-Vorwurf streitet er vehement ab. Hautfarbe, Herkunft und Religion würden für ihn keine Rolle spielen. Vielmehr seien sämtliche Aussagen in diese Richtung Teil seiner Umgangssprache, die vor keiner ethnischen Gruppe Halt mache. Dies müsse man verstehen, bevor man die "Antisemiten-Keule rausholt."

Der komplette Facebook-Post:

"Hier mal ein Statement von mir zu der Story in der BILD am Sonntag und dass ich angeblich ein Antisemit sei:

Aykut bitte klär die Medien und die Außenwelt auf - Das war die Bitte eines inhaftierten Kindheitsfreundes - mit israelischem Hintergrund - nachdem sich ganz Deutschland wieder einmal eine Meinung geBILDet hatte. Dieses Statement ist keine Reaktion auf eine Berichterstattung, die sich an einer Textzeile aufhängt. Doch den Anruf meines Freundes und die vielen Ermunterungen aus meinem Freundeskreis habe ich mir zu Herzen genommen.

Ich bin kein Antisemit. Darüber hinaus beurteile ich keinen Menschen aufgrund seiner Religion, Ethnie oder Hautfarbe. Bei uns existiert so was nicht und jeder der sich die Mühe macht, sich mit mir und meinem Umfeld zu beschäftigen, wird dies erkennen und verstehen. Wir sind Kanaken, Balkans, Kartoffeln, Schwarze, Zigeuner, Ölaugen und Juden. Wir sind Brüder und Schwestern. Wir schätzen und lieben uns. Wir machen und hören Rap Musik. Unsere Umgangssprache ist wie sie ist und macht vor keiner ethnischen Gruppe 'halt'. Respekt und Humor ist die Basis meiner multikulturellen Realität in Deutschland. Meine Kunstform ist eine Mischung aus genau dieser Realität und Fiktion. Gebt Euch bitte einen Tick mehr Mühe dies zu verstehen, bevor Ihr mit der Antisemiten-Keule um die Ecke kommt.

Zu der Textzeile, die aus mir einen Antisemiten machen soll, möchte ich folgendes ergänzen: Als ich noch als Jugendlicher am Frankfurter Banken und Bahnhofsviertel Drogen verkaufte, hatten einige meiner 'Stammkunden' jüdische Wurzeln. Hätte ich Gummibärchen an Eskimos verkauft, wäre die Textzeile anders ausgefallen. Ein Aspekt des Antisemitismus ist die Gleichsetzung vom Judentum und Geld, die ich für falsch und dumm halte. Ich verstehe und sehe ein, dass bei Vorurteilen gegenüber Juden und anderen Minderheiten - besonders in diesem Land - jede Aussage auf die Goldwaage gelegt werden muss. Die Goldwaage aber ist ein sehr feines Instrument...

Haftbefehl - Deutscher Rapper mit türkisch/kurdischen Wurzeln aus Offenbach."

Fotos

Haftbefehl

Haftbefehl,  | © laut.de (Fotograf: Bjørn Jansen) Haftbefehl,  | © laut.de (Fotograf: Bjørn Jansen) Haftbefehl,  | © laut.de (Fotograf: Bjørn Jansen) Haftbefehl,  | © laut.de (Fotograf: Bjørn Jansen) Haftbefehl,  | © laut.de (Fotograf: Bjørn Jansen) Haftbefehl,  | © laut.de (Fotograf: Bjørn Jansen) Haftbefehl,  | © laut.de (Fotograf: Bjørn Jansen) Haftbefehl,  | © laut.de (Fotograf: Bjørn Jansen)

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11 Kommentare mit 55 Antworten

  • Vor 8 Jahren

    meine Güte man kann sich auch anstellen.
    Wer auch immer sich da beschwert soll sich mal sein Arschloch untersuchen lassen. Ist nämlich zu Eng.

  • Vor 8 Jahren

    Er hat es wahrscheinlich nicht rassistisch gemeint (Oh Gott, warum verteidige ich überhaupt diesen Spast?), ABER es ist mindestens stereotyp. Und das abmildernde Beispiel mit Eskimos und Gummibärchen passt überhaupt nicht. Der Vorwurf, den man Juden macht, nämlich dass sie den Finanzsektor beherrschen und den "arbeitenden" Schichten das Geld aus der Tasche ziehen, gibt es schon seit Jahrhunderten. Und diese Stereotype wurden nicht zuletzt im NS Regime benutzt, um Heinz Otto und Lieschen Müller gegen ihre jüdischen Nachbarn aufzuhetzen. Vielleicht könnte er ja dafür zum Ausgleich einen Disstrack gegen seine türkischen Landsleute machen, indem er den Völkermord an den Armeniern rap-technisch aufgreift.

  • Vor 8 Jahren

    Interessant in diesem Zusammenhang ist Aykut Anhans Vergangenheit bei den Grauen Wölfen.