"Entspannung ist völlig verloren gegangen. Was ist Entspannung heute? Du sitzt vor einem Bildschirm und lässt dich berieseln."

Berlin (dill) - Kex Kuhls musikalische Anfänge liegen im unnahbaren Battlerap, wo er Punchlines auf andere schießt. Bis zu seinem letzten, auf der Akustikgitarre komponierten Studioalbum "Stokkholm", der Abkehr vom klassischen Rap und der Offenbarung seiner Depression ist es ein weiter Weg. Als Kind wechselt er ständig den Wohnort, macht früh Erfahrungen mit Rassismus. "Ich habe einen Grund, Menschen nicht zu mögen", sagt er heute. Panikattacken und Nervenzusammenbrüche begleiten ihn noch immer. Ich treffe ihn und seinen Hund Sucuk im Kreuzberger Viktoriapark, um nachzufragen, wie man sich in die Panik hineinentspannt.

Laurens Dillmann: Mir haben Naturaufenthalte immens geholfen, mich besser selbst wahrzunehmen. Wie sind deine Erfahrungen damit?

Kex Kuhl: Meine Therapeutin sagte damals: Ich kann Ihnen empfehlen, Sport zu machen. Und ich so ironisch: Ja, klar. Sport! Aber ich habe es gemacht, ich habe die Wohnung verlassen. Ich konnte nicht joggen, weil ich immer Angst hatte, dass mein Herz stehen bleibt.

"Zig Herzen auf dem Weg gebrochen, irgendwann aufgewacht / Vielleicht der Grund dafür, dass meins häufig Pause macht" (Kex Kuhl - "Menschen Pt.2")

Ich dachte immer, wenn ich dann hinfalle und mich niemand findet, dann wars das. Deswegen bin ich am Anfang immer nur Runden ums Haus gelaufen, drei Kilometer am Stück. So waren meine ersten Erfahrungen, dass an die frische Luft gehen hilft. Vitamin D, die Sonne sehen. Das habe ich weiter ausgebaut, weil ich merkte, es tut mir gut. Ich bin immer größere Strecken gelaufen, durch Felder und Wälder. Es hat mein Selbstbewusstsein und das Vertrauen in meinen Körper gestärkt.

Bist du stabil?

Ja, ich bin viel stabiler als früher. Sonst hätte ich mir nie meinen Hund Sucuk geholt. Sucuk, komm her! Sorry, er ist gerade in seiner rebellischen Phase. Also, ab und an habe ich noch Panikattacken, aber ich muss dann keinen Krankenwagen rufen. Mittlerweile kenne ich das Muster und ich harre diese halbe Stunde einfach aus. Wenn ich einen tiefdepressiven Tag habe, weiß ich, dass es vorübergeht. Dann gehe ich raus, joggen, und es geht mir besser. Spätestens am nächsten Tag hat man etwas davon.

Auch die Atmung spielt eine große Rolle. Du hast mal etwas von der 478-Atembande erzählt.

(Lacht) Ja, das habe ich mir sogar auf die Hände tätowiert. Ist leider weggegangen. Man atmet vier Sekunden ein, hält die Luft sieben Sekunden an und achtet sie für acht Sekunden aus. Es hilft, sich zu entspannen.

Was für ein Verhältnis hat man zu seinem Körper, wenn man depressiv ist?

Am Anfang ist gar kein Verhältnis da. Ich hatte meinen Körper gar nicht im Blick, war null in mich gekehrt. Ich hatte keine innere Stimme, auf die ich höre konnte. Irgendwann musst du dich damit beschäftigen, weil dir gar nichts anderen übrig bleibt. Außer du pumpst dich mit fünf, sechs Medikamenten voll. Diese Krankheit hat mein Verhältnis zu meinem Körper auf jeden Fall verbessert. Es hat mich aufmerksamer für mich selbst gemacht. Ich merke jetzt viel früher, irgendwo in meinem Bauch, wenn mir etwas nicht gefällt und mich unwohl fühlen lässt.

Also hat Depression dir auch etwas gegeben?

Sehr viel sogar. Ehrlich gesagt, bin ich froh, dass das passiert und auch früh genug passiert ist. Dass ich noch etwas daraus schöpfen konnte und nicht daran kaputt ging. Ich habe Glück gehabt. Ich weiß jetzt auch, wieso ich so bin, wie ich bin. Ich habe mein Leben lang Scheiße gefressen und hatte viel mit Rassismus zu kämpfen.

