Enthauptete Heilige, Haare und Datumsstempel: Im Katalog zur Ausstellung von Caves Sammelsurien lässt sich wunderbar schmökern.

Kopenhagen (giu) - Kotztüten, Briefpapier mit Hotellogos, Zettel, Notizbücher und Hefte. Beklebt, bemalt, beschrieben mit Tinte, Blut, Stiften, Heiligenfiguren, Haaren, weiblichen Geschlechtsteilen. Jede Idee, jedes Detail kann wichtig sein, hat Nick Cave schon zu Beginn seiner Karriere erkannt und deshalb unermüdlich alles gesammelt, das er womöglich irgendwann gebrauchen könnte, ob Reime, Gegenstände oder Gedanken.

Die königliche Bibliothek in Kopenhagen kam auf die lobenswerte Idee, eine Ausstellung aus diesem Sammelsurium zu erschaffen. Leider platzte die erste Corona-Pandemie 2020 genau in die Monate hinein, in der sie stattfinden sollte. Zwar wurde der Zeitraum verschoben, doch ein Besuch war nur mit Voranmeldung möglich. Zum Glück haben sich Cave, der die Ausstellung mitgestaltet hat, und Kuratorin Christina Back mit dem Katalog viel Mühe gegeben, der im März 2021 auch im deutschsprachigen Raum erschienen ist: "Stranger Than Kindness" (Kiepenheuer&Witsch, 276 Seiten, Paperback, 29 Euro).

Ein faszinierendes Wimmelbild

Wenn er nicht auf Tour ist und sich mit Hotelzimmern und Fliegern als Arbeitsumgebung begnügen muss, macht es sich Cave gerne gemütlich. Auf seine Art. Als er in den 1980er Jahren in Berlin lebte, verbrachte er mehrere Jahre damit, seinen Roman "Und Der Esel Sah Den Engel" zu schreiben. Die Zimmer wechselten, der Kokon, in dem er wie manisch auf seine Schreibmaschine tippte, blieb derselbe. Das Bett wie auch die Säulen an Büchern, die gefährlich gestapelt um ihn herumstanden, Bilder, Poster, Zettel an den Wänden, auch hier mit Blut und Haaren garniert. Ein faszinierendes Wimmelbild war auch sein Büro in Brighton, das auf dem Filmplakat des Films "20,000 Days on Earth" zu sehen war und in Kopenhagen original nachgebaut wurde.

Was Cave zu dieser Ausstellung bewegt hat? Die Kuratorin habe Überzeugungsarbeit leisten müssen, erklärt er. Ein akribischer Sammler seines künstlerischen Lebens wie David Bowie ist er nämlich nicht. Zwar hat er Gegenstände kistenweise gesammelt, doch auch immer wieder welche verloren. Die ersten zwei Manuskripte seines Romans verlegte er, sodass er wieder von vorne anfangen musste. Auch eines seiner neueren Tagebücher sei verschwunden. Verluste, sicherlich, aber kein Grund, um zu verzweifeln. Er fing einfach wieder von vorne an.

Intimer Blick in den kreativen Prozess

All die Sachen bieten einen intimen Blick in den Prozess, der zu einem bekannten Endergebnis führt, sei es ein Lied oder ein Text. Deren Veröffentlichung sei so etwas wie eine Übergabe, erklärt Cave im Vorwort, nach der sie nicht mehr dem Künstler gehören, sondern den Hörern und Lesern. Und so kommt die eine oder andere Überraschung zustande. Sein bekanntester Song "The Mercy Seat", die letzten Gedanken eines zu Tode Verurteilten vor seiner Hinrichtung, sei eher beiläufig entstanden, während er an seinem Roman schrieb. Sein absolutes Lieblingsstück "Stranger Than Kindness", das der Ausstellung ihren Namen gab, habe er mit seiner damaligen Freundin Anita Lane geschrieben, die Autopsie eines Beziehungsendes. Selbst die Musik stammt nicht von ihm, sondern von Blixa Bargeld.

"Gott ist anwesend"

Zwei von vielen Anekdoten, die die Schriftstellerin Darcey Steinke erzählt. In ihrem etwas lang geratenen Essay "Gott Ist Anwesend" bemüht sie sich, Cave mit literarischen Größen wie William Faulkner zu vergleichen und passende Bibelstellen zu finden. Ihre Anmerkungen zu den Ausstellungsstücken sind dagegen eine wahre Schatztruhe. Eine Stärke des Buchs besteht darin, dass die Anmerkungen ganz zum Schluss kommen und den Abbildung gebührenden Raum lassen. Die Texte selbst sind auf Englisch, doch ist ein kleines Heft in Reclam-Format beigelegt, mit gelungenen Übersetzungen von Christian Lux.

Zu den Ausstellungsstücken schreibt Cave passend (in Bezug auf eine Collage mit dem heiligen Judas), es sei "eine recht ansprechende Kombination von Dingen, die ich mag – enthauptete Heilige, Haare und Datumsstempel". Dazu gehören auch weibliche Akte, die Cave seit seiner Jugend ständig skizziert und von denen einige zu sehen sind.

Der Sinn von Caves Schaffen

Wer in dem Katalog den Sinn von Caves Schaffen sucht, wird fündig. Nicht nur dort, denn kaum ein Künstler pflegt ein so inniges Verhältnis zu seinen Fans, sei es mit der Auftrittsreihe "Conversations With Nick Cave" oder der Webseite The Red Hand Files, auf der er Fragen beantwortet. Von dort stammt auch eine der Anmerkungen. "Ich habe stets eine sehr motivierende Energie in dem Gedanken gefunden, dass ich mein Leben damit verbringe, mich nach etwas zu sehnen, nennen wir es Gott, das aller Wahrscheinlichkeit nach nicht existiert … meine Songs sind Gespräche mit dem Göttlichen, die letztlich nichts anderes sein könnten als ein Wahnsinniger, der mit sich selbst spricht."

Beim Versuch, diesen Satz zu verstehen, lässt es sich in "Stranger Than Kindness" wunderbar schmökern.

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Fotos

Nick Cave

Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger) Nick Cave,  | © laut.de (Fotograf: Manuel Berger)

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