Ein umwerfend unterhaltsamer Roman über Pop, Kultur, Geschichte, Politik, Freundschaft, Loyalität, Familie, Geister, Monster, Liebe, Leben und Tod.

Mainz (dani) - Von der etwas abschreckenden Bezeichnung "Mystery Novel", die der Verlag "Ghosting" (Ventil Verlag, Broschur, 224 Seiten, 18 Euro) mit auf den Weg gibt, sollte man sich bloß nicht in die Irre führen lassen: Sebastian Ingenhoff hat einen exorbitant unterhaltsamen Roman geschrieben, dessen einziger Makel darin besteht, viel zu kurz geraten zu sein. Aber auch im Aufhören-Können im richtigen Moment - dann nämlich, wenn die Geschichte erzählt ist - steckt ja eine Kunst.

Die Haupthandlung an sich bleibt übersichtlich: Protagonistin des Romans ist Solana, ein R'n'B-Weltstar vom Kaliber einer Rihanna. Bei einem Fotoshooting für einen angesagten Modedesigner erfährt die Sängerin, dass bei der Krebs-OP ihres Vaters Komplikationen aufgetreten sind. Sie zwingt - ihr Superstar-Status gestattet ihr das - den am Set anwesenden Piloten, sie trotz Unwetters sofort von Island zurück nach New York zu fliegen. Natürlich gerät der Flieger in Turbulenzen, natürlich stürzt er ab. (Kurze Gedenkminute für Aaliyah, an dieser Stelle? Danke.)

Herzzerreißend sympathische Figuren

Was Ingenhoff um diesen eigentlich recht dünnen Plot herum-erzählt, ist allerdings schlicht der Wahnsinn. Vor dem Crash lernen wir nicht nur die Hauptdarstellerin Solana kennen, sondern auch ihre Entourage: allesamt herzzerreißend sympathische, durch und durch menschliche Figuren - und sicher nicht zufällig fast sämtlich starke, selbstbewusste und obendrein wahnsinnig witzige Frauen. Wir bekommen Solanas private From-Rags-to-Riches-Story erzählt, die sie aus einer schimmeligen Absteige in einem abgewrackten Viertel auf die großen Bühnen und in die Nobelhotel-Suiten der glitzernden Metropolen führt.

Alle Facetten des Ruhms

Ingenhoff ist nicht nur Schriftsteller, sondern auch Labelbetreiber, DJ, Technomusiker und Kulturjournalist. Seine Sachkunde durchdringt "Ghosting" und blitzt immer wieder auf, sobald es - und das tut es häufig - um Musik und Popkultur geht. Obendrein kennt er das Musikgeschäft ganz offensichtlich bestens. Routiniert gestattet er Einblicke in seine Mechanismen und Absurditäten und beschreibt vor allem den dort anzutreffenden Menschenschlag teils entlarvend genau. Es geht um Ruhm mit allen seinen Facetten, auch den negativen, um die Durch- und Umsetzung künstlerischer Visionen, und es geht um Freundschaft und Loyalität.

Pop, Geschichte, Politik und eine zauberkundige Großmutter

Wir dürfen zudem Solanas Familie kennenlernen - auch hier bilden starke Frauen die Dreh- und Angelpunkte. Der Autor erzählt ganz nebenbei den Werdegang einer Einwandererfamilie in den USA und verweist zusammen mit der Lovestory von Solanas Eltern auf die Geschichte der Revolution in Nicaragua.

Solanas Begegnung mit Alfie, dem erheblich traumatisierten Sohn eines, freundlich ausgedrückt, erfolglosen Minenarbeiters in Grönland, liefert Anlass, um über die skrupellosen Machenschaften von Unternehmen nachzudenken, die ohne Rücksicht auf die Folgen Natur und Arbeitskräfte ausbeuten. Obendrein gibts eine möglicherweise zauberkundige Urgroßmutter, ein eventuell magisches Amulett, Nahtoderfahrungen und Abstecher in die Geisterwelt.

Meisterhaftes Erzähler-Handwerk

Eine der vielen Verrücktheiten an diesem herrlich unaufgeregten Buch: Obwohl Ingenhoff keins der angerissenen Themengebiete vertieft (und glücklicherweise auch nicht zu Schätzing'schen Wikipedia-Eskapaden neigt), erscheint auch keins oberflächlich oder gar lieblos abgehandelt. Trotz seiner Fülle erschlägt "Ghosting" nicht, sondern wirkt wie die lockerst wegkonsumierbare, perfekte Unterhaltungslektüre, die es ist.

Das ist einzig und allein deswegen möglich, weil Sebastian Ingenhoff das Handwerk des Erzählens meisterhaft beherrscht. Er erschafft plastische, nachvollziehbare Charaktere, deren normal außergewöhnlichen Schicksale einen packen und nicht mehr loslassen. Wenn sie einen dann doch loslassen - weil dieses Buch eben leider die Frechheit besitzt, nach 224 Seiten zuende zu sein - fühlt man sich minimal verlassen, dafür aber maximal beschenkt: mit einem ganzen Strauß neuer Freund*innen, mit denen man jederzeit gerne noch ein bisschen touren würde.

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Sebastian Ingenhoff - "Ghosting"*

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor einem Monat

    Ey, wenn das Werk nicht halb so gut wie hier gelobt ist, werde ich mich erneut melden... ;)

    • Vor einem Monat

      So, drei Lese-Abende später: mir liegt es fern, die obig geschilderte Euphorie runterzumachen.
      Nur hatte ich wohl zu hohe Erwartungen. Das Fazit "wegkonsumierbare... Unterhaltungslektüre" kann ich sogar bestätigen. Das liegt auch sehr an der einfachen Sprache, die der Autor verwendet.
      Es mangelt mir bei dem Werk vornehmlich in Teil 2 an Zugänglichkeit zu den neuen Figuren. Und so menschlich erschienen mir Freundinnen auch nicht - eher arg simpel gestrickt.
      Na ja, insgesamt okay für mich.