laut.de-Kritik

Transenfaktor 100 und das Doherty-Syndrom.

Review von

"Gestern noch im Dreck auf dem Bau und heute auf unserer Showbühne", pflegte Rudi Carrell seine Gäste in der Rudi Carrell Show gerne vorzustellen. Die New York Dolls hätte er seinem Publikum demnach ungefähr so präsentiert: "Gestern noch verwahrlost auf den Straßen von Brooklyn, heute geschminkt und in Frauenkleidern auf unserer Showbühne." Allzu viele TV-Shows mussten die Proto-Punks denn allerdings nicht absolvieren in ihrer relativ kurzen Karriere, was aber weniger an ihren extravaganten Outfits, denn an mieser Publicity ihrer Label- und Tour-Verantwortlichen lag.

Eine schöne Szene auf der insgesamt eher für Fans geeigneten DVD "All Dolled Up" zeigt das Quintett im Bandbus auf dem Weg zum Flughafen. Sänger, Fixpunkt und Frauenschwarm David Johansen, Mick Jagger-Mimik und Robert Plant-Matte, teilt liebevoll ein Budweiser-Sixpack für seine Bandkollegen auf, bevor seine Tatütata-Transencombo mit Tüll und Tuch in die Empfangshalle des L.A. Airport hinein stolziert, wo man schon erschrockene Passantenblicke evoziert, bevor die übrigen Fluggäste auf das spezielle Hosenoutfit "Marke arschfrei" von Gitarrist Johnny Thunders aufmerksam werden.

Im Flieger geht der Spaß weiter: erstmal einen kiffen. Zu solchen Kapriolen passt hervorragend ein Satz wie jener von Syl Sylvain, der den ganzen Dolls-Hype auf den Punkt bringt: "Die New York Dolls, das ist Halloween, 365 Tage im Jahr." Macht dann insgesamt 1095 Tage Halloween, denn nach drei gemeinsamen Jahren und zwei wenig beachteten Album-Veröffentlichungen zerbricht die bis heute verehrte Kernbesetzung aus Johansen (Gesang), Thunders (Gitarre), Sylvian (Gitarre), Jerry Nolan (Drums) und Arthur "Killer" Kane (Bass) schon Anfang 1975. "All Dolled Up" zeigt die vom damaligen Band-Intimus Bob Gruen mit seinerzeit sündteurem Video-Equipment festgehaltenen Auftritte der Dolls vom New Yorker Max's Kansas City bis zum Schminktisch des Whiskey A Go-Go in Los Angeles. Destilliert aus 40 Stunden Material. Obwohl beinahe durchweg in Schwarzweiß gefilmt, springen rosa und violette Knallfarben geradezu aus den Bildern heraus, seien es nun die Kopfbedeckungen oder die Leggins der Protagonisten.

Doch nicht nur weil Ur-Drummer Billy Murcia auf der ersten England-Tour 1972 an einem Cocktail aus Alkohol und Drogen stirbt und Malcolm McLaren zeitweilig den Manager gibt, gelten die New York Dolls bis heute als Prototyp des Rock'n'Roll, deren Exzesse sich allerdings recht konservativ auf Groupie- und Drogen-Konsum reduzierten (fürs Rinderhack ins Publikum werfen fühlte sich seit jeher alleine Iggy Pop zuständig). Ähnlich Iggys Stooges oder den Velvet Underground entdeckte man die Dolls erst lange nach ihrer aktiven Karriere.

Einer der großen Fans ihrer aktiven Zeit (Eigenaussage) heißt Morrissey, der 2004 tatsächlich das Kunststück fertig bringt, die nicht gerade als Busenkumpels geltenden Dolls-Überlebenden Sylvain, Kane und Johansen zu einem Reunion-Konzert beim Meltdown Festival zu überreden. Knappe dreißig Jahre nach ihrem letzten gemeinsamen Auftritt laufen die Drei unter einem Medien-Rummel auf die Bühne der Londoner Royal Albert Hall, als seien sie die Stones. Und es muss ja auch ungleich befriedigender sein, heute als die Stones der 70er gefeiert zu werden, anstatt die Stones von heute zu sein.

