Die Euphorie um "Voyage" kennt keine Grenzen: Erste Musiker outen sich als Liveband-Mitglieder. Im Team von Adele ist man offenbar weniger begeistert.

Konstanz (mis) - In den 40 Jahren, in denen sich ABBA im Ruhestand befanden, habe er praktisch täglich Anfragen nach einer Reunion erhalten, erzählte ABBA-Promoter Thomas Johansson kürzlich der Süddeutschen Zeitung. Er habe besonders attraktive Angebote zwar stets an die Band weitergetragen, doch dort präferierte man andere Aktivitäten: Während Angetha Fältskog und Anni-Frid Lyngstad besonders in den letzten zwei Jahrzehnten die Stille ihres Privatlebens genossen, seien Björn Ulvaeus und Benny Andersson stets mit dem "Mamma Mia"-Franchise oder anderen Bühnenproduktionen beschäftigt gewesen. Auch vor diesem Hintergrund ist die letzte Woche verkündete Studio-Reunion für das am 5. November erscheinende neue ABBA-Album "Voyage" eine Sensation. Offenbar hatte nicht einmal der engste Bandzirkel noch Hoffnung, dass die schwedischen Pop-Legenden ihrem Studio-Abschied "The Visitors" von 1981 noch etwas hinzufügen würden.

Die hohen Erwartungen schlagen sich bereits jetzt in der Nachfrage nieder: Mit über 80.000 Vorbestellungen in drei Tagen hält "Voyage" in Großbritannien bereits jetzt den Pre-Order-Rekord des Labels Universal. Damit verdrängen die Schweden die beiden Take That-Alben "Progress" (2010) und "III" (2014) von der bisherigen Pole Position.

Derweil ist auch der Vorverkauf für die virtuellen "Voyage"-Konzerte ab dem 27. Mai 2022 angelaufen. Bis September ist die Show fünf Mal pro Woche in London zu sehen, am Wochenende finden zwei Vorstellungen statt. Die Preisspanne bewegt sich zwischen rund 65 und 200 Euro für Steh- und Sitzplätze. Zudem kann man Plätze in ABBA-Tanzkabinen kaufen, sogenannte Dance Booths, zum Preis von rund 170 Euro. In Pandemiezeiten sicherlich nicht die schlechteste Idee. Wer gleich noch eine Hotelübernachtung mitbuchen will, kommt auf 420 Euro.

Die Konzerte sind als Mix aus Musical und Liveshow konzipiert, an der auch George Lucas' Firma Industrial Light & Magic beteiligt war. Mehrere Jahre gingen für die Planung und Umsetzung ins Land. Im Gegensatz zu bisher bekannten Hologramm-Konzerten bewegen sich die Abbatare genannten Bühnenfiguren nach dem Vorbild eines im Studio aufgenommenen Konzerts der echten Musiker*innen. Der Sound kommt nicht vom Band, sondern wird von einer zehnköpfigen Liveband gespielt. Für die vierjährige Residency wurde eigens eine Halle für 3000 Personen im Queen Elizabeth Olympic Park errichtet.

ABBA-Promoter Johansson wies darauf hin, dass Vergleiche zu bereits bekannten Hologramm-Shows ins Leere führten. Vielmehr sei das Live-Erlebnis ein Fingerzeig in die Zukunft, wenn Musiker*innen womöglich nicht mehr um die ganze Welt touren wollten - oder könnten. Mit "ABBA Voyage" hätte das Quartett "eine völlig neue Form erfunden, wie Live-Performances aussehen können". Vor allem für die bühnenscheuen Sängerinnen der Gruppe hat sich der Aufwand gelohnt: Gerade mal fünf Wochen lang mussten sie alle 22 Songs der Show unter Live-Bedingungen einsingen und wurden dabei von 160 Kameras gefilmt. ABBA-Fans können daran nun satte vier Jahre teilhaben, während sich die schwedischen Seniorinnen wieder ihrem Privatleben widmen können.

