Regisseur Sam Cahill lässt die letzten beiden Jahre des Künstlers Revue passieren: packend, aber ohne Tiefgang.

Cleveland (Ohio) (rnk) - Privatjet, fanatische Kids auf den Konzerten und eine Menge Internet-Hass: Schon der Anfang von "Life In Pink" zeigt Colson Baker aka Machine Gun Kelly als polarisierenden Star, der eine Unmenge von Fans erreicht und trotz seines Erfolges aber auch eine Menge Hass aushalten muss. Hass-Nachrichten auf Twitter erscheinen, ein wütendes Publikum beschimpft den hünenhaften Blonden.

Es sieht so aus, als könne es MGK keinem recht machen. Fans seiner Rap-Alben scheinen enttäuscht von seinem Switch zum punkigen Sound von "Tickets To My Downfall". Kein aggressiver Rap mehr, sondern eine Art Hommage an den Pop-Punk der Nullerjahre. Lustig natürlich, dass die Punk-Police auch die Vorbilder wie Blink182 stets für ihren angeblichen Sellout schmähte und deren Fans MGK nun ungefähr das Gleiche ankreiden. Erfolg ruft leider immer wieder Neider auf den Plan, und oben an der Spitze scheint es in der Tat sehr einsam zu sein. Ruhm und Anerkennung sind schon wichtig, aber die Anzahl der Feinde verringert beides nicht. So wütet Corey Taylor über den "Poser" und scheint dabei zu vergessen, dass man seiner Band Slipknot in ihren Anfangstagen exakt die gleichen Vorwürfe machte.

Auf der Überholspur

Auf den ersten Blick fragt sich der Zuschauer allerdings schon, was genauso unfassbar schlimm an diesem Leben sein soll. Der Gepeinigte fährt einen Luxus-Schlitten, hat eine liebe, aufgeweckte Tochter, und neben Megan Fox aufzuwachen, dürfte auch nicht gerade in den Albträumen von Normalos auftauchten. MGK brettert mit Höchstgeschwindigkeit über den Highway und wird, vollkommen überraschend, von der Polizei angehalten. Die scheint das Spiel bereits zu kennen und wundert sich, warum er auch diesmal wieder keinen Führerschein dabei hat. Der Zuschauer auch, aber anscheinend kommt man als Superstar damit durch. Die Szene suggeriert anfangs noch Rebellion, aber verpufft letztendlich als unspektakuläres Geplänkel. Soll das hier wirklich People of Colour mit ihren Erfahrungen mit Polizeigewalt beeindrucken?

Hochgeschwindigkeit als Metapher passt natürlich trotzdem. Wie bei vielen Künstlern, so gibt es auch in diesem "Life In Pink" keine Ruhe. Immer weiter, das Gehirn unter Strom und der Erfolg als Garant für den Selbstwert. Ein Nummer-eins-Album reicht nicht, wenn das zweite diesen Erfolg nicht bestätigt und ebenfalls auf die Pole Position klettert. Mit dieser Einstellung treibt MGK die Leute um sich herum in den Wahnsinn und verliert die Bindung zu seiner Familie.

Die einzige vernünftige Stimme

Er möchte nicht nur von Fans geliebt werden, auch die Kritiker sollen endlich etwas Liebe zeigen. Liebe, wie sie seine wirklich sympathische Tochter zeigt, die ihren kaputten Daddy trotz all seiner Fehler liebt und ständig in Schutz nimmt. Sie wirkt zwischen alle diesen Musiker-Mann-Kindern ironischerweise wie die einzige vernünftige Stimme. Kein Wunder, wer ein großes Kind wie MGK als Vater hat, muss wahrscheinlich selbst schnell erwachsen werden und auf ihn aufpassen.

Einen anderen Mentor findet er in Travis Barker. Der Blink 182-Drummer nimmt ihn wie einen kleinen Bruder als Mentor unter seine Fittiche, leider bekommt man trotzdem keinen weiteren Einblick in den kreativen Prozess, der daraus resultiert. So, wie es aussieht, muss "Trav" aktuell ohnehin erst einmal die Folgewirkungen seines Rockstar-Lebens auskurieren.

Im Stil eines TikTok-Videos

Der Stil der Doku lässt keine Tiefe zu. Ungefähr 100 Cuts pro Minute peitschen den Zuschauer durch das Leben von Kells, wie ihn seine Freunde nennen. Alles auf der Überholspur, jede Sequenz ungefähr in der Länge eines TikTok-Videos. Dafür verantwortlich zeichnet Sam Cahill, ein 24-jähriger aufkommender Video-Producer aus Seattle. Er sammelte bereits Erfahrungen im Werbebereich und in Musikvideos. Genauso wirkt auch der überlange Trailer, der immer etwas anteasert, seinem Protagonisten aber nie eine andere Chance gibt, als ein paar Sätze zu murmeln und wieder im Effekt-Feuerwerk zu verschwinden.

Das alles konterkariert das sichtliche Bemühen von Kelly, als authentischer Star wahr genommen zu werden. Einmal ist ihm ein Bühnenbild selbst unangenehm. Als ob man auf einen Picasso noch einmal zehn Instagram-Filter lege, wütet er über diese Neuronen-Reizung, die von der eigentlichen Kunst ablenke. Schade, dass sein Filmmacher-Kumpel genau so verfährt. Rasante Drohnenfahrten, GoPro und immer wieder Cuts, Cuts, Cuts: Schon nach dem ersten Drittel drückt einen diese Überflutung tief in die Couch, nach etwas mehr als zwei Stunden hilft nur noch Durchatmen. Aber genau wie TikTok, adressiert die Doku auch keinen Ü40-Rezensenten, eher entspricht sie dem Style, den Insta- und TikTok-Kids eben so kennen. Im sprunghaften Wechsel zwischen Depressionen und Hyperaktivtät zeichnet sie vielleicht sogar ein präzises Abbild der Gen Z.

Rockstar der Gen Z

Nur einmal hält diese Höllenfahrt inne. In wirklich intensiven Minuten spricht MGK über einen düsteren Moment, in dem er in folge einer Drogen-Paranoia fast durchdrehte und nicht mehr vor einem Selbstmord-Versuch zurückschreckte. Ein Moment, in dem Kelly wohl seinen ungesunden Lebensstil einsah, aber sofort wieder mit einer neuen Sucht ersetzte. Perfektionismus und krankhafter Ehrgeiz übernehmen nun die fragile Persönlichkeit, die innen drin immer noch wie unsicheres Kind agiert.

Kein Wunder, dass die jungen Fans damit connecten. Selbsthass, Zweifel und Selbstzerstörung dürften wohl jeden Musikhörer in diesem Alter ansprechen. Da mag der Output noch so generisch geraten, aber der große, bleiche Anfang-30-Jährige ist 2022 wahrscheinlich der größte Rockstar einer Generation. Da können Nirvana-Jünger der ersten Stunde wehklagen und die Alben im Grunde genommen mediokrer Pop-Punk sein, aber ist nun einfach so. Dass ein tot geglaubtes Genre, sieht man von Festivals ab, überhaupt die Gen Z anspricht, ist dann eben auch ein Verdienst dieser polarisierenden Figur. Der Erfolg von Colson macht jedenfalls klar, dass sich mit den richtigen Themen, die authentisch die Lebenswelt der Kids spiegeln, bei diesen eine Begeisterung für Rockmusik entfachen lässt.

"Life In Pink" erschien ursprünglich auf Hulu, in Deutschland ist die Dokumentation über den Streamingdienst Disney+ verfügbar.

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