Zwei neue Drei-Tages-Festivals sind am Start: große Fotostrecke bzw. Review zu den Erstauflagen.

Gelsenkirchen/München (mab) - Rock im Revier auf Schalke in Gelsenkirchen und Rockavaria im Münchner Olympiapark - beide Festivals gehen am Wochenende erstmals an den Start. Während sich unser Fotograf im Revier umsah, machte sich unser Redakteur nach München auf - checkt ihren Lagebericht.

Fotogalerie Rock im Revier

Review: Der Rockavaria-Freitag

Mittags fallen zwar die ersten Tröpfchen, abgesehen von einem später niedergehenden Minischauer bei Kvelertak und Muse bleibt der erste Rockavaria-Tag der Festivalgeschichte aber trocken. Matschresistent wäre das Münchener Olympiagelände dank großflächiger Betonierung ohnehin gewesen. Den einen freuts, andere weniger: "Wo soll ich mich denn hier im Schlamm wälzen? Ohne Matsch ist das kein Festival!". Nun ja.

Kein Festival? Manche empfinden das so. Nicht nur wegen des fehlendes Drecks, sondern besonders wegen der fehlenden Campingplätze. Ersatzmaßnahme: Camping im Auto am Bahnhof. Oder für das Wochenende bei Münchener Bekannten unterkommen, wie zwei Schweizer aus dem Kanton Uri.

Kein Matsch, kein Camping

Kein Campingplatz bedeutet nicht nur keine Zeltplatzparty, sondern auch die tägliche Anreise mittels öffentlicher Verkehrsmittel. Die Rockavaria-Macher versprachen eine Woche vor Start: Es werde keine Probleme geben, das Festival fällt in einen streikfreien Zeitraum. Stimmt, aber: Man kommt zum Bahnhof - und die Bahn streicht Züge und S-Bahnen. Nicht wegen Streiks, Bauarbeiten sind der Grund. Dafür können die Rockavaria-Verantwortlichen natürlich wenig. Also rauf aufs Gelände.

Dort fällt zuerst auf: Gerade mal die Menge eines mittleren Clubkonzerts bevölkert nachmittags das riesige Olympiastadion. Paradoxerweise vermeldet parallel das winzige Theatron regelmäßig Einlassstopp wegen Überfüllung. Überhaupt: Das Theatron besticht durch seine gemütliche Amphitheater-Atmosphäre. Das perfekte Ambiente für ruhigere Acts. Aber auch Bands wie Kvelertak oder am Sonntag Eskimo Callboy beschallen das beinahe stehplatzlose Steinstufenhalbrund.

In der Olympiahalle gelingt es aufgrund des indoorbedingten Dunkelheitsfaktor den Bands viel einfacher, die Energie aufs Publikum zu übertragen. Ausgerechnet hier gibts dann aber doch Matsch: Soundmatsch. Dafür herrscht überall gute Sicht, sowohl im Steh- als auch im Sitzplatzbereich, was auch an den noch lichten Reihen liegen mag. Beim Verlassen der Halle während Eisbrecher stellt man dann fest: Der Veranstalter erzwingt die lichten Reihen. Gerade mal knapp zwei Drittel der Kapazitäten im Innenraum sind ausgeschöpft, trotzdem flattert Absperrband vor den Zugängen. Wer raus will, um ein Bier zu holen, kommt nicht mehr rein.

Später bei Limp Bizkit betrifft das nicht nur den Innenraum, sondern gleich die komplette Halle: "Wir dürfen niemanden mehr reinlassen. Sicherheitsvorschriften." Dabei bietet eigentlich auch die Tribüne noch jede Menge Platz. Wenigstens bei Muse im Stadion ist der Einlass garantiert. Viele Fans bevölkern jetzt die ehemalige Fußballstätte. Die Stimmung ist inzwischen gut, und alle treten nach den ersten Headliner befriedigt den Heimweg an.

