In seiner Reihe Kunst und Kopfkrieg spricht Laurens Dillmann mit Künstler/innen über ungerade Lebenswege, Depressionen und Wege aus der Krise.

Konstanz (laut) - Die Rapperin Toni Strange macht im Soundcloud-Untergrund erstmals mit ihrem harten, trappigen Sound auf sich aufmerksam. Es folgt ihre erste EP "gefühle" (2017), in der sie schonungslos ihr Innerstes nach außen kehrt - ein schmerzerfüllter Aufschrei aus der dunklen Nacht der Seele und ein Krisenbericht über Liebe in Zeiten der Depression. Das Video zu "gefühle IV" wird als JUICE-Premiere veröffentlicht und stößt auf eine breite Resonanz. 2019 erscheint die EP "Lust & Liebe", die von ihrem turbulenten Prozess der Trennung und Loslösung am Ende einer Beziehung erzählt.

Toni Strange steht für radikalen Selbstausdruck und verwischende Genregrenzen zwischen Rap und experimentellem Pop. Ob seelische Abgründe, romantische Begegnungen oder tiefe Liebe – Toni lässt dich in ihre innere Welt hineinblicken und lädt dich ein, dort auch ein Stück von dir zu finden. Denn unsere Gefühle machen uns menschlich und sind das, was uns alle verbindet.

Laurens Dillmann: Was bringt dich dazu, dich in deiner Kunst über deine Depressionen zu offenbaren?

Toni Strange: Das ist tatsächlich eine gute Frage. Einmal ist es für mich eine Errungenschaft. Weil ich früher überhaupt nicht über Gefühle reden konnte. Ich konnte auch nicht darüber reden, als ich depressiv wurde. Ich war komplett darin gefangen. Mittlerweile ist die Musik ein Ventil. Klar, ich könnte es ja auch für mich behalten. Ich will aber kein Blatt vor den Mund nehmen. Ich finde es gut, dass Menschen das hören. Aber manchmal stelle ich mir die Frage auch. Irgendwann ist es vielleicht Zeit, damit aufzuhören.

Würde ja auch heißen, es ist Zeit, seine Depression loszulassen.

Genau. Da gibt es eine Verbindung. Mir ist es viel wichtiger, dass es mir gut geht als dass ich Musik darüber machen kann, wie schlecht es mir geht. Wobei ich diese Gegensätze zusammenführen möchte. Es ist nicht nur gut oder nur schlecht, sondern ambivalent und das kann man annehmen. Und auch wenn es mir gut geht, darf es eine dunkle Seite in mir geben und das muss sich nicht widersprechen. Depressionen sind ja zum Glück auch nicht der einzige Inhalt meiner Musik. Bei Lust & Liebe wollte ich auch ganz bewusst eine fröhlichere Seite zeigen, die den Moment genießt und nicht alles so schwer nimmt.

Was für Reaktionen hast du bislang auf deine Musik bekommen?

Ein einschneidendes Erlebnis war vor kurzem ein Auftritt in Hannover. Da sind zwei Menschen auf mich zugekommen, die mir sagten, wie viel ihnen meine Kunst bedeutet. Dass ich ihnen geholfen habe, indem sie sich in meinen Worten wiederfinden konnten. Das ist wirklich ein Grund, der mich antreibt, weiterzumachen. In solchen Gesprächen entstehen Verbindungen zwischen Menschen.

Was tauschen zwei Menschen untereinander aus, die wissen, wie sich eine Depression anfühlt?

Für mich geht es weniger um den Inhalt,sondern um ein Gefühl, dass beide Einblick in etwas haben, was nicht jeder Mensch sehen und verstehen kann.

Welche Rolle spielen Beziehungen für deine Musik?

Meine Beziehungen zu anderen sind das, was mich am meisten in meinem Leben inspiriert. Sobald ich Erfahrungen mit anderen Menschen mache, auch in romantischer und sexueller Hinsicht, habe ich sofort den Impuls, darüber Musik zu machen. Die Zeilen kommen einfach.

Deine letzte EP "Lust & Liebe" dreht sich stark um eine vergangene Beziehung. Wie hat die Person, um die es dabei geht, auf deine Kunst reagiert?

Er liebt meine EP. Er findet zu 100 % gut, was ich mache. Er hat mir den Mut gegeben, an mich und meine Individualität zu glauben. Mich überhaupt als künstlerische Person zu begreifen. Ohne ihn hätte ich mich niemals mit meiner Musik nach außen getraut. Ich habe ihm echt viel zu verdanken.

Sucht man sich aus manchmal Menschen für Beziehungen, die einen nicht glücklich machen?

Mit diesem Menschen habe ich überhaupt das erste Mal die Erfahrung gemacht, dass sich Beziehung auch schlecht anfühlen kann. Aber auf der anderen Seite war diese Beziehung eine der bereicherndsten Erfahrungen, die ich bisher in meinem Leben machen durfte. Unser Austausch hat mir unglaublich viel gegeben, und ich habe viel dazugelernt auf verschiedensten Ebenen. Deswegen würde ich nicht sagen, dass es eine Beziehung war, die mich nicht glücklich gemacht hat. Es war eher eine besondere und sehr intensive Erfahrung mit Extremen auf beiden Seiten. Das hat auch die Trennung ganz besonders schwer für mich gemacht.

Wünschst du dir, dass Männer offener über ihre Gefühle sprechen?

Meine persönlichen Erfahrungen mit Männern sind ganz anders als es dem Klischeebild entspricht. Ich kenne eigentlich nur Männer, die offen ihre Gefühle zeigen. Meine Partner haben mir das sogar beigebracht, weil ich es früher nicht konnte. Ich bin oft überrascht, wie offen viele Männer sind und ich bin manchmal richtig beeindruckt davon.

