Er war Captain Kirk, Wohltäter, Patient, Arbeitstier, Pferdenarr, eine Art Sänger und vieles mehr.

Los Angeles (dani) - William Shatner borgt sich den Titel seiner Autobiografie bei der allen "Star Trek"-Fans bestens vertrauten vulkanischen Grußformel "Lebe lang". Der Untertitel lässt allerdings ahnen, dass das Buch mehr als "Raumschiff Enterprise" zu bieten hat. Tatsächlich liegt der Schwerpunkt von "Lebe lang ... und was ich auf meinem Weg lernte" (200 Seiten, Hannibal Verlag, 20 Euro) eher auf zweiterem. Trekkis sollten also besser nicht allzu große Hoffnungen darin setzen, dass ihnen die Lektüre den Weg in bisher unbekannte Weiten ihrer Lieblingsserie eröffnet. "Star Trek" machte Shatner zwar zur Legende, spielt hier aber bestenfalls eine Nebenrolle.

Mit seinem Co-Autor David Fisher kooperiert William Shatner bereits zum dritten Mal. "Dieses Buch handelt vom Altern", schreibt Fisher in seiner Danksagung und trifft damit den Nagel präzise auf den Kopf. William Shatner feierte vergangenen Monat seinen 88. Geburtstag. Auch, wenn er - wie der Rest des Buches: ein wenig inkonsequent - über Seiten hinweg beteuert, sich mit seiner eigenen Endlichkeit möglichst gar nicht befassen zu wollen, steht doch überdeutlich im Raum, dass hier ein sehr alter Mann erzählt.

Opa erzählt

Ob aus Unvermögen oder mit voller Absicht: Fisher tut jedenfalls nichts, um diesen Eindruck zu mildern. "Lebe lang ..." besitzt keinerlei Dramaturgie, keine Stringenz, keine sinnvolle Gliederung. Shatner erzählt, wie es ihm gerade in den Sinn kommt. Dabei springt er wüst zwischen den Themen, die ihn umtreiben, hin und her. Schauspielerei, Pferde, seine Kindheit, Börsengeschäfte, Motorräder, Pferde, seine diversen Ehefrauen, Pferde, seine Hunde, Thairestaurants, Arbeitsmoral, seine Kinder, die Enkel, Pferde, die Hüfte, sein Engagement für Wohltätigkeitsorganisationen, Ernährung ... hab' ich Pferde erwähnt? Pferde!

Die ständigen Themenwechsel merzen jeden roten Faden, den die Erzählung möglicherweise hätte haben können, gnadenlos aus. An mehr als einer Stelle macht einen leicht makaberen Eindruck, wenn sich Shatner eben noch an seine im Pool des gemeinsamen Hauses ertrunkene dritte Ehefrau erinnert, die Alkoholikerin war, und vom Schmerz über den erlittenen Verlust nahtlos zu seiner Passion für die Pferdezucht übergeht. Oder wenn er in einem Moment seiner irgendwo auf der Strecke gebliebenen Freundschaft zu Leonard Nimoy nachtrauert, nur um im nächsten von gebackener roter Beete oder einem eigens für ihn gebauten Motorrad zu schwärmen.

Eine ordnende Hand hätte diesem Buch hinsichtlich der Lesbarkeit wirklich gut getan. Die Sprunghaftigkeit und die Wiederholungen ermüden leider kolossal. Andererseits: Hätte Fisher (oder sonst jemand) die Redundanzen beseitigt, wären von den 200 vielleicht 70 Seiten übrig geblieben - und ich bezweifle stark, dass die einen so greifbaren Eindruck davon vermittelt hätten, wie Shatner erzählt: wie der Opa, der er halt nun einmal ist.

"Hören Sie nicht auf mich!

Was ihm wichtig ist, schmiert er seinen Zuhörern ein ums andere Mal aufs Brot. Einen Witz, den er einmal für witzig befunden hat, reißt er wieder und wieder. ("Ich erhöhe um ein zweites Knie und eine Hüfte", haha!) Shatner beteuert zum Beispiel unentwegt, er wolle bloß niemandem Ratschläge erteilen, um in der Folge - Überraschung! - Ratschläge zu erteilen, denen er dann aber jedes Mal die Einschränkung hinterherschickt, so und so funktioniere es zwar für ihn, aber alle anderen sollen bitte bloß besser nicht auf ihn hören.

Keine Ahnung, wer Shatner auf das schmale Brett geschickt hat, seine Memoiren müssten zwingend eine Art Ratgeber darstellen. Seinen Fans genügt doch vollkommen, ein wenig an seinem Leben und seinen Erinnerungen teilhaben zu dürfen und die eine oder andere Anekdote aufzuschnappen. Shatner erzählt, wie er einmal durch einen Blizzard zu einem Auftritt fuhr - eine Episode, die ihm rückblickend offenbar selbst einigermaßen bekloppt vorkommt. Er erinnert sich an seine Anfänge als Schauspieler, an schlaue und weniger schlaue Entscheidungen und an die erbärmlichen Bedingungen, unter denen einst "Star Trek" entstand, zu einer Zeit, in der noch niemand absehen konnte, dass diese Billigproduktion einmal Kult werden könnte.

Mit Herz und Arbeitsmoral

Wer sich durch die - leider schauderhaft holprig ins Deutsche übersetzten - 200 Seiten gehangelt hat, weiß hinterher jedenfalls tatsächlich eine ganze Menge mehr über den Menschen William Shatner. Dass er ein erbärmlich einsames Kind gewesen sein muss, das sich selbst Valentinskarten schrieb. Dass man vielleicht seine schauspielerischen, ganz sicher seine gesanglichen Qualitäten anzweifeln darf, nicht jedoch seine Professionalität und seine Arbeitsmoral. Dass er ein großes Herz für Tiere und für Menschen in Not hat, und obendrein die angenehme Fähigkeit, das eigene Handeln kritisch zu betrachten. Dass er sich und anderen gegenüber auch einmal eingestehen kann, dass die eine oder andere Entscheidung eine dumme gewesen ist, macht ihn tatsächlich viel sympathischer, als man es vorher vielleicht für möglich gehalten hat.

"Sterben Sie einfach nicht!"

William Shatner, soviel steht am Ende von "Lebe Lang ..." fest, hat eine ganze Menge durchgemacht. Wer allerdings in der letzten Phase seines Lebens steht und das, was er am meisten bereut, ist, dass er früher einmal dem Jagdsport gefrönt hat, der kann kein allzu unglücklicher Mensch sein. Shatners Tipp für ein langes Leben klingt darüber hinaus gar nicht dumm: "Sterben Sie einfach nicht!" Ich sags mal mit seinem Nachfolger auf der Brücke der Enterprise: "Machen Sie es so!"

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