Tell lässt grüßen: Schweizer Musikfans fordern das staatliche Radio DRS 3 auf, die unlauter ermittelten Charts von Media Control abzusetzen.

Zürich (joga) - Charts-Manipulationen gibt es in vielen Ländern. Doch in der Schweiz ermittelt nun sogar die staatliche Wettbewerbskommission gegen Labels wie Universal, Sony, Warner und EMI.

Es besteht der Verdacht, dass die großen Plattenfirmen gegen das Kartellrecht verstoßen und kleinere Konkurrenten mit unlauteren Mitteln aus dem Markt gedrängt haben. Vor allem die von Media Control erstellten Charts sollen wiederholt verfälscht worden sein. Dabei bewiesen die mutmaßlichen Fälscher eine rege Phantasie.

Chartserfolg durch fleißiges Einkaufen

Bereits 1995 hat einem Bericht der NZZ zufolge ein Mitarbeiter von Sony, der die Liste der für die Hitparade maßgeblichen Verkaufsstellen kannte, seine eigene Band durch fleißiges Einkaufen in die Charts gebracht. Auch der erstaunliche Chartserfolg der Band des Geschäftsführers von Media Control Schweiz, zuvor bei Warner Music tätig, macht die Ermittler misstrauisch.

Ein früherer Label-Manager enthüllte gegenüber der NZZ einen weiteren Trick: "Großen Handelsketten gaben wir neue CD günstiger ab, im Gegenzug frisierten sie in der ersten Woche die Verkaufszahlen." Und eine frühere Mitarbeiterin von Media Control räumt ein: "Natürlich spiegelt die Hitparade nicht den Markt, sondern die Verkaufsstrategie derer, die sie in Auftrag geben."

Radiopublikum in die Irre geführt?

Das staatliche Schweizer Radio DRS 3, das die Media Control-Charts jeden Sonntag ab 13 Uhr spielt, muss sich nun vorwerfen lassen, das Publikum jahrelang mit der Bezeichnung offizielle Schweizer Hitparade in die Irre geführt zu haben. Dass Gebührenzahler die teuren Ausstrahlungsrechte finanzieren, macht die Sache nicht besser.

Das Musikmagazin 78s fordert mittels Online-Petition, der Sender solle auf die Ausstrahlung verzichten, bis er eine "eine neutrale, den Markt tatsächlich widerspiegelnde Rangliste" sicher stellen könne. Am Sonntag zum Sendebeginn der Charts um 13 Uhr will man die Petition (knapp 1.000 Unterzeichner am Donnerstag Abend) übergeben.

Bei DRS will man erst einmal die Ergebnisse der Ermittlungen abwarten, obwohl sich auch hier bereits Unmut regt: Der Musik-Chef beim Schweizer Radio und Fernsehen fordert: "Ich erwarte, dass das Charts-Reglement möglichst rasch offengelegt wird".

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