Szenehelden gaben sich die Klinke in die Hand: Wir waren beim dicksten Hip Hop-Openair Europas.

Frauenfeld (laut) - Was das Splash! für den Norden, ist das Openair Frauenfeld für den Süden: ein absolutes Muss für alle Kopfnicker. Nirgends sonst konzentriert sich alljährlich ein so fulminantes Line-Up. Wann kriegt man schon mal Nas, Lauryn Hill, Yelawolf, Asap Rocky, Rick Ross oder Marsimoto an nur einem Tag zu sehen?

Fotogalerie Openair Frauenfeld

Die professionelle Organisation der Schweizer und eine herrliche Umgebung machen das Frauenfeld bei einem Wahnsinns-Line-Up zur Festivalperle. Ein riesen Haufen Grünes hilft ebenfalls. Dixieklos umwerfen oder anzünden, Prügeleien – außer um Kleidungsstücke von 50 Cent – oder sonstige Proletenstreiche interessieren hier keinen: Lieber erst mal in Ruhe eine dampfen.

In der Ruhe liegt die Kraft

Freitagnachmittag herrscht noch recht gemütliche Stimmung: Mit leichtem Nicken swingen sich die Hip Hop-Heads auf das Kommende ein. Royce Da 5'9 hat es da nicht allzu leicht, die Masse in Wallung zu bringen. Aber spätestens bei Samy Deluxe, der zum sechsten Mal in Folge das Frauenfeld beehrt, nickt sich die Menge in gehobene Stimmung.

Samy präsentiert sich in Begleitung seiner Tsunami Band gutgelaunt und energiegeladen. Zu Brettern seines aktuellen Albums sowie Dynamite Deluxe-Klassikern oder alten Ohrwürmern wie "Weck mich auf" rastet die Menge aus. Nach "Poesiealbum" muss der Hamburger natürlich noch gebührend sein Revier markieren: "Und jetzt zeigt mir heute einen Rapper da draußen, der so rappt?".

"Wir sind hier nicht in Amiland"

Nachdem auch Mac Miller eine gelungene Show liefert, betreten die Beginner die Bühne und mischen die Menge ebenfalls auf: "Wir sind hier nicht im ignoranten Amiland, wo es reicht, den hier (Jan hebt den Arm und bounct) zu machen. Wir sind hier bei den Beginnern und bei denen wird gerockt!".

All seinen Gegnern zum Hohn, die Jan Delay für einen arroganten Schnösel halten, präsentiert er sich als der humorvollste Act des Festivals. Offen, ehrlich und unkompliziert hauen die Beginner mit ihren Hits auf die Wurst. Als Rufe nach "Füchse" laut werden, meint Jan nur lachend: "Ja, ja! Ihr kriegt ja euern Scheiß! Vorher wollt ich aber eigentlich noch was anderes machen".

Es folgt eine Hommage an die Beastie Boys, in der die Beginner zu mehreren Klassikern des legendären Trios rappen. "Die Beastie Boys – das ist eine Partei, eine Lebensphilosophie, eine Sekte! Jetzt, wo sie tot sind, merkt man erst, wie viel Einfluss sie auf einen hatten."

Frauen kämpfen um 50 Cent

Während J. Cole nach seinem Auftritt noch von der Bühne steigt und jedem in der ersten Reihe die Hand schüttelt, lacht 50 Cent, der an diesem Tag Geburtstag feiert, über eine Frauenprügelei um eines seiner Kleidungsstücke.

Wenig später taucht aus der Menge kommend auch tatsächlich eine betrunkene Frau mit irrem Blick auf und zeigt auf ihren Bauch - sie trägt 50 Cents Weste vorsorglich unter dem T-Shirt versteckt: "Hart erkämpft!", meint sie stolz - und geht von dannen.

Der entrückte Drake

Der angekündigte Regenguss kommt erst abends. Während Sido auf der Bühne die größte Mördertüte des Festivals anzündet (30 Zentimeter hatte die bestimmt!), schüttet der Himmel über dem Festival aus, was geht. Viele flüchten sich ins Reggaezelt oder unter die Zelte der Imbisswagen.

Und dann kommt Drake und liefert eine geradezu weltentrückte Show ab. Im Radio DRS3 konnte man am nächsten Tag hören, er wäre nicht "festivalkompatibel" genug gewesen. Aber nachts im Regen mit einer Feuer-, Light- und Videoshow, die sich gewaschen hatte, wäre wohl kaum einer besser geeignet gewesen. Selbst Besucher, die zu Drakes Musik bisher keinen Zugang gefunden haben, müssen wohl eingestehen: Der Mann ist grandios.