Am Wochenende outeten sich bereits Musiker, dass sie in den Kreis von ABBAs Liveband für die Konzerte auserwählt wurden: Die britische Popsängerin Little Boots sowie James Righton, ehemaliger Sänger der Nu Rave-Band Klaxons. Righton war zudem auch in die Auswahl der anderen Musiker involviert, wie er auf Instagram verriet: "Ich hatte eine unglaubliche, lustige, magische und surreale Zeit, Benny und Björn bei ihrer Suche nach Musikern für die Band zu helfen", schrieb er. Es sei die beste Gruppe an Musikern, die er jemals habe gemeinsam spielen hören. Seine Aufgabe sei es gewesen, "technische Musiker zu finden, die über Groove, Gefühl und Persönlichkeit" verfügten. Die Auserwählten hätten dann die Songs "Voulez-Vous", "Knowing Me Knowing You", "Gimme! Gimme! Gimme! (A Man After Midnight)" und "Eagle" spielen müssen.

Auch Victoria Hesketh alias Little Boots verlieh ihrer Begeisterung über das Engagement bei den Pop-Legenden in einem längeren Posting Ausdruck und ergänzte, dass das Zusammenspiel der Band allen Zuschauern eine Gänsehaut bereiten werde. Ihrer eigenen Karriere stünde das Projekt indes nicht im Wege, im Frühjahr soll ihr neues Album erscheinen. Auch die britische Sängerin Raya bestätigte ihre Band-Zugehörigkeit.

Derweil zittert die Konkurrenz schon vor der immensen Nachfrage nach dem neuen ABBA-Album. Angeblich sollte das lange erwartete neue Adele-Album ebenfalls noch vor Weihnachten erscheinen. Eine entsprechende Marketingkampagne und TV-Specials sollen laut Medienberichten bereits abgedreht sein, doch nun fürchte das Adele-Label Sony Music um die kommerzielle Pop-Vorherrschaft im vierten Quartal. Zudem seien die Presswerke mit dem neuen ABBA-Album vorerst ausgelastet und es könnte zu Lieferengpässen kommen. Adeles erstes Album seit sechs Jahren beinhaltet angeblich auch Songs über ihre Trennung von Ehemann Simon Konecki vor zwei Jahren und ist für den Universal-Konkurrenten sicherlich das wichtigste Pop-Album des Jahres. Man überlege nun, die Album-Veröffentlichung erneut zu verschieben, heißt es. Von "25" wurden bis heute sagenhafte 23 Millionen Tonträger abgesetzt.

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7 Kommentare mit 14 Antworten

  • Vor 17 Tagen

    "Erste Musiker outen sich als Liveband-Mitglieder."

    Ich kann diesen Leuten nur meinen tiefsten Respekt bekunden. Das kann keine einfache Entscheidung gewesen sein, das Stigma ist noch immer sehr groß. Ich hoffe, dass das noch andere Menschen motiviert an die Öffentlichkeit zu gehen und sich nicht mehr verstecken zu müssen. Es ist längst überfällig, dass wir als Gesellschaft lernen mit diesen Menschen offen, tolerant und wertschätzen umzugehen.

  • Vor 17 Tagen

    Wetten werden angenommen, wieviel von den 22 Songs aus neuen bestehen, bei einer Band, die alleine nur für die als Hits klassifizierten Dinge aus dem Backkatalog eine Dreistundenshow brauchen würde...

    Ich tippe auf drei.

    • Vor 16 Tagen

      Es sind sogar nur jene zwei, die bereits veröffentlicht wurden. Das haben B&B bei der Songpräsentation höchstpersönlich bekannt gegeben. Die Idee zum ganzen Album kam erst später.

