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Die Ärzte: Die Aufregung um "Elke" (1)

Die große Festival-Tournee der Ärzte ist schon auf der Zielgeraden, da rauschte es letzte Woche noch einmal im Blätterwald: Die Berliner wollen ihren alten Song "Elke" nicht mehr spielen, der Song sei laut Farin Urlaub "Fatshaming und misogyn". Nein! Doch! Oohh! Kaum mehr Inhalt hatte diese Information zunächst, aber natürlich ausreichend für eine reißerische Headline, die sich in Windeseile verbreitete. Ehemalige Skandalband beugt sich eigenen Skandaltexten: Damit lassen sich in Zeiten von Cancel Culture massig Klicks machen.

Publikationen wie die tz, Der Westen, Welt sowie natürlich Focus und Bild stiegen sofort ein und drehten eifrig an der Empörungsschraube. Den traurigen Höhepunkt lieferte ein Stern-Journalist, der einen "Nachruf auf meine einstige Lieblingsband" verfasste. Selten war man so glücklich über die Bezahlschranke. Die Quelle der ganzen Aufregung war nicht etwa ein Interview mit der Band, sondern der Tweet einer Besucherin des zweiten Berlin-Konzerts.

Zwar konnte man mit ein paar Klicks herausfinden, dass es sich bei Frau Wenckebach offenbar um eine Wissenschaftlerin handelt, deren Tweets mutmaßlich glaubwürdig sind. Der Verlockung von Reizwörtern und dem Zwang zu digitaler Schnelligkeit entkamen aber nicht einmal seriöse journalistische Instanzen wie die Süddeutsche oder die NZZ. Auch dort erschien die Meldung über den "Elke"-Boykott mit dem Quellenverweis "nach Angaben eines Fans". Unter dem Brennglas der Internet-Hysterie haben es Details bekanntlich schwer. So interessierte es die wenigsten, dass die Band den angeblichen "Kultsong" (Bild) Anfang der Nullerjahre zuletzt als festen Bestandteil im Programm hatte. Ganz zu schweigen davon, dass das seither relativ unbeachtet geblieben ist, womöglich weil die Band doch noch ein paar andere Kultsongs im Repertoire hat.

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