Zwischen Rapper und Clan-Chef geht es vor Gericht hin und her. Statt Erkenntnis bildet sich ein eigenes Ökosystem.

Ein Paywall (ynk) - Wer liebt die szenischen Spiegel-Einstiege nicht? Bevor die Bezahlschranke eine neue Episode aus den Kammern des Frankfurter Gerichts gegen guten Taler preisgibt, darf man wenigstens erfahren, an welches europäische Land der Baustil des Justizgebäudes erinnert. Viele Artikel über das legale Duell zwischen Rapper Bushido und seinen ehemaligen Quasi-Manager und Clanchef Arafat Abou-Chaker wehen gerade durchs Land. Sie liefern Aufschluss über eine Kultur und einen Konflikt, der größer ist, als das Ergebnis des Rechtsstreit es je einlösen könnte. Sie liefern vor allem aber Verwirrung über jenen Rechtsstreit.

Eigentlich gestritten wird vor dem Richter über einen Eigentümervertrag und einen Gartenzaun. Im Kontext geht es aber um Vorwürfe von Gewalt und um Millionenbeträge, die Bushido an Arafat verloren glaubt. Im Subtext geht es darum, dass gerade das verworrene System von Clans, Subkultur und Parallelwelt auf ein semi vorbereitetes deutsches Rechtssystem prallt. Da verzeiht man gerne, dass der Ausgang verwirrt: Beste Anwälte schieben sich Vorwürfe, Einschätzungen und Rechtswinkel hin und her, Prozesstage häufen sich zu Akten, so dick wie die Bibel oder der Geldbeutel von 2 Chainz.

Der Kern der Angelegenheit ist folgender: Gegen Arafat Abou-Chaker laufen derzeit Anklagen wegen gefährlicher Körperverletzung, Nötigung und Beleidigung. Als prominenteste Figur der Berliner Unterwelt sah er sich schon oft mit Versuchen konfrontiert, ihm mit legalen Mitteln gefährlich zu werden. Doch der Mann weiß, sich mehrdeutig genug zu halten und kann die besten Anwälte der Stadt bezahlen. Deshalb ist dieser Versuch ein wichtiger: Nicht nur, weil sich die Anklagen ansammeln, sondern auch, weil sich mit Bushido endlich ein prominenter Kläger mit krediblem Bezug zu seinem Umfeld gefunden hat. Immerhin teilen beide fast eine gemeinsame Ikonographie von Auftritten im Boulevard, als Antihelden-Tandem, das mit ehrlichem Eifer und ruppiger Art den deutschen Mainstream erobert hat.

Wie unheilige Ehen eben so laufen können

Das ging natürlich nur so lange gut, wie so unheilige Ehen eben gut gehen können. Am Ende scheiterte es wie so oft am Geld. Bushido brach aus Arafats Team aus, suchte Polizeischutz und erhob schwere Vorwürfe gegen seinen ehemaligen Freund. Die größte Triebfeder kann man in der Anschuldigung vermuten, dass sich Bushido über die Jahre um schätzungsweise acht Millionen Euro betrogen fühlt. Nun mahlt die Situation in den Mühlen des Rechtssystem, und es ist an ambitionierten Reportern, die Nuancen des Vorgangs zu entschlüsseln.

Vorne dabei ist hier der Spiegel, dessen achtseitiger Langtext "Bushido und die Abou-Chakers" eines der bislang klarsten Bilder der Szene zeichnet. Will man sich über den Status der Verhandlung gewahr werden, hilft er nur bedingt. In dieser Hinsicht mäandert der Artikel, weil er mäandern muss. Tatsächlich aufschlussreich fallen vor allem die Randbeobachtungen der Autoren Lothar Gorris und Phillip Oehmke aus. Bilder von beiden Parteien, die mit angeheuerten journalistischen Doku-Teams vor Gericht aufschlagen, die irgendwo zwischen Kommunikationswille und Drohgebärde ausharren. Jogginghosen im Gerichtssaal, Pöbeleien in Richtung Kamera und Bild-Reporter, deren Spitznamen inzwischen jeder kennt. Jede Partei ist stets bereit, zu erklären, warum Beobachter sie bitte als Opfer einer großen Verschwörung sehen sollen - oder warum Journalisten eben aus Prinzip nur Hunde seien. Es muss absurdkomisch zugehen, ein absurdkomischer Streit in absurdkomischem Setting, der sich langsam zu absurdkomischer Routine verhärtet. Teilnehmer wie Beobachter wissen, was sie daran verlieren und gewinnen können.