Übrigens unangefochtenes Highlight bisher: Babymetal: "Wie viel Red Bull hat man den Mädels vor der Show eigentlich eingeflößt? Das war schon beeindruckend."

Rockavaria am Samstag

"Es ist sehr entspannt. Das gefällt mir gut", hört man eine Besucherin am Samstag sagen. Dem typischen Festivalpublikum mag das Rocken in der Innenstadt zu Beginn noch suspekt gewesen sein. Dafür erschließen sich ganz neue Zielgruppen: Mittelalterliche Ehepaare machen es sich auf den Sitzplätzen bequem, eine Familie inklusive Opa tut es ihnen gleich.

Für diejenigen, die keine Freunde von tagelangem DIXI-Spaß und engen Zeltreihen sind, entpuppt sich das Rockavaria als gute Alternative zum normalen Festivalalltag - gerade wegen der ungewöhnlichen Lage mitten in der Stadt. Hat man es erst mal in den Olympiapark geschafft, sind zwischen den Bühnen nur wenige Meter zu überbrücken. Dazu verläuft sich alles recht gut. Braucht man mal eine Pause von der Musik, bieten sich See plus Wiese an. Die sanitären Anlagen passen hier von Haus ja eh.

Apropos Pause: Wie sieht es eigentlich mit Rahmenprogramm abseits der musikalischen Hauptunterhaltung aus? Abgesehen von einem Harley-Stand, einem Nachwuchskünstlerprojekt, Essen- und Getränkebuden ist nicht viel geboten. Döner, Pizza, Asia, Burger, Crêpes, Bratwurst, Schupfnudeln - durchaus zu saftigen Preisen): für einen Jackie Cola lässt man bis zu zwölf Taler liegen.

"Die Orga ist super"

Trotzdem schmeckt das Bier gut (bei Hacker statt Becks zahlt man die 4,50 Euro doch gleich viel lieber), und das Personal ist freundlich. Generell punktet das Rockavaria in letzterer Hinsicht. Die Mitarbeiter sind gut informiert und hilfsbereit. Stellt man den Securities eine Frage, erhält man immer eine zufriedenstellende Antwort. Den Satz "Die Orga ist super" vernimmt man öfter auf dem Gelände.

Zurück zum fehlenden Rahmenprogramm: Angesichts der Schlagzahl, mit der sich die Bands abwechseln, fällt das nicht ins Gewicht. Es gibt eigentlich eh immer was zu hören. Obendrein ist das Line-Up musikalisch breit gefächert, durch die Bank hochkarätig besetzt und für Überraschungen gut. Beispielsweise gleich am frühen Nachmittag in der Olympiahalle: Zwar sind noch nicht viele Leute da, doch die Anwesenden sind von den Kalifornier Black Map restlos begeistert.

Einen Dämpfer gibts im Anschluss im Stadion. Erst dauert der Umbau bei Hellyeah ungewöhnlich lange, dann muss der Auftritt wegen technischer Probleme komplett ausfallen. Macht nix. Heute also ohne Vinnie Pauls Doublebass und dafür schnell Richtung Theatron, das auch heute wieder heiß begehrt ist. La Dispute erweisen sich bei bestem Sound als echter musikalischer Leckerbissen. Stimmungsmäßig heizen unmittelbar davor Toxpack der kleinen Bühne gehörig ein.

Kiss und Five Finger Death Punch legen vor

In Sachen Stimmung kann dann erst mal niemand Five Finger Death Punch das Wasser reichen. Das Stadion füllt sich, und Ivan Moody und Co. bekommen die bislang besten Publikumsreaktionen. Selbst Judas Priest schaffen dieses Level hernach nicht.

