Der Tocotronic-Sänger öffnet sich lieber in Buchform anstatt wie alle anderen auf Instagram.

Berlin (jas) - "Alles muss im Überfluss vorhanden sein", heißt es schon im Tocotronic-Song "Hi Freaks". Dass damit womöglich auch Toilettenpapier gemeint sein könnte, war bis zu Dirk von Lowtzows Buch "Aus dem Dachsbau" (Kiepenheuer&Witsch, 192 Seiten, gebunden, 20 Euro) nicht klar.

Diese Anekdote sollte verdeutlichen, dass das Buch detaillierte Einblicke in das (Seelen-) Leben eines Mannes gewährt, der sein Privatleben bisher lieber für sich behielt. In autobiografischen Kurzgeschichten von A (ABBA) bis Z (Zeit) lässt uns von Lowtzow an Gedanken, Ängsten, Verlusten, aber auch schönen Momenten teilhaben, die sich unter anderen im Leben des Teenagers "aus der Schwarzwaldhölle" ereigneten.

"Aus dem Dachsbau" ist eine Art Nachschlagewerk mit Texten, die eine sehr humorvolle und persönliche Seite des Songwriters ans Licht bringen, das Äquivalent zur musikalischen Autobiografie auf dem aktuellen Tocotronic-Album "Die Unendlichkeit". Musik ist bis heute ein wichtiger Begleiter für den Mann aus Offenburg. Über den Tod seines Jugendfreundes sang Dirk bereits in "Unwiederbringlich", im Buch bekommt der Freund nun einen Namen. Gemeinsam mit Alexander, den er sich als Kumpel zunächst nicht direkt ausgesucht hatte, erfindet er "Flippi und Flappi" und entdeckt den Punk. Eine langjährige Freundschaft entsteht, bis Alexander mit 26 Jahren an einem Gehirntumor stirbt.

Gute Freunde sterben, aber Erinnerungen bleiben, deshalb sollte man sie für immer festhalten. "Aus dem Dachsbau" funktioniert als Selbstporträt mit abwechslungsreichen Stimmungen. Der Sänger erzählt aus unterschiedlichen Perspektiven, von der Kindheit bis ins stets verunsicherte Jetzt. Im titelgebenden Mardertier sieht er optisch eine gewisse Ähnlichkeit. Außerdem erfand er einst eine Comiczeichnung namens "Daniel Dachs", worauf er auch näher eingeht.

Neben kulinarischen Genüssen wie Coca-Cola und Donuts bevorzugt Dirk von Lowtzow große Komplex-Kinos und gruselige Sci-Fi-Filme. Manchmal driftet er auch in die absurde Fantasiewelt eines kleinen Jungen ab und erzählt von Orten, an denen Plüschtiere wachsen ("Walross"). Eine Faszination zu gewissen Stofftieren ist demnach ebenfalls vorhanden. Oft sind die Erzählungen jedoch nachvollziehbar geschildert und mit einem magischen Wiedererkennungseffekt für den Leser versehen.

Dass Dirk Fahrräder hasst, wissen wir natürlich schon seit "Freiburg". Bei Wind und Wetter musste der Junge aus der Kleinstadt mit dem Drahtesel durch die Gegend fahren. Heute läuft er lieber zu Fuß in Berlin bis zum "Ostkreuz" oder joggt hysterisch im Freien. Man muss aber nicht Die-Hard-Fan sein, um "Aus dem Dachsbau" genießen zu können. Dafür hat von Lowtzow einfach zu viele gute Geschichten parat, etwa über zwei Cousins in Bremen, die ihre Teenagertage damit verbrachten, besoffen in einem gigantischen "Wumbo"-Kostüm im Heidepark Soltau umher zu streunen.

Fotos

Tocotronic

Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig) Tocotronic,  | © laut.de (Fotograf: Peter Wafzig)

Weiterlesen

laut.de-Porträt Tocotronic

Sie sind die Lieblinge des Feuilletons, die Institution des Indie-Pop, die einstigen Musterknaben der sogenannten Hamburger Schule - Tocotronic zählen …

1 Kommentar