Wie ein Traumtänzer springt und gleitet er mit der unbeschwerten Leichtigkeit eines kleinen Kindes über die Bühne. Drake selber ist den ganzen Auftritt über gerührt und wirkt fast überwältigt von diesem Moment: "Ich komme aus Kanada und habe mein ganzes Leben davon geträumt, hier auftreten zu dürfen". Bei aller Liebe muss am Ende aber doch ein 'Fuck you!' sein: "An alle, die vom Regen davongelaufen sind: fuck you! An alle, die meine Musik hassen: fuck you! Und an alle, die Ärger mit der Schweiz suchen: fuck you!".

Die Stimmung knallt, die Sonne auch

Am Samstag brennt nicht nur die Stimmung. Strahlend blauer Himmel, die Sonne knallt. Yelawolf erzählt von seiner kiffenden Mutter und rockt die Crowd - trotz Hitze mit Wollmütze - neben eigenen Burnern auch mit Klassikern von Johnny Cash, Metallica oder Eminem. Die lustigsten Sonnenbrände zieren die Körper, die schönsten Tatoos werden zur Schau getragen.

Grüner Rauch schiebt sich vor die Sonne als Marsimoto die Bühne betritt. "Endlich wird wieder gekifft." Ja - wenn wo, dann jetzt. Die deepen, elektrolastiken Beats sind genau das, was alle brauchen. Nach Marsimoto gibt noch Kumpel Marteria mit Yasha etwas zum Besten. Gemeinsam mit Miss Platnum präsentieren sie den neuen Song "Lila Wolken" und lassen die Crowd die letzten 20 Sekunden springen was das Zeug hält.

K.I.Z. extrem

Teilweise peinlich berührt gibt sich das Schweizer Publikum dann bei K.I.Z.. Die ziehen konsequent ihre radikale Nummer durch, fordern ein "Pogoarschloch", missbrauchen zwei Freiwillige aus dem Publikum als 'menschliche Mikrofonständer' und sorgen konsequent dafür, dass die Schweizer, wenn sie uns Deutsche vielleicht vorher schon nicht unbedingt mochten, das nach K.I.Z. garantiert nicht mehr tun.

Was den einen nur ein Kopfschütteln abringt, sorgt beim anderen für ordentlich Stoff zum Mitgrölen. Gehen tun die wenigsten. Dafür ist das dann doch zu derbe, was die da oben machen. Der Provokation nicht genug fordert Maxin das Publikum auf mit der rechten Hand auf der Brust aus voller Überzeugung die Deutsche Nationalhymne zu singen. Da regt sich dann doch offener Widerstand.

Die Fans bleiben selbst auf Bitten von K.I.Z. demonstrativ stehen. Als letztes Mittel funktioniert dann nur ein nackter Arsch - und als klar wird, dass gar nicht die Nationalhymne, sondern "Hurensohn" gesungen werden soll, sind alle wieder versöhnt.

Lauryn is back, Nas immer noch da

Eine überwältigende Show bietet Lauryn Hill. Nachdem sie die Menge lange hat warten lassen - wie es sich eben für eine echte Diva gehört - kommt ein geladenes Energiebündel mit wehendem Mantel auf die Bühne. Mit einem Handtuch in der einen Hand, das sie das Konzert über auch nicht hergibt, nestelt sie mit der anderen nervös an ihren Ohrringen herum, die sie erst auf der Bühne noch schnell anlegt.

Danach geht das Genestel an Mikrofonständer weiter, und sie dirigiert nebenher noch die Band mit herrischen Gesten – und jeder denkt erst mal: 'Oh, oh, da sind aber eine Menge Aufputschmittelchen im Spiel.' An das teilweise fast auf das doppelte gesteigerte Tempo der Lauryn Hill- und Fugees-Songs muss man sich erst gewöhnen, teilweise wirken die Interpretationen fast schon gehetzt. Definitiv mehr Rock als man das bisher so von Lauryn kennt.

Der Styler? Mos Def!

Die wunderbare Sängerin überzeugt aber vollends - sowohl durch ihre Stimme, also auch durch Power und Persönlichkeit. Ganz großes Kino. So wundert es niemanden, dass Nas sie einen Auftritt später als großes Vorbild für einen gemeinsamen Song auf die Bühne holt.

Nas überwältigt ebenso wie Lauryn Hill und sein direkter Voract Yasiin Bey aka Mos Def. Der funkt, swingt und rappt in weißer Anzughose, weißem Hemd und weißer Krawatte - zum Niederknien. Der Styler des Festivals überhaupt.

Fotos

Nas, K.I.Z. und Marsimoto

Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © Sonymusic (Fotograf: ) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Andreas Koesler) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof) Nas, K.I.Z. und Marsimoto,  | © laut.de (Fotograf: Rainer Keuenhof)

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