Kiss aber schon. Die setzen ganz souverän noch was drauf. Paul Stanley dirigiert gut aufgelegt die Masse, die Pyros knallen ununterbrochen, die Konfettikanonen feuern während "Rock And Roll All Nite" durchgehend, Gene Simmons spuckt Blut und schwebt gemeinsam mit Tommy Thayer über dem feierndem Publikum. Zwar ist zwanzig Minuten früher als angekündigt Schluss, was bei einigen Tagesgästen, die heute zahlreicher als am Vortag erscheinen, auf Unmut stößt. Ansonsten gibt es an dem Auftritt aber rein gar nichts zu mäkeln.

Es hat sich tatsächlich gelohnt, dass der Kiss-Aufbau sämtlichen anderen Main Stage-Bands den halben Bühnenraum versperrte. Ob das Metallica am Abschlusstag noch toppen können?

Rockavaria-Sonntag

Können sie. Im Gegensatz zu Kiss ganz ohne Gimmicks. Licht und obligatorische Videoleinwand reichen Metallica. Auf der Bühne stehen einzig Lars Ulrichs Schlagzeug und die Mikros. Den hinteren Stagebereich füllen die Thrasher mit locker hundert Fans, die sich von dort aus das gesamte Konzert ansehen dürfen. Der Snakepit bleibt zwar heute im Gepäck, aber auch so zeigen sich Hetfield und Co. sehr bewegungsfreudig. Dazu hält die Setlist einige Überraschungen bereit: "The Unforgiven II" hört man nicht alle Tage. "Frayed Ends Of Sanity" spielen die Amis mittlerweile auch ganz gern. "Metal Militia" nimmt man ebenfalls gerne mit.

Die Ankündigung, "Songs von jedem Album" spielen zu wollen, macht James Hetfield dann doch nicht wahr ("St. Anger" fehlt), aber man kann ja nicht alles haben. Dank Metallica freut sich das Rockavaria am Sonntag über deutlich gestiegene Besucherzahlen. Überall ist es offensichtlich voller als an den Vortagen - außer im Olympiastadion. Und je näher der Zeiger auf 20:30 Uhr rückt, der Stagetime der Metal-Helden, desto mehr Leute verdrücken sich.

Die meisten verpassen deshalb den vielleicht intensivsten Auftritt des gesamten Wochenendes: Gojira reißen einfach alles nieder. Direkt im Anschluss ein weiteres Highlight bei weiterhin stetig sinkender Zuschauerzahl: Anathema. Die Briten sind zwar keine unbedingt großartige Liveband, ihre Songs sprechen aber für sich.

Mike hatte keinen Bock

Was man bei Faith No More leider nicht gerade behaupten kann. Ganz in Weiß gewandet verwandeln sie die Bühne in einen Blumenladen, zünden aber kein bisschen. Selbst eingefleischte Fans der Band stellen nach dem Auftritt fest: "Das war echt scheiße. Mike Patton hatte keinen Bock". Mag auch am Publikum gelegen haben, das größtenteils auf Metallica wartete. Gut möglich, dass die FNM-Show mit einem Headlineslot und im Dunklen besser funktioniert hätte.

Als Einstimmung für den Metallica-Abend gabs ja schon am Nachmittag dank Exodus und Testament die Bay Area-Vollbedienung. Kreator passen hernach genauso perfekt ins Konzept: "Mille hats einfach noch sowas von drauf!".

Nach dem großen Finale ist übrigens der Großteil der Teilnehmer überzeugt: Das Rockavaria auch. Zunächst mag der andere Festivalansatz mit Skepsis beäugt worden sein. Das Resultat stimmt aber mehr als versöhnlich. Außerdem gilt: "Es war schließlich das erste Mal. Alles kann ja noch nicht perfekt sein. Für ein erstes Mal war es aber verdammt gut!".

Ein amtliches Line-Up

Besonders das bärenstarke Line-Up (Metallica, Kiss, Muse, Judas Priest zum Einstand) sorgte für Freude. Gefolgt von Organisation und auch Location. Campingfeeling geht dem ein oder sicher ab. Zumindest die in München Ansässigen stört das aber wenig: "Besser könnte es für mich kaum sein", sagt nicht etwa der nette Onkel, dessen Rücken zu alt für den Zeltplatz ist, sondern ein Jungspunt in den besten Festivaljahren. Und der öffentliche Nahverkehr spielte schlussendlich doch mit und sorgte dafür, dass die Parksituation für alle mit dem Auto Anreisenden erfreulich entspannt blieb.

