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Tief unten im Kumpelsumpf

Inzest, das führt mich ruckzuck zu der breiigen Dreieinigkeit aus SpongeBozz, Dennis Sand und der Welt. Wenn noch irgendjemand ein Beispiel für echt widerlichen Kumpeljournalismus sucht, der die Berichterstattung über Deutschrap über weite Strecken so unerträglich macht: bitteschön.

Sand erläutert da die Entstehung von "Yellow Bar Mitzvah", das der geneigte Leser als SpongeBozz' respektive Sun Diegos "Autobiografie" angedreht bekommen soll. (Die Bedeutung dieses Wortes schlagen wir vielleicht noch einmal nach.) Sand rollt darin des Rappers Erfolgsgeschichte auf. Über die inhaltliche wie lyrische Qualität dieses Buches erzähl' ich euch, sobald ich es gelesen habe. Nachdem der Verlag endlich geschafft hat, mir das seit Wochen versprochene Exemplar einzutüten, sollte das nicht mehr allzu lange dauern.

Hier geht es aber erst einmal wirklich und wahrhaftig nur um diesen Artikel - der mir gleich auf mehreren Ebenen richtig, richtig sauer aufstößt. Angefangen bei der Überschrift: "Wie ich neulich einen unerwarteten Bestseller schrieb", ist das jetzt auch schon ein Satz? Immer diese Erklärbär-Rhetorik, ich kanns nicht mehr sehen. "Was passiert, wenn Bushido mit der AfD spricht", "Warum das neue Prinz Pi-Album ein Meisterwerk ist", "Wie die Sucht nach Nasenspray mein Leben verändert" (kein Witz!) ... Dennis Sand, hier nachzuprüfen, hat im Wesentlichen nur eine Headline-Schablone.

Und wo genau steckt die unerwartete Komponente? Deutscher Rapper, der rasend Platten verkauft, lässt ein Buch schreiben, und, huch, das verkauft sich auch? Is' ja 'n Ding.

Kennengelernt zwischen "einer Flasche Hennessy" und einer Verhaftung, zu der dann natürlich auch gleich das "Spezialkommando" auf den Plan tritt: Die Märchenstunde ist eröffnet. Dass Sand diesen gequirlten Blödsinn hernach gleich selbst als "das klischeebeladene medial zirkulierende Narrativ des klassischen Gangster-Raps" identifiziert, macht es nicht besser: Diese Räuberpistole ist so abgegriffen, absehbar und aus dem Versatzstück-Baukasten, es ist scheißegal, ob sie wahr ist oder nicht. Langeweile ist der Tod der Geschichte, noch bevor sie richtig angefangen hat.

"Dima und ich kennen uns seit sieben Jahren, und über diese Zeit hatte sich zwischen uns eine enge Freundschaft entwickelt." Nicht verwerflich, nein. Wer sollte etwas gegen Freundschaft einzuwenden haben? Wohl dem, der sie findet! Bloß sich hinsetzen, dem Freund eine Lobhudelei dieses Kalibers auf den kostümierten Leib schreiben, dabei die bestehende Kumpanei mit keinem Wort erwähnen, sondern vorgeben, "objektive Kriterien" heranzuziehen (kein Wunder, dass dann Blödsinn bei rumkommt ...), das riecht schwer nach Filz.

"Sein zweites Tape unterlag bei einem Verkaufsbattle nur knapp einem Bushido. Die Hip-Hop-Szene – von Rappern bis zu Journalisten – ärgerte sich angesichts dieses Erfolges zu Tode." Ich kenne tatsächlich niemanden, dem der Ausgang dieses "Verkaufsbattles" - Himmel, hilf! Da erschienen tatsächlich zwei Deutschrap-Alben am selben Tag! - nicht meilenweit am Arsch vorbei gegangen wäre. Mist verkauft sich doch seit jeher bestens, da brauchen wir bloß noch einmal zurückzublättern und zu schauen, was so alles für den Echo nominiert wurde. Wenn man sich da jede Woche "zu Tode ärgern" wollte ... ach, bitte!