Statt effektiv und zielgerichtet einen Konflikt zu dekonstruieren, hat sich hier ein schläfriges Equilibrium gebildet. Bushido und Arafat, beide mit einigem Dreck am Stecken, suchen gleichzeitig Sympathie und Diskretion der Medien. Man weiß ganz genau, dass Presse vor Ort ist, dass die Stimmung im Land relevant für Fall und Karriere ist. Jedes Wort muss klar gewichtet für Richter wie Publikum sein. Hat Bushido seine Frau geschlagen? Hat er. Aber wie oft und in welchem Kontext, fragt seine Verteidigung? Hat Arafat eine Waffe besessen? Kann sein. Aber war es ein Imitat und hat Bushido Beweise dafür?

Auch die Augen und Ohren des Spiegels sind so unlängst Akteure geworden. Es ist fast unmöglich, sich in diesem Ökosystem neutral zu positionieren. Es ist alles Spektakel, alles Gebärde nach außen. Während der Prozess sich in die Länge zieht, fühlt es sich immer unwahrscheinlicher an, dass dieses Aufeinandertreffen eine Auswirkung auf die Realität von Clankriminalität und Rapgeschäft haben wird. Denn was oft als bittere Pointe verwendet wird, ist eigentlich die nüchternste Wahrheit über den Prozess: Hier streiten zwei Geschäftsleute um Geld. Mit allen Mitteln und allen Aussagen, die sie dafür eben brauchen können.

Kampf um die Deutungshoheit

All die Mythologisierung, all das Aufladen der Situation mit Symbolcharakter, dem sie gar nicht gerecht werden will - im Grunde sind das nur gern gesehene Rauchgranaten der Fraktionen. Die stehen doch schon mit ihren eigenen Doku-Teams, einer neuen sympathischen Inszenierung und einem neuen PR-Run in den Startlöchern, um vom Promo-Effekt dieser ganzen Posse zu profitieren. Natürlich ist es nicht hoffnungslos, dass dieser Prozess zumindest einzelne Akteure ihrer gerechten Strafe zuführen könnte. Derzeit füttert er allerdings nur einen aasfressenden Kreislauf des Spektakels, der Aufmerksamkeit und der Deutungshoheiten. Und da schlussendlich jeder sich selbst sein nächstes Medium ist - hilft es wohl kaum, diesen Prozess mit mehr als grober Einordnung zu begleiten. Hier ist niemand interessiert an Wahrheit, die Akteure sind interessiert an ihrem eigenen Gewinnen.

Fotos

Bushido

Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Bushido,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

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laut.de-Porträt Bushido

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4 Kommentare mit 6 Antworten

  • Vor 14 Tagen

    Dieser Kommentar wurde vor 14 Tagen durch den Autor entfernt.

  • Vor 14 Tagen

    staiger plant wohl anfang nächsten jahres einen blog über das gerade omnipräsente thema "clans". er kündigt dort auch ein goßes interview mit papa ari an. könnte interessanter werden als diese ganze spiegel und konsorten grütze...lesenswertes interview hier: https://taz.de/Ein-Original-vom-Kotti/!572…

    • Vor 14 Tagen

      Du freust dich tatsächlich auf diesen Schwaben? Finde den inzwischen ziemlich unerträglich und wieso man Alkafat wieder und wieder eine Bühne geben muss verstehe ich auch nicht. Ab in den Bau mit dem und gut ist.

