Eine ganzheitliche Erfahrung: Die britischen Shoegaze-Legenden überwältigen in der ausverkauften Columbiahalle.

Berlin (maxi) - Slowdive sind zurück, hieß es im vergangenen Spätsommer. Wieder. Und erneut gelang den britischen Shoegaze-Legenden ein Comeback, das nicht nach Zweckmäßigkeit klang. "Everything Is Alive" tauften sie ihr zweites Album diesseits der Jahrtausendwende, das wie der selbstbetitelte Vorgänger von 2017 die Erwartungen erfüllte. Nun tourt die Band mit ihrem aktuellen Album auch in Deutschland, das Berlin-Konzert in der Columbiahalle ist ausverkauft.

Mit voller Kraft

Der Zeitpunkt für die Show passt: Noch Ende November verkündete die Band, Sängerin Rachel Goswell laboriere an einer Infektion des oberen Atemtrakts und könne die ihr zugedachte Rolle im Live-Kontext erst mal nicht ausfüllen. Goswell war zwar auf der Bühne präsent, auf ihre Stimme, die gemeinsam mit Neil Halsteads für gewöhnlich mit der Wall of Sound der Band verschmilzt, musste das Publikum aber verzichten.

An diesem Januarabend treten Slowdive dennoch mit voller Kraft auf. Demografisch ist vom Spex-Intellektuellen im gehobenen Alter bis zu jüngeren Fans alles dabei. Das fiel bereits Anfang November im Londoner Troxy auf: Slowdive und ihr introspektiver Sound kommen mindestens auch bei Gen Y und Gen Z an. Die Klammer ist nach unten offen, wie zwei stark geschminkte, in Schwarz gekleidete Teenagerinnen belegen, die die Shoegaze-Nummern abfeiern wie ihre längst im gehobenen Alter angekommenen Vorfahrinnen auf Boygroup-Konzerten aus den Neunzigern.

Lärm? Eigentlich uncool

Lärm scheint uncool geworden zu sein, das Sanfte steht hoch im Kurs, die sukzessive Überwältigung, die Bands wie Slowdive versprechen. Wenn Richey James Edwards, das bereits 1995 verstorbene Mitglied der Manic Street Preachers, "We Will Always Hate Slowdive More Than Adolf Hitler" postulierte, mochte das als Rebellionsgeste noch funktionieren. Derlei grobschlächtige Kampfansagen sucht man heute jedoch vergebens und belächelt sie mitleidig als Anachronismus, sollte man sie doch einmal hören.

Slowdive beginnen mit ihrem selbstbetitelten Track aus den Neunzigern, und ziemlich schnell wird klar, wieso man die Strapazen eines Live-Konzerts – Gedränge, mediokre Vorbands, Klo- und Barschlangen – für die Fünf nur zu gerne auf sich nimmt. Die Diskrepanz zwischen Platte und Auftritt, die andere Acts in ein schlechtes Licht rückt, macht Slowdive gerade stark. Besonders in lauten Momenten, wenn sich die Tonspuren auf ans Chaotische grenzende Weise überlagern, überwältigt die Kombo ganzkörperlich.

Noch immer funktioniert das am besten, wenn Gesang und Musik lückenlos ineinandergreifen. Beispielsweise auf "Crazy For You", das mit seinem Basslauf, seinen verhallten Gitarrenanschlägen, die live naturgemäß eine Spur profaner klingen, und dem von Halstead mit immer gleicher Dringlichkeit wiederholten Mantra der genialste aller Slowdive-Songs ist. Auch die Synthesizer-getriebenen "Shanty" und "Chained To A Cloud" vom neuen Album machen live eine gute Figur, weil sie dem Sound der Band Struktur geben, ein Gegengewicht zum unbestimmten Treiben in der Weite, aufgemacht von den Effektgeräten unter den Schuhen der Bandmitglieder.

Andacht mit 3.500 Fans

Apropos: Die Bühnenpräsenz der Band amüsiert. Neil Halstead – heute ohne Cap – gibt am rechten Bühnenrand den introvertierten, routinierten Leader, Bassist Nick Chaplin in der Mitte könnte mit seinen ausladenden Bewegungen und seinem tiefhängenden Instrument, das er beinahe in Bodennähe bedient, genauso gut Mitglied einer Punkband sein, und Rachel Goswell steht daneben vergnügt am Synthesizer und tanzt zaghaft im Goth-Outfit, immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Auch die Kommunikation mit dem Publikum könnte sympathischer nicht ausfallen - sie existiert kaum: Bis auf ein paar Danksagungen spielen Slowdive Musik, eine Wohltat. Die Band weiß schließlich, dass die 3.500 Anwesenden nicht aus ihrer Andacht gerissen werden wollen.

Nach den Klassikern "Alison" und "When The Sun Hits" folgt die Zugabe, die aus "Sugar For The Pill" von 2017, "Skin In The Game" vom aktuellen Album und "Golden Hair" aus den Anfangszeiten besteht. Wer beispielsweise in London war und auf den emotionalen Höhepunkt "Dagger" wartet, den Halstead solo absolviert, wird enttäuscht. Macht aber nichts, denn die Setlist ergibt auch so Sinn: Pop-Momente und Gelegenheit zur Kontemplation halten sich die Waage und erzeugen in einem Spannungsfeld aus Vertrautem und Verfremdung exakt das Versprechen, das Slowdive einlösen wie keine zweite Band.

Von Max Fritz.

Fotos

Berlin, Columbiahalle, 2024 Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt.

Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp) Das ausverkaufte Comeback-Konzert in der Hauptstadt., Berlin, Columbiahalle, 2024 | © laut.de (Fotograf: László Rupp)

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