"Dass seine Autobiografie also eine breite Masse an Menschen interessieren würde, war für jeden ersichtlich, der sich nur halbwegs mit der Materie auseinandergesetzt hatte": okay. "Dennoch war die Überraschung groß, als die ersten Zahlen unseres Buches verkündet wurden." Hä? Na, da schau einer an, gleiche Nummer wie oben: Ein Buch, von dem ich dachte, das wird bestimmt viele interessieren, interessiert dann auch viele. Verrückte Welt.

Und dann diese wirre Fähnchenimwind-Haltung bezüglich Chpakovs jüdischer Identität. Einerseits trägt er die vor sich her, wolle "ein positives, ein selbstbewusstes Judenbild vermitteln": recht so! Warum auch nicht? Wie das allerdings gehen soll, ohne sein Publikum zu politisieren (und was wäre so schlecht daran?), darüber schweigt sich der Artikel aus. Eine "positive Identifikationsfigur" wolle er abgeben. Nach der ganzen vorangegangenen Waffen- und Drogenfolklore: bisschen mühsam, vielleicht.

Der unmittelbare Bezug zum Judentum fehlt offensichtlich. Schätze mal, dass Chparov ähnlich jüdisch ist, wie ich jahrzehntelang auf dem Papier der evangelischen Kirche gehört habe. Ist ja auch nicht verwerflich, sich wenig bis gar nicht mit der Religion, die man vererbt bekommen hat, auseinanderzusetzen, muss ja nicht jeder ein theologischer Schriftgelehrter sein. "Auch in unserem Buch 'Yellow Bar Mitzvah' spielen wir mit jüdischer Ästhetik." Auch noch legitim! Was man selbst tut, sollte man anderen dann aber vielleicht besser nicht vorwerfen: "Umso erstaunlicher ist es, wenn uns ein viertklassiger Autor in einem drittklassigen Text den Vorwurf macht, wir würden mit dem Buch 'Ethnomarketing' betreiben. Also mit der Zurschaustellung des Judentums Geld verdienen wollen. Noch erstaunlicher ist es, wenn der Vorwurf von einem Autor kommt, der selber Jude, selber Schriftsteller und Freizeit-Rapper ist und vor ein paar Jahren ein recht unerfolgreiches semibiografisches Werk verfasst hat, welches ausschließlich von der Zurschaustellung seiner jüdischen Identität handelt." Ja, in DEM Fall würde ich mir vieleicht mal überlegen, ob der Kollege Dmitrij Kapitelman vom Spiegel damit nicht vielleicht einen Punkt getroffen hat. Der weiß nämlich offensichtlich, worüber er schreibt. Jedenfalls lässt der drittklassige Text dieses viertklassigen Autors noch tiefere Einblicke über Sun Diego zu als Sands beleidigte Retourkutsche über seine eigene Kritikfähigkeit.

Bleibt das große Rätsel: Warum veröffentlicht die Welt so einen Scheiß?

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3 Kommentare mit 3 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Argumentiert nicht dein Kollege in jeder zweiten seiner Doubletime-Ausgaben damit, dass Verkaufszahlen ein relevantes Kriterium im Musik-Bizzzz ist? Just sayin'...double standards...oder ist das bei Trap-Affen was anderes?

  • Vor einem Jahr

    "Viertklassiger Autor"...Man könnte meinen der Autor dieses Berichts ist der Meinung er wäre ein erstklassiger "Autor" (wenn man sie überhaupt so nennen darf) und wäre Herrn Sand in jeder Hinsicht überlegen. Man sollte den Beiden einfach den Erfolg gönnen, den sie mit diesem Buch erreicht haben und ich an ihrer Stelle würde mir wirklich mal ein Beispiel daran nehmen und versuchen ebenfalls so etwas auf ihrem persönlichen Weg zu erreichen, was ich ihrem Kollegen Kapitelmann ebenfalls empfehlen würde.

  • Vor einem Jahr

    Ok, das hier hätte ich mal vor meinem anderen Kommentar lesen können. Die sind schon jahrelang Kumpels gewesen, bevor der Sand seine komischen Jubelarien geschrieben hat? Dann braucht man den und seine Schreibe wohl tatsächlich nicht mehr ernst zu nehmen. Junge, ist das platt.