Irgendetwas machen die beiden Rapper richtig. Im Leipziger Felsenkeller dreht die Menge auf.

Leipzig (ksc) - Eine These zum Popdiskurs: Im postmodernen Zeitalter der Differenzierung, Fragmentierung und Brüchen in der Popkultur gibt es keine übergreifenden Phänomene, keine echten Stars mehr - nur noch Nischendienstleister, und sei die Nische auch noch so weit gefasst. Glücklicherweise wissen viele Leute nicht, dass es so etwas wie einen Popdiskurs überhaupt gibt, und gehen eben weiter auf Konzerte, um einen Menschen anzuhimmeln, den sie saucool finden.

Und so warten die ersten schon um drei Uhr Nachmittags vor dem Leipziger Felsenkeller, um später Bausa und Apache 207 zu feiern. Einlass ist um 18:30 Uhr. Um halb sechs ist die Schlange auf etwa dreißig bis vierzig Meter angewachsen, junges Publikum, dass noch nicht so viel jammert, wenn es ums Herumstehen geht. Das sind eben noch Fans.

Ein ganzer Saal in Ekstase

Im restlos ausverkauften Inneren des Felsenkellers nimmt die Luftfeuchtigkeit dementsprechend tropische Ausmaße an. Sanitäter halten sich dezent im Hintergrund bereit. Darauf vertrauend, dass diese undisziplinierten Rapmusiker schon nicht pünktlich sein werden, macht man es sich noch einmal gemütlich: Doch da fällt einem vor Schreck fast die Pulle aus der Hand, als um kurz nach acht Uhr Apache 207, der Gangster, der hin und wieder das Tanzbein schwingt, den Saal in Ekstase versetzt: Das Kreischkonzert dürfte noch auf der anderen Seite der vielbefahrenen Kreuzung zu hören gewesen sein. Sehr kurz, sehr knackig bedient der Mannheimer die Meute mit den gängigen Brechern aus seinem noch überschaubaren Repertoire.

"Soll ich die Haare abschneiden oder dranlassen?"

Dann ist Bausa da und Leipzig ab Sekunde eins mit ihm. Man ist sich nicht sicher, wen man für seine Showqualitäten loben soll, ihn oder das Publikum. Er macht ja an sich nicht viel: Das Zurückstreichen der schweißnassen Haare, eine ungefähre Handbewegung Richtung Publikum, und man erlebt, wie Frauengruppen die Contenance verlieren als beträte John Lennon zum ersten Mal amerikanischen Boden. Dass es so etwas noch gibt: Schon toll. "Soll ich die Haare abschneiden oder dranlassen?", fragt er, des Volkes überlieferter Wille, mit Geschrei kundgetan: Er möge sie doch dranlassen. Ansonsten gibts das kleine Einmaleins des Livegeschäfts: Wer kann lauter schreien, links oder rechts? Einmal alle bitte mit den Armen wedeln, einmal alle hinsetzen!

Frage einer Besucherin: "Singt der jetzt eigentlich Playback?". Doch, schon, mal mehr, mal weniger, tendenziell fällt es eher auf, wenn es fehlt. Hip Hop im Jahr 2019 und so. Wenn es diese Schlacht überhaupt jemals gegeben hat, so ist sie definitiv geschlagen. Dass es den Leuten schlicht Wurst ist, darf als erwiesen gelten, und Pop – sprich, im Jahr 2019: Hip Hop - ist pragmatisch.

Laser, Baby!

Schön, wie Bausa sich nach der ersten Hälfte des Sets von der Bühne verabschiedet, offenbar durch die Unterbodenmaschinerie huscht und inmitten des Publikums emporgefahren kommt. Der Laserkäfig um ihn herum: sehr cool. Da stellt sich die Frage, hat dein liebster Indierapper, deine liebste Post-Prog-Sludge-Psych-Hardcore-Truppe schon einmal in einem Laserkäfig gespielt? Wohl kaum. Was das für einen Unterschied macht? Laser, Baby!

Den Four-to-the-Floor-Kracher "Guadalajara" kündigt Bausa mit der Analyse an: "Wer gleich nicht springt, ist dumm oder behindert." Ergebnis ist, dass alle springen. Den gedämpften Flüsterflow, der den Track auf Platte so cool macht, gibt er blitzsauber original wieder. Nur hört man das dann leider nicht so gut in einer Halle mit gefühlt 5.000 Leuten. Dafür hat er sie in der Hand - oder sie eher sich selbst, diejenigen, die sich darauf geeinigt haben, dass da ein Star auf der Bühne steht. Er steht da zwischendurch einfach nur teilnahmslos rum, die Folge ist ein spontaner "Ba-ui!Ba-ui!Ba-ui!"-Sprechchor. Für dieses Publikum sollte man Eintritt verlangen.

Der Felsenkellerchor fräst sich ins Hirn

Bausa klatscht einen Song hinter den anderen, ein wenig mangelt es an Dramaturgie. Einige Tracks sind stark, andere weniger, was kaum eine Rolle spielt, abgefeiert werden sie alle. Und genauso vorhersehbar, wie die Rekordsingle "Was Du Liebe Nennst" ganz am Ende vor dem Zugabenteil kommt, schlägt sie auch ein. Dieser Chorus, vom vielstimmigen Felsenkellerchor gesungen, fräst sich ins Hirn. Als er sich dann zur Zugabe ans Piano setzt, die Locke bedeutungsschwanger in die Stirn gehängt, hat man genug gesehen. Alle um einen herum sind glücklich. Ein schöner Abend.

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3 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 16 Tagen

    "Frage einer Besucherin: "Singt der jetzt eigentlich Playback?". Doch, schon, mal mehr, mal weniger, tendenziell fällt es eher auf, wenn es fehlt. Hip Hop im Jahr 2019 und so. Wenn es diese Schlacht überhaupt jemals gegeben hat, so ist sie definitiv geschlagen. Dass es den Leuten schlicht Wurst ist, darf als erwiesen gelten"

    Absolutes No-Go und Armutszeugnis imo.

    • Vor 16 Tagen

      Ich war auf der aggro Berlin crime Tour von basstard und Tony D und das war großartig. Basstard hatte sich so brutal sein Hirn zerkifft, dass er sich seine Texte nicht mehr merken konnte...da lief dann auch Playback aber mit dem richtigen Timing war es nicht weit her. Großartiges Konzert. ♥

    • Vor 16 Tagen

      Ist vielleicht den Leuten Wurst, die zu Apache- oder Bausa-Konzerten gehen, den gleichen Leuten war vor zwanzig Jahren Wurst, ob die dritte Generation Playback hat.

  • Vor 15 Tagen

    Meine Güte, vor 20 Jahren waren es Oli P., Big Brother Kandidaten, Daily Soap Darstellerinnen und die Band ohne Namen, heute eben das. Das Abendland ist seinerzeit nicht untergegangen und wird es jetzt auch nicht. Genausowenig wie Rap.
    Imo ist das ne temporäre Erscheinung und in 2,3 Jahren sind die alle von der Bildfläche verschwunden.