laut.de-Kritik

Mal wieder die Welt retten, diesmal mit Rick Rubin.

Review von

Neil Young ist eine coole Sau. 2022 wird sein bekanntestes Album 50 Jahre alt, "Harvest" erscheint am 2. Dezember in neuer Abmischung und wie gewohnt in verschiedenen Formaten, begleitet von einem Kinofilm. Was macht der Meister? Statt branchenüblich die Werbetrommel zu rühren und sich über dieses ach so wichtige Werk auszulassen, veröffentlicht er zwei Wochen davor ein neues Studioalbum (!), dazu noch produziert von Rick Rubin (!!).

Branchenüblich hätte Young auch für das vorliegende Album werben und sich über dieses ach so wichtige Werk und die tolle Zusammenarbeit auslassen sollen. Vor allem aber einige Monate zwischen dem einen und dem anderen vergehen lassen. Aber so isser halt. "Wir sitzen nun schon seit einigen Monaten auf dieser Platte, und so sehr wir auch unsere private Zeit damit genossen haben, so sehr freuen wir uns, dass ihr sie nun endlich auch hören könnt", teilt Young auf seiner Webseite mit.

Mit "wir" sind seine treuen Crazy Horse gemeint. Zu den Urgesteinen Billy Talbot (Bass) und Ralph Molina (Schlagzeug) hat sich 2018 Nils Lofgren gesellt, anstelle von Poncho Sampedro, der gesundheitsbedingt aussteigen musste. In musikalischer Hinsicht eine Bereicherung, da Lofgren besser und vielfältiger spielt. Auch ein alter Bekannter - lange bevor er 1984 Mitglied der E-Street Band wurde, spielte er mit Young auf dessen Album "After The Gold Rush" (1970).

"Wir" veröffentlichten 2021 ein schönes Album mit dem Titel "Barn", aufgenommen in einem umgebauten Holzhaus in den Bergen Colorados. Der Kontrast zu den Shangri La Studios in Malibu, dem Promivorort am Pazifik im Norden von Los Angeles, in dem "World Record" entstand, könnte nicht größer sein. Unbekanntes Terrain war es aber nicht, schließlich besaß Young hier ein Haus, das 2018 bei einem verheerenden Waldbrand zerstört wurde (wie auch die Anwesen von Miley Cyrus und Thomas Gottschalk, unter anderen).

Dazu nahm er 1975 in