  • Vor 17 Tagen

    Ist schon naise, wie dieser absolut galsklare Giga-Cashgrab hier von so Semestern wie Meuri, lauti und Para gejubelpersert wird af. Wenn es irgendein Act wäre, der nicht schon seit 40 Jahren im Game ist, dann würden sie alle mit ihren Gehstöcken wedeln und schimpfen wie der Opa bei mir in der Nachbarwohnung, wenn die Kehrwoche nicht zu seiner Zufriedenheit erledigt wurde. :lol:

  • Vor 16 Tagen

    Alle Kritiker, die hier rummotzen, ob's das in dem Alter jetzt nochmal gebraucht hat oder, dass es dabei ja nur um die Kohle geht, sollten mal eines begreifen. Ja, es geht hier ums Geldverdienen! So wie bei jedem anderen Menschen, der jeden morgen zur Arbeit fährt halt auch. ABBA sind, wie andere Musiker auch, in erster Linie Künstler, die ihr Geld mit Musik verdienen wollen. Und wenn sie dabei viel verdienen, weil sie es einfach gut machen, dann hat das seine Berechtigung. Sie sind schließlich nicht die Heilsarmee, die uns alle aus Menschenliebe glücklich machen will.
    Und wenn sie das nach fast 40 Jahren in diesem Alter immer noch so drauf haben, verdient das Respekt und Anerkennung. Erst recht, wenn sie das, was sie tun, mit Leidenschaft, Hingabe und solch exorbitantem Perfektionismus machen.
    Und wenn jetzt andere Künstler oder Plattenfirmen Angst um Ihre Verkaufszahlen haben... Gut! Das sollten sie auch! Wenn man mal überlegt, was uns Zuhörern die letzten Jahre von eben diesen Labels und sogn. "Künstlern" manchmal für ein musikalischer Schrott vorgesetzt worden ist, dann ist es nur fair, wenn Bands wie ABBA, die ihren Beruf ernst nehmen und einfach "können", jetzt abräumen. Es sollten sich vielleicht die Künstler, die jetzt Angst um Ihre Verkaufszahlen haben, ernsthaft fragen, ob sie nicht doch besser wieder zu ihrem alten Beruf zurückkehren. Auch in der 70ern und 80ern gab es durchaus gute Bands, die sich mit ABBA messen lassen konnten. Wenn ich also meine Arbeit gut mache, brauche ich mich auch jetzt nicht zu fürchten. Fürchten muss ich mich nur, wenn ich meine Arbeit nur oberflächlich und schlecht mache.
    Wie heißt es so schön... Konkurrenz belebt das Geschäft. Zugegeben - jetzt gegen eine konkurrenzlos gute Truppe wie Abba anzutreten zu müssen, ist halt einfach auch mal Pech. ;-)

  • Vor 16 Tagen

    Dieser Kommentar wurde vor 16 Tagen durch den Autor entfernt.

  • Vor 16 Tagen

    Booroo3 - Ein klasse und sehr guter Kommentar!

    Die drei großen M's: Mode, Möbel und Musik, dies alles ist Geschmackssache. Auch die Rolling Stones haben noch bis Mitte Siebzig noch Konzerte gegeben, weil sie ohne Musik auf der Bühne nicht leben können. Jedoch gibt es mir mehr Gruppen und Sänger/innen aus den Siebzigern und Achtzigern Jahren, die jetzt wieder Musik machen, weil sie gemerkt haben, dass ihr Vermögen langsam zur Neige geht.

    ABBA hat mit einem großen Teil ihres Vermögens in die Zukunft investiert, und nebenbei neue und gute Songs veröffentlicht. Auch haben sie wieder in der Popmusik neue Maßstäbe gesetzt mit der ABBAvater-Show bzw. Konzert. Wer nach mehr als 50 Jahren erfolgreicher Musik immer noch gerne gehört wird, wird es vermutlich auch in nächste 50 Jahren schaffen. Dazu gehören: Elvis Presley, Beatles, Rolling Stones, Bee Gees, ABBA, Bob Marley, Fleetwood Mac, Michael Jackson, Madonna, Adele, AC/DC, Elton John usw.