Warum entdecken ZDF, Süddeutsche, taz und Co. nach 15 Jahren ausgerechnet jetzt diese Band?

Konstanz (ebi) - Sogar beim ZDF-"heute journal" finden sie statt - wenn auch als letztes Thema vor dem Wetter. Die Band Erdmöbel gibt es seit Mitte der Neunziger - und sie spielen, wie das ZDF jetzt entdeckte, "klugen Pop". Auch wenn Moderator Claus Kleber nach eigenen Worten selbst nicht genau versteht, warum.

Die seriösen Feuilletons überschlagen sich seit Wochen in ihren Erklärungen, warum das klasse ist. Und zwar selbst dann, wenn mans nicht explizit heraus hört. Allein der Name, Erdmöbel. Sieht man die älteren Herren dann auf der Bühne, wirkt der schon gar nicht mehr so crazy.

Sperrig schön

"Sperrig schöne Wortungetüme, bizarr und aus der Welt geplumpst ... herrlich seltsam aus der Zeit gefallen", erklärt dann der ZDF-Bericht eine Band, die frei über "Petersilienseife, Adolf Hitler, Crackpfeifen" und "Palermos Polarlicht" assoziiert. Eine Band, die also offensichtlich nicht in der Liga der Beatles und Madonnas spielt. So weit so unspektakulär.

Denn trotz Feuilletonhype sind die Westfalen letzten Endes natürlich nur eine Band wie viele andere: Nach Jahren des Herumdümpelns - an der Aufmerksamkeit der Popszene gemessen, denn auch der Sony-Deal für ein Coveralbum brachte 2007 nichts ein - zahlt sich die Beharrlichkeit endlich mal aus. Das ZDF kommt aufs Konzert, die Süddeutsche jubelt! Welcher Musiker würde sich darüber nicht freuen?

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort

Aber warum kommen ZDF, Süddeutsche und wie sie alle heißen 15 Jahre nach der Bandgründung ausgerechnet jetzt auf den Trichter? Weil ein Songtitel wie "Fremdes" derzeit genau den Nerv trifft? Vielleicht. Die Zeit für Erdmöbel scheint jedenfalls reif: einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort, irgendwie so. Anything new?

Vom Sound her sicher nicht. Handzahmer Indiepop-Wohlklang, mal rumpeliger, meist schöner. Das Songwriting bezeugt die langjährige Erfahrung der Beteiligten - man schulte seine Kompetenz gerne an Coverversionen. Aber ein echter Hinhörer? Nö.

Bizarre Sprache, Tiefgang garantiert

Auf der Textebene fällt dagegen die eigene und eigenartige Sprachwelt des Sängers auf, die Wortakrobatik in seinen Geschichten lässt aufhorchen: "Im Hygiene-Museum in Dresden". Ja genau, das klingt "bizarr", und das klingt doch, yep - irgendwie fast politisch, oder? Auf jeden Fall nach Tiefgang und Sich-was-trauen. Sogar auf laut.de registriert der Autor "meisterlich zusammengefügte Gedankensplitter".

Intellektuell - na und?

Dazu passt, dass Frontmann Markus Berges jüngst einen Roman veröffentlichte. Macht sich in Lobartikeln immer gut, wenn ein Literat am Mikro steht, siehe Sven Regener. Was wiederum bedeutet: Der eine findet die eigenen Verschaltungen im Gehirn exquisit massiert. Der andere - wie Claus Kleber - versteht ehrlich gesagt nicht, was Erdmöbel wollen. Beide sind höchstwahrscheinlich Intellektuelle.

Derzeit läuft also alles rund. Und das Schönste dabei: Erdmöbel sind mit sich im Reinen. "Ich bin glücklich", sagt Berges in die ZDF-Kamera. Und bald vielleicht sogar noch glücklicher, weil ohne Alltagsjobs an der Backe auf der Bühne.

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laut.de-Porträt Erdmöbel

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11 Kommentare

  • Vor 8 Jahren

    Wann bringen Motörhead eigentlich mal wieder was raus? Motörizer war der Knaller :D.

  • Vor 8 Jahren

    @bichroy (« Kurioserweise schlägt sich die hauseigene Kritik auf die Seite der Band mit dem turbobeliebigen Namen. Journalistischer trifft auf lyrischen Nihilismus und plötzlich setzt es Seitenhiebe. Weiter wundern sollte es keinen. »):

    ja, meinungsvielfalt in einer redaktion - total kurios. gehört mal dringend auf linie gebracht.

  • Vor 8 Jahren

    Meinungsvielfalt und Beliebigkeit sind doch sehr unterschiedliche Dinge. Genau wie ein Achtziger-Jahre-Trashfilm-Oneliner und ein Argument.

    Wer sich mit einem billigen Sarkasmus gut bedient fühlt, muss auch nicht differenzieren können. Diskussion nutzlos.