Unterm Strich spricht der Veranstalter schon von einem Wiedersehen 2016. Zu überlegen wäre, ob man dann vielleicht noch die Kleine Olympiahalle mit ins Stagespektrum nimmt, um das Theatron zu entlasten und den Andrang auf die dortigen Bands zu entschärfen. Das Rockavaria hätte jedenfalls das Potential, sich als echte Alternative zu etablieren. Ein Festival, das besonders eines in den Mittelpunkt stellt: die Musik.

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5 Kommentare mit einer Antwort, davon 2 auf Unterseiten

  • Vor 4 Jahren

    Die Kiss-Show hätte abgesehen von den Videowalls ganz genau so auch vor 40 Jahren schon stattfinden können. Hat sie wahrscheinlich sogar.

  • Vor 4 Jahren

    Allein für Metallica und Muse hat sich das Rockavaria schon gelohnt, haben beide einen derbe guten Auftritt hingelegt. Orgatechnisch gab es die ein oder andere (erwartbare) Kinderkrankheit, daraus wird man hoffentlich fürs nächste Jahr lernen.

  • Vor 4 Jahren

    Eine sehr, SEHR positiv gestimmte Rezension. Am Inhalt merkt man, dass man mit Presseausweis einfach überall rein kommt. Im Gegensatz zu den "Normal-Fans". Von den fehlenden Dixi-Klos und den wirklich viel zu schnell gesperrten Stages ist hier kaum die Rede. Ein Festival sollte nicht nur aus guten Headlinern bestehen. Nein es sollte vielmehr ein Erlebnis für den Musikliebhaber sein. Und das war Rockavaria bei Weitem nicht. Das Nebenprogramm war hier einfach zu dürftig. Um auf Toilette zu gehen, musste man das Stadion verlassen ^^ und das Theatron war schon Nachmittags wegen Überfüllung geschlossen. Das machen andere innerstädtische Festivals sehr viel besser. Um Namen zu nennen: Maifeld Derby, Sziget, Das Fest. Um eine echte Alternative zu den etablierten Veranstaltungen zu werden, muss sich noch sehr viel tuen!

    p.s. Das die Aussage "Die Orga ist super" auf dem Festival zu hören war, ist übrigends glatt gelogen. "Die Orga ist Schei..." war der überwiegende Tenor.

    • Vor 4 Jahren

      An die Pressemitglieder wurden normale Tickets ausgegeben, die dann gegen ganz normale Bändchen getauscht wurden. Ich habe mich genauso auf dem Gelände bewegt alle anderen Besucher auch. An den O-Tönen kann ich nichts ändern, es war aber tatsächlich so, dass ich von niemandem ein schlechtes Wort über die Orga gehört habe - mal abgesehen von den früh geschlossenen Stages und dem fehlenden Camping, was ja auch im Artikel thematisiert wird. Teilweise kann der Veranstalter da auch einfach nichts dafür - das sind Regelungen des Olympiaparks bzw. der Stadt München. Allerdings muss hier dazugesagt werden, dass es absolut kein Problem war, nachmittags ins Theatron reinzukommen, wenn man sich kurz anstellte und in der Bandpause die Leute wechseln. Zumindest war das jedesmal so, als ich reinwollte. Es gab keine einzige eingeplante Band, die ich wegen Einlassstops verpasst habe.
      Bestes Beispiel, dass sich anstellen lohnt: Metallica. Erst während Faith No More wieder ins Stadion gekommen, für den vordersten Block angestellt und reingekommen.
      Scheinen also doch irgendwie funktioniert zu haben die Ordner-Maßnahmen.