    • Vor 14 Tagen

      auf staiger natürlich nicht, aber dieser blog/podcast könnte schon unterhaltsam werden. die frage ist doch halt ob der maggus da die hoden hat, seine überzeugungen auch gegenüber solchen leuten zu vertreten. seine "migrantifa" hat ja themen wie großfamilien oder den politischen islam bisher nicht wirklichauf dem zettel

    • Vor 14 Tagen

      Thema Clans ist irgendwie komplett durch. Staiger auch nicht wirklich erträglich, Arafat überhaupt gar nicht. Denke ich lass mir vom Sodi später ne Zusammenfassung geben, reicht.

    • Vor 14 Tagen

      Dieser Kommentar wurde vor 14 Tagen durch den Autor entfernt.

    • Vor 14 Tagen

      Sodi mit seinem rechtsoffenen Gelaber über "Migrantifa" ist schon auch sehr cringey, ma sagen. :rolleyes:
      Staigers Marxismus Gerede ist schon relativ anstrengend, aber die Beweggründe dahinter sind so grundsätzlich schon richtig.

    • Vor 14 Tagen

      Der Begriff kommt doch von Staiger selber ;)

      Ich mag ihn eigentlich schon. Er ist halt ein Getriebener, ich nehme ihm seine Haltung auch zu 100% ab.

      Was ich (bei ihm und vielen ähnlich gelagerten) halt nicht verstehe:
      Er benennt doch zig gesellschaftliche Probleme, Rassismus, Sexismus, Egoismus, leichtsinnigen Stolz (statt Arbeitsschutz) usw, zurecht auch in unterschiedlicher Wichtung nach Klientel. Wie bekommt man es denn da noch hin, das alles dem „System“ Kapitalismus unterzuschieben? Richtig scheuklappig irgendwie.

  • Vor 14 Tagen

    Was ist das hier für ein merkwürdiger Artikel???

    "Eigentlich gestritten wird vor dem Richter über einen Eigentümervertrag und einen Gartenzaun."

    Falsch, es geht vordergründig um Nötigung und Körperverletzung; die Sache mit dem Stuhl und der Wasserflasche. Hintergründig wird jedoch nur Bushidos Aussage benötigt, um andere Straftaten von ABC ins Licht zu rücken. Geldwäsche, Steuerbetrug.

    "...ist eigentlich die nüchternste Wahrheit über den Prozess: Hier streiten zwei Geschäftsleute um Geld."

    Der Prozeß um Geld findet in FFO statt und hat mit diesem hier nix zu tun.

  • Vor 14 Tagen

    Leute, ihr müsst wirklich langsam aufhören diese romantischen Abgesänge auf die Clans zu verfassen.

    Das sind keine "zwei Geschäftslete, die sich um Geld streiten." Samma brennt euch der Helm?

    Ihr verfallt so blind in die gleichen Probleme, in die die USA in den 70er verfiel, als der "Dapper Don" und die Familie Gambino die Ostküste in der Hand hatten.
    Da ist die Presse auch wie verrückt drauf angesprungen und hat lustige Spitznamen und romantische Arien geschrieben.

    @Autor Arafat Abou-Chaker ist Anführer eines schwerkriminellen Clans und uriniert auf euch, den Staat und das Rechtssystem. Fangt endlich an die Leute auch so zu bezeichnen und spart euch das anschmiegen an die Szene, die diese Verbrecher auch noch feiert. Ihr lacht über US Medien, aber lernt nichtmal aus deren Fehlern, die sie vor 50 Jahren machten. Es ist langsam wirklich peinlich, wie Journalisten die Themen covern. Von dem belächelten Mut der Spiegel Journos hat die Musikbranche nicht ein Fünkchen. Da wird dann lieber ein Interview mit "Papa Ari" zur Situation im Rap gemacht, weil ist ja so lustig, wie der redet.

    Meine Fresse, ist das peinlich.