Warum konntest du deine Gefühle früher nicht zeigen?

Weil ich davon abgeschnitten war. In meiner Familie gab es keine Gespräche über Gefühle. Durch meine Öffnung in den Jahren ist eine Art zweite Version von mir entstanden, die ihre Gefühle integriert hat und ihnen Ausdruck verleiht. Meine Musik hat extrem viel mit dieser neuen Version von mir zu tun.

Was hält deine Familie von deiner Musik?

Ich rede mit meiner Familie im Grunde nicht darüber, weil ich in meiner Musik genau die Dinge anspreche, die in meiner Familie keinen Platz hatten. Ein Teil meiner Persönlichkeit und meines Fühlens wird von meiner Familie nicht wahrgenommen. Aber ich weiß, dass meine Eltern und Geschwister mich lieben, und das hilft mir, ihre Limitierungen zu akzeptieren.

L: Hast du dich von den Menschen gesehen gefühlt, denen du deine Depression offenbart hast?

Ehrlich gesagt, von sehr wenigen. Das macht mich traurig. Aber mein Weg ist, zu akzeptieren, dass es nicht immer möglich ist, von Familie und Freunden vollständig verstanden zu werden. Gnädig zu sein und anzunehmen, dass es nicht leicht nachvollziehbar ist für jemanden, der nicht weiß, wie sich Depression anfühlt. Ich musste lernen, selbst damit klarzukommen und mich nicht davon abhängig zu machen, dass andere meinen Schmerz verstehen oder mich unterstützen. Sonst wäre ich daran zugrunde gegangen.

Was braucht man, um einen depressiven Menschen zu verstehen?

Es ist wichtig, keine Angst zu haben. Geduld und Interesse. Empathie, sich mit Menschen wirklich auseinanderzusetzen. Und mir ist wichtig nochmal zu betonen, dass jede Depression unterschiedlich ist. Manche sind es seit ihrer Kindheit, sind von Natur aus melancholisch. Meine Persönlichkeit ist eigentlich total positiv, immer fröhlich, ein guter Blick auf alles und das ist auch nach wie vor so. Ich war 19 Jahre alt, als ich das erste Mal Zustände erlebt habe, in denen einfach gar nichts mehr ging. Man kann diese Bandbreite unmöglich unter dem Wort Depressionen zusammenfassen. Ich will mich auch gar nicht unter diesem Label sehen, es ist nur ein Teil von mir, über den ich Musik gemacht habe.

Was kann man konkret tun, wenn man depressiv ist?

Den Punkt, an dem ich jetzt bin, habe ich zu 100 % mir selbst zu verdanken. Ich habe radikal, alles, was mir nicht gut getan hat, aus meinem Leben geschmissen. Es ist wichtig, dass man analysiert, wie man handelt, wo man sich selbst das Leben schwer macht. Und neue Verhaltensmuster erlernt. Gesunde Ernährung. Ausreichend Schlaf. Sport machen, am besten täglich. Sich mit Menschen umgeben, die einem guttun und dich aufbauen. Gesundheit und Wohlbefinden sollten ganz oben stehen. Alles, was ich in meinem Leben mache, ist darauf ausgerichtet.

Ich kann nur empfehlen, selbst aktiv zu werden. Und das als Prozess verstehen, über Jahre hinweg. Aus einer achtsamen Perspektive auf sich selbst blicken, nicht nur schwarz weiß "mir geht es gerade so schlecht". Eher "mir geht es gerade wieder schlecht, aber im Vergleich geht es mir viel besser als es mir vor einem Jahr ging". Dankbarkeit über das Gute, was einem passiert, und sei es nur, wenn der Späti-Verkäufer nett zu dir ist. Ich kann auch Medikamente empfehlen, für mich war es das Richtige. Da gibt es nichts zu verteufeln. Nehmt alles in Anspruch, was es besser macht und entscheidet euch voll und ganz dafür. Proaktivität heißt, sich selbst als handlungsfähig zu erleben. Den Einfluss, den man nehmen kann, zu 100 Prozent zu nutzen. Depression ist eine behandelbare Krankheit und Verbesserung ist in den allermeisten Fällen möglich.

Und die Erkenntnis, dass der Perspektivenwechsel im eigenen Denken stattfindet. Dieselbe Stimme, die einem eingeredet hat, wie schlecht alles ist, kann auch das Gegenteil aussagen.

Ich habe viele Jahre so sehr gelitten, dass ich mir nicht sicher war, ob ich überhaupt weiterleben will. Von zwanghaften Selbstmordgedanken bis zu einem Gefühl der Ausweglosigkeit, dass es einfach besser wäre, dem Ganzen ein Ende zu bereiten. Aber irgendwann habe ich eine Entscheidung getroffen und mich für die Flucht nach vorne entschieden. Seitdem geht es mir besser und besser. Noch etwas, das mir wichtig ist: Depression kommt nicht von irgendwoher, sondern hat strukturelle Gründe. Nämlich die menschenfeindlichen gesellschaftlichen Verhältnisse im Kapitalismus. Das sollte auch bei einem persönlichen Gespräch wie diesem nicht vom Tisch fallen.

Weiterlesen

laut.de-Porträt Toni Strange

Toni Strange macht aus ihren Gedanken und Gefühlen keinen Hehl. Erst recht nicht aus den düsteren. Die Berliner Rapperin, die der Soundcloud-Generation …

Noch keine Kommentare