Als Hauptverdienst der überlangen DVD ist die Authentizität erzeugende Atmosphäre zu nennen. Das gerne mal pixelige und verwackelte Bild im Super 8-Stil ist definitiv ein Zeugnis der Zeit und umso legendärer, als sich Anfang der 70er in Downtown Manhattan nur betuchte Kunstfreaks futuristische Aufnahmegeräte leisten konnten. Die Aufnahmequalität ist leider oft dementsprechend, kann den Charme von Songs wie "Personality Crisis" oder "Subway Train" aber auch nicht ganz verdecken. Schwerstes Manko der DVD ist sicherlich das Fehlen von Untertiteln und Zeitangaben. Wenn man dann aber Bilder einer wohl legendären Halloween-Nacht im Hotel Waldorf Astoria vorgesetzt bekommt, die Rockpromoter Howard Stern ausrichtete, wo als Reaktion auf eine Dolls-Show Scheiben zu Bruch gehen und ein sichtlich mitgenommener TV-Moderator die Band als "Gruppe mit bisexueller Aura" beschreibt, fühlt man sich schon ein bisschen wie in einer Zeitmaschine.

Zudem erfahren wir, dass Gitarrist Thunders die Öffentlichkeit lange vor Bowie mit einer Hakenkreuz-Binde am Arm schockte und Sänger Johansen (Lieblingsband: Black Sabbath) für die Kameras den Hitlergruß nachahmt, was durch sein Cowboy-Outfit samt Pistolenhalfter nur umso skurriler wirkt. Thunders darf übrigens auch für sämtliche Hair Metaller der 80er Jahre plus Simon Gallup Pate stehen.

Im Interview mit Filmemacher Gruen erfährt man noch so einiges über die Fans der Band (jung, weiblich, textilscheu) und natürlich über die Drogenprobleme von Thunders und Drummer Nolan, an denen die Band 1975 in der Formation schließlich zerbricht. Das Doherty-Syndrom ist überdies schnell präsent, wenn man Gruen anekdotieren hört, dass Thunders jahrelang davon ausging, seine Fans wollten ihn stoned von der Bühne fallen sehen. Stattdessen, so schließt der New Yorker Filmer, wollten ihn alle spielen sehen.

Nicht zuletzt dank Morrissey erleben die mittlerweile erneut dezimierten surviving Dolls (Kane starb nach dem London-Auftritt 2004) also nochmal einen späten Hype, dem im April ein weiterer folgen könnte. Dann erscheint der Sundance Film Festival-Preisträger "New York Doll", auf dem mit Morrissey, Iggy Pop, Bob Geldof, Chrissie Hynde und Mick Jones nur wichtige Leute zu Wort kommen. Vielleicht wird dort dann auch das Rätsel um die Legende gelöst, Morrissey sei in seiner Jugend Präsident des englischen New York Dolls-Fanclubs gewesen. Gitarrist Sylvain kommentierte diese Anekdote vor Jahren so: "It's like Morrissey saying he was the president of our fan club in London! We didn't have a fuckin' fan club!"

Trackliste

Live

  1. 1. Human Being
  2. 2. Bad Detective
  3. 3. Subway Train
  4. 4. Personality Crisis
  5. 5. Trash
  6. 6. Vietnamese Baby
  7. 7. Looking For A Kiss
  8. 8. Jet Boy
  9. 9. Who Are The Mystery Girls?
  10. 10. Private World
  11. 11. (I'm Your) Hoochie Koochie Man
  12. 12. Great Big Kiss
  13. 13. Babylon
  14. 14. Frankenstein
  15. 15. Chatterbox
  16. 16. Pirate Love
  17. 17. Down Down Downtown
  18. 18. Pills
  19. 19. Teenage News

Bonus Materials

  1. 1. Interview with Bob Gruen
  2. 2. Full performance of 12 songs
  3. 3. Bob Gruen Photo Gallery with narrative

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