"Weiß noch meine erste Begegnung mit einem Nazi, ich war sechs und er hielt uns mit 'nem Messer im Zaum / Doch Papa brachte uns bei, dem Wichser auf die Fresse zu hau'n / Mama brachte uns bei, dass sich dieses Gestreite nicht lohnt / Doch war Frieden meistens keine Option" (Kex Kuhl - "Sohn")

Was hat die Begegnung mit Rassismus mit dir gemacht?

Dieser Nazi, der mich und meinen Bruder gezwungen hat, Liegestütze zu machen, hat mein komplettes Vertrauen in die Menschheit zerrüttet. Das war eines der krasseren Beispiele, aber es fand ständig statt. Als ich klein war, ist super viel schief gegangen. Dafür konnten meine Eltern nichts, es kam von außen. Meine Mutter wurde um Geld angebettelt, während ich auf ihrem Arm war. Sie hatte keine Hand frei, hat ihren Geldbeutel hingehalten und gesagt: "Nimm, was du brauchst." Der Typ hat alles genommen und ist losgerannt. Zwei Beispiele von vielen. Ich habe einen Grund, Menschen nicht zu mögen. Das hat sich bis heute nicht geändert. Meine Grundhaltung ist gegenüber jedem, den ich kennenlerne: Vielleicht willst du mir etwas Böses. Beweis mir erstmal das Gegenteil.

Was hat dich bewogen, Therapie zu machen?

Ich konnte die banalsten Sachen nicht. Rolltreppe fahren. Das war der Horror. Auf jeder Rolltreppe eine Panikattacke. U-Bahn fahren. Um solche Sachen wieder machen zu können, habe ich die Verhaltenstherapie gemacht. Mein Therapeut sagte, ich muss mich konfrontieren. Also bin ich so oft es ging, Rolltreppe, Aufzug und Bahn gefahren. Selbst wenn ich laufen konnte, bin ich trotzdem Bus gefahren. Wenn dann die Gedanken kommen: Ich falle um, ich werde sterben, die Welt geht unter, hält man sich vor Augen: Wie oft ist das eigentlich nicht passiert? Dann realisiert man langsam, dass man es sich nur im eigenen Kopf so schlimm ausmalt.

Wie hat dein Therapeut es geschafft, dass du dich ihm anvertraut hast?

Eigentlich war das ein Typ, dem ich mich nicht anvertrauen würde. Sein Büro war komplett altbacken. Auf seinem Teppich lagen zwei tote Wespen. Ich konnte nicht aufhören, hinzugucken. Während jeder Sitzung, ein halbes Jahr lang, lagen die da (lacht). Trotzdem konnte ich mich ihm anvertrauen, weil er ruhig war. Er war nicht zu fordernd, aber auch nicht zu lasch. Er hat mir innere Ruhe vermittelt, und das ist ein schönes Gefühl. Da habe ich tatsächlich auf meinen Bauch gehört.

Ich gehe viel in die Natur, weil ich mein Bauchgefühl zurückgewinnen möchte. In der sogenannten Alternativmedizin wird oft vom "inneren Arzt" gesprochen.

Antidepressiva haben mir sehr geholfen, ohne die hätte ich mich nicht so schnell aufraffen können. Aber den Löwenanteil müssen wir selbst machen. Ärzte oder Therapeuten können dir nur den Weg aufzeigen, den du selbst gehen musst. Du bist für dich selbst verantwortlich. Ich habe seit fünf Jahren bis heute meine Tavor-Notfalltabletten nicht geöffnet, das Sicherheitssiegel ist noch dran. Darauf bin ich sehr stolz.

"Was wollt ihr mir groß erzähl'n, von rotem Teppich, Dope und Schnee? / Ich hab' mit 26 den scheiß Tod geseh'n" (Kex Kuhl – "Alte Götter")

Wenn du auf der Bühne stehst, musst du stabil sein. Macht dir das Druck?

