Zigarette statt Ehering, Flaschenbier: Die US-Band feiert die 90er - und 12.000 Fans gehen steil.

Berlin (laut) - Irgendein Kinderzimmer Mitte der 1990er: "Lala lalala la lalalay" dröhnt es unheilvoll aus dem CD-Player der Kompaktanlage und schon setzt das fette Gitarrenriff ein, der Auftakt zu einem der größten Hits des Jahrzehnts: "Self Esteem" von The Offspring. Auf dem dritten Album der Band, "Smash" von 1994, befinden sich dieser und weitere Klassiker, die das Berliner Publikum heute Abend im Velodrom auf jeden Fall hören will.

"Dit war mein erstes Konzert"

Der Veranstalter meldet ausverkauft, während sich die Schlange der Wartenden - meist mittleren Alters und männlich - gen Eingang schiebt. Die Zigarette mit dem Ehering getauscht, das Bier aus Flaschen und nicht mehr aus Dosen, schwelgt man schon vor dem Gig in Erinnerungen: "Dit war mein erstes Konzert, 1999, "Americana"-Tour, in der Columbiahalle!" Von so einer kleinen Venue können die Fans heute nur träumen, das Velodrom fasst 12.000 Plätze, die auch bis auf den letzten besetzt sind.

Noch beschaulich geht es bei den beiden Supportbands zu, wobei gerade Trash Boat einen zweiten Blick verdienen: Immer nach vorne und höchst energetisch bieten die jungen Briten feinsten Punkrock, der im Vergleich zur etwas seichten und zu eintönigen Darbietung der im Anschluss folgenden Four Years Strong, richtig mitreißt. Zwischen den Auftritten der Vorbands läuft ein 'Best of 90er'-Soundtrack mit Lou Bega, den Spice Girls und Shania Twain, den das erschreckend textsichere Publikum durchaus feiert.

Merchandise aus dem Zeppelin

In der Umbaupause nach den Supports haben sich The Offspring dann etwas Besonderes ausgedacht: Auf der Leinwand laufen zunächst im Teleshopping-Style die verfügbaren Merchartikel rauf und runter, bevor ein ferngesteuerter Zeppelin durch die Halle fliegt und Gitarrenpleks abwirft. Damit nicht genug, werden per Katapult noch T-Shirts in die Menge gefeuert.

Fans in der Frontrow könnenn Fragen beantworten und werden ebenfalls beschenkt. Man gibt sich großzügig. Wer leer ausgeht, hat noch immer die Möglichkeit, vor der 'Kiss Cam', der 'Booty Cam', der 'Head Bang Cam' oder der 'Fuck You Cam' zu agieren. Zwischendurch zeigt ein eingeblendeter Countdown die Restzeit bis zum Startschuss für den Mainact. So muss sich eine amerikanische Sportveranstaltung anfühlen.

21 Uhr: Das Velodrom explodiert

Um kurz nach 21 Uhr erscheint dann die Band, die ersten Takte erklingen, und mit dem Sample "You Gotta Keep 'em Separated" explodiert das Velodrom förmlich. Die Masse gerät in Bewegung, es ist wieder 1994 und wir sind alle jung! Im Anschluss lässt die Setlist keine Wünsche offen, "Original Prankster" ist ebenso dabei wie "Let The Bad Times Roll". Während "Bad Habit" unterbrechen The OffSpring ihr Set und sinnieren - charmant einstudiert - , dass dies alles nur ein Highschool-Tagtraum sein muss. Das Publikum loben Dexter Holland, Noodles und Co. als "Saturday Night Crowd".

Covers satt

Zu Ehren des 40-jährigen Jubiläums des Iron Maiden-Klassikers spielt Sympath und Lead-Gitarrist Noodles dann "Fear Of The Dark" an, nachdem er sich vorab an "Smoke On The Water" versucht. Dies sei, so Noodles im Dialog mit Dexter, der erste Song, den er und wohl auch jeder andere auf der Gitarre gelernt habe. Einzig Slash muss sich keine Sorgen um seinen Posten am Sechssaiter machen, denn das Riff von "Sweet Child O' Mine" geht mächtig in die Hose. Edvard Griegs' "Halle Des Bergkönigs", angekündigt als "Noodles plays with himself", klappt dafür wieder sehr gut.

Die komplette Band spielt im Anschluss bei "Blitzkrieg Bop" - ohne Covers geht an diesem Abend nichts. Schon die Suportacts ließen Linkin Park und Green Day von der Leine. Eine kleine Lobhudelei sei nebenbei noch auf Dexter Holland erlaubt, denn neben seinem Doktortitel in Molekularbiologie kreiert der Offspring-Frontmann noch verschiedene scharfe Soßen und ist Pilot. Was man eben so macht, wenn man sehr viel Geld und genügend Zeit hat.

Nach diesen amüsanten Intermezzi widmen sich The Offspring wieder ihrer Kernkompetenz: Hits, Hits, Hits! Auch wenn "Get Away" ein wenig schwachbrüstig daherkommt, ist der Sound angenehm 90er-lastig. Wenig Backing Tracks, manchmal geht Dexters Stimme etwas unter, was aber keine Rolle spielt, denn das Publikum kennt alle Texte und unterstützt lautstark. Auch der brandneue Drummer Brandon Pertzborn bringt frischen Wind und eine ganze Menge Energie auf die Bühne. Der Youngster, kürzlich noch bei den Suicidal Tendencies aktiv, agiert wahrhaftig, als spiele er um sein Leben.

Die Hymne aller Underdogs

Die Becher fliegen, das Publikum hat Spaß und auf den Rängen sitzt keiner mehr. Das Velodrom verwandelt sich dann noch in ein großes Bällebad, als diese, bunt gestreift, auf die Fans losgelassen werden. Zwei weitere Highlights sind das getragene "Gone Away" mit Dexter am Klavier und tausenden leuchtenden Handylampen sowie "Pretty Fly For A White Guy", bei dem zwei Inflatables zum Einsatz kommen, und das Publikum durchdreht.

Nach zwei Zugaben und rund 90 Minuten ist die Show zu Ende: Erwartungsgemäß beenden The Offspring ihren ersten Gig in Berlin seit 15 Jahren mit "Self Esteem", der Hymne aller Underdogs in den 90er. Und der Hit hat bis heute nichts an Intensität verloren. Ein letztes Mal "Lalala", ein letztes Mal "Yeah, Yeah, Yeah" und dann ist dieser sagenhaft entertainende Gig vorbei. Vielleicht lassen sich The Offspring nicht noch mal so lange Zeit, um zurückzukehren.

Text und Fotos: Désirée Pezzetta.

Fotos

Berlin, Velodrom, 2023 Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt.

Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta) Das umjubelte Live-Comeback nach 15 Jahren: Dexter Holland, Noodles und Co. in der Hauptstadt., Berlin, Velodrom, 2023 | © laut.de (Fotograf: Désirée Pezzetta)

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laut.de-Porträt The Offspring

Mitte der 80er Jahre besucht Bryan Holland, Spitzname Dexter, die Pacifica Highschool in Garden Grove in Kalifornien. Sein festes Ziel ist, Arzt zu werden.

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