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Platz 1: "The Hateful Eight" – Ennio Morricone (2015)

"Soweit es mich betrifft, ist er mein Lieblingskomponist", entfuhr es Quentin Tarantino voller Begeisterung, als er 2016 den Golden Globe im Namen von Ennio Morricone entgegennahm: "Und wenn ich Lieblingskomponist sage, meine ich nicht Filmkomponist. Ich rede von Mozart, ich rede von Beethoven, ich rede von Schubert. Über diese spreche ich." Über seine gesamte Filmografie hatte der postmoderne Regisseur filmische Versatzstücke und Querverweise variiert und eingeflochten. Vor allem in den vom Italowestern beeinflussten "Inglourious Basterds" und "Django Unchained", aber auch in "Kill Bill Vol. 2" griff Tarantino beherzt nach früheren Arbeiten seines musikalischen Lieblings. Mit "The Hateful Eight" erfüllte er sich schließlich den Traum, mit dem Maestro für einen kompletten Score zusammenzuarbeiten.

Quentin Tarantinos achter Film setzt gleich zu Beginn einen hoffnungslosen Ton. Ein lebensgroßer Jesus hängt am Kreuz. Das Gesicht leidend und zugefroren, als sei er zum zweiten Mal gestorben. Einige Jahre nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg trifft eine Gruppe ebenso ungemütlicher wie misstrauischer Zeitgenossen während eines Schneesturms schutzsuchend in einer Hütte zusammen. Es entspinnt sich ein im Grunde konventionelles Agatha-Christie-Szenario, das dem Whodunit-Konzept folgt. Die Konfliktlinien ziehen sich zwischen den ehemaligen Konföderierten und Unionisten, zwischen Vertretern des Rechts und Gesetzlosen, zwischen dem schwarzen Kopfgeldjäger und dem mexikanischen Banditen. In Tarantinos Versuchsanordnung bleibt ein gesellschaftlicher Konsens illusorisch.

Mit Streichern und Oboe fängt Morricone all dies musikalisch ein. Sein Soundtrack atmet den Verrat, treibt die konstante Anspannung zwischen den hasserfüllten Figuren vor sich her und spiegelt die exzessiven Gewaltausbrüche. Auch der nach dem moralischen "Django Unchained" auffällige Zynismus findet sich etwa in "Bestiality". Das ursprünglich für John Carpenters "Das Ding aus einer anderen Welt" komponierte Stück ertönt in einer Szene voller Suspense, in der der Zuschauer darauf wartet, dass sich der wärmende Kaffee als vergiftet entpuppt. Neun Jahre nach seinem Ehrenoscar erhielt Ennio Morricone für "The Hateful Eight" seine erste und einzige reguläre Auszeichnung für die beste Filmmusik – überaus verdient für das letzte große Werk des vielleicht Größten seiner Zunft.

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2 Kommentare

  • Vor 9 Monaten

    Ennio Morricone war unbestreitbar einer der größten Filmkomponisten aller Zeiten. Er hat im Laufe seiner Karriere über 30 Western vertont.
    Alle diese Musiken waren besser als The hateful eight. Es ist eine Schande, daß der Academy erst so spät aufgefallen ist, daß der Maestro noch keinen regulären Oscar bekommen hatte und auf Grund seines hohen Alters dies noch schnell nachholen wollte.
    Es gab Arbeiten von Morricone die wirklich Oscar würdig waren aber hier überzeugten weder Musik noch der Film.

  • Vor 9 Monaten

    Der Film ist spannend. Tarantinos klaustrophobischstes Werk. Musikalisch ist mir aber nur der Vorspann in Erinnerung geblieben. Der ist allerdings wirklich großartig.