Damit hatte ich noch nie Probleme. Eigentlich gibt mir die Bühne Stärke und ein Gefühl der Sicherheit. Die Bühne ist nicht das Problem, die Alltagssituationen sind es. Im Aldi hatte ich schon so oft Nervenzusammenbrüche. Dreimal habe ich in meinem Leben den Notruf gewählt. Wie ist es eigentlich bei dir?

Seit ich weiß, wie sich Depression anfühlt, sehe ich sie vielen Menschen an. Ich würde mir wünschen, dass mentale Gesundheit von klein auf und auch in der Schule eine wichtige Rolle spielt. Dass es noch nicht so ist, macht mir Weltschmerz.

Den fühle ich auch. Meine kleine Schwester hat gerade ihr Abitur abgeschlossen. Sie ist in diesen G8G9-Wahnsinn reingeraten. Sie war nervlich am Ende. Es kann doch nicht die Aufgabe der Schule sein, den Kindern mit 18 eine Lernpsychose zu verschaffen. Wenn ich mal Kinder in diese Welt setzen sollte, werde ich sie auf alternative Schulen schicken. Ich kenne viele Menschen aus Walddorfschulen, die zu Musikern oder Schriftstellern geworden sind. Ich finde das schön und ich finde es schade, nicht auf so eine Schule gegangen zu sein.

Wie sind deine Erfahrungen mit alternativen Heilmethoden?

Ich habe Meditation und Yoga gemacht, auch wenn ich nicht so aussehe (lacht). Das hat mir unfassbar geholfen. Ohne die Schulmedizin wäre ich diesen Weg nicht gegangen, ohne Naturheilkunde wäre ich nicht da, wo ich jetzt bin. Akupressur und Akupunktur sind super, das hilft mir total. Fußreflexzonenmassage bei sich selbst machen. Ich habe mich da reingefuchst, um mir selbst helfen zu können.

Schulmedizin hat mir einen guten Weg bereitet. Ich schleiche meine Antidepressiva noch immer aus, extrem langsam. Ich will nicht irgendwann wieder mit Citalopram anfangen müssen. Ich will weg von dieser Chemie. Die Nebenwirkungen sind schlimm. Ich habe manchmal Zucken im Bein oder im Finger. Oder eine komische Wahrnehmung. Das führt wiederum zu schlimmeren Gedanken, was bei mir wieder zu Panik führt.

Ich glaube auch, dass es viel mehr Menschen braucht, die die Missstände unseres Gesundheitssystems ansprechen.

Die Zeit, in der ich das Haus überhaupt nicht verlassen wollte, war in Stuttgart. Diese ekelhafte Industriestadt, wo du zusammengepfercht im Kessel sitzt und die Bahn voller verkniffener Leute ist, die gerade vom Mercedes-Werk kommen. Ich will nicht raus, ich will nicht seltsam angeguckt werden, weil ich lache! Es sollte andersrum sein: Dass Menschen zu dir kommen und dich fragen, wieso du eigentlich nicht lachst.

Meine Tante ist Heilpraktikerin. Sie sagte zu mir: Viele indigene Stämme wie zum Beispiel die Indianer halten Depression für etwas ganz Normales. Es ist der Schritt in die Erwachsenenwelt. Vom Jungen zum Mann, vom Mädchen zur Frau. Die Jugendlichen müssen sich dann alleine durchschlagen. Sie gehen in die Wildnis, kommen nach zwei Monaten wieder und sind gefestigt und gestärkt. Das sind Erfahrungen von Naturverbundenheit, Innenschau, Ruhe und Abstand, die wir kaum noch machen. Die Leute werden gedrillt, direkt nach der Schule ins Studium und direkt nach dem Studium in die Arbeit zu gehen. Was spricht dagegen, ein Jahr überhaupt nichts zu tun? Eine Art Sabbatjahr mit sich selbst. Entspannung ist völlig verloren gegangen. Was ist Entspannung heute? Du sitzt vor einem Bildschirm und lässt dich berieseln.

"Schwank zwischen 'Nehm dir das Leben' und 'Immer schön lächeln und nicken' / Noch fünf Minuten, dann kann ich weg von hier, kiffen" - Kex Kuhl - "Kompliment"

Ich habe jahrelang die Grinsekatze gemacht. Jaja. Lächeln und Nicken. Aber in deinem Kopf passieren ganz andere Dinge, dein Gesichtsausdruck spiegelt deine Gefühle nicht wider. Zu dieser Zeit wusste ich noch nicht, dass ich eine Depression habe. Ich habe es auf meinen Menschenhass geschoben. Die da sind alle scheiße, deswegen fühle ich mich unwohl. Bald bin ich hier raus. Ich sage immer, ich war mehr Ego als Seele. Bis meine Depression ausgebrochen ist, habe ich mein Ego gefüttert. Ich habe mein Abitur gemacht, Musik gemacht, die krassesten Punchlines aufgeschrieben. Ich war heftig saufen, wollte immer noch zwei Bier mehr trinken als jemand anders. Ego-Gepushe. Aber ich habe absolut nichts für meinen Seelenfrieden getan. Null.

Was würdest du jemanden raten, der jetzt am schlimmsten Punkt ist, an dem du damals warst?

Es geht vorbei, und zwar in 20 Minuten. Das sind 20 Minuten, nicht zwei Stunden. Es ist bald vorbei und du wirst nie wieder an diesen Punkt kommen. Wenn du ihn einmal hattest, wird es nie wieder so schlimm. Das finde ich sehr beruhigend. Außerdem ist mir wichtig, sich sowohl Schul- als auch Alternativmedizin anzuschauen. Ich glaube nicht, dass es eine allgemeingültige Lösung für Depression, Panikattacken oder Angststörungen gibt. Ich habe mich durch vieles durchprobiert und bin irgendwann bei meiner persönlichen Mischung aus Sport, ganzheitlicher Medizin und Naturspaziergängen mit meinem Hund gelandet.

In seiner Reihe Kunst & Kopfkrieg spricht Laurens Dillmann mit Künstlern und Künstlerinnen über Ruhm, mentale Gesundheit und Wege aus der Krise. Er bietet Waldbaden auf Spendenbasis an.

Weiterlesen

laut.de-Porträt Kex Kuhl

Die Teilnahme beim Battle-Rap-Turnier VBT ebnete schon so manchem aufstrebenden deutschen Hip Hopper den Weg nach oben. Auch der gebürtige Augsburger …

1 Kommentar mit 4 Antworten

  • Vor 15 Tagen

    er sollte ein lied darüber machen, wie es ist in der therapiegruppe zu sitzen und links und rechts erzählen alle was von missbrauch, vergewaltigung, schwerer krankheit und tod während er sagt: Nazi hat mich vor 30 jahren gezwungen liegestütze zu machen

    • Vor 15 Tagen

      Oder eins darüber, wie Leute im Internet Depressionen nicht für voll nehmen

    • Vor 15 Tagen

      Wie schaffst du es nur in deinem Kopf so einen Vorfall zu bagatellisieren? Wenn die Geschichte stimmt, dann wurde er als kleines Kind mit einer Waffe bedroht und genötigt, etwas gegen seinen Willen zu tun. Klar, es gibt auch "schlimmere" Sachen, die dir passieren können, aber das ist doch schon eine Hausnummer?

      Abgesehen davon, was Neran sagt. Depressionen sind nicht grundsätzlich mit Traumata verknüpft. Du kannst auch ein ganz normales, schönes, behütetes Leben haben und schwere Depressionen bekommen...

    • Vor 15 Tagen

      So ist es, verehrter Caps! Depressionen sind oft ein Zeichen des Normalisierungswahns der Gesellschaft und der Absurditäten, die sich im (Arbeits) alltag abspielen. Ein behütetes Leben, so sag ich euch, kann dies sogar befeuern, wenn man zunächst viele Jahre in Freiheit lebt und sich dann dem kollektiven, charakterlichen Niedergang der Masse ausgesetzt fühlt. So kommt zu mir in die Wälder und genießt den Blick von Außerhalb! Die Mauern eurer Stadt sind der Spiegel eurer Seele.

    • Vor 15 Tagen

      @caps
      Wahrscheinlich ist es eine Form der Projektion auf Kex, da ich nicht in der Lage bin, in meinem eigenen Krankheitsbild etwas anders zu sehen als Anzeichen von wohlstandsverwahrlosung und Degeneration, was zu einem gewissen Grad an Empathielosigkeit führt. Mutmaßlich liegt es an mir. Retrospektiv hätte ich es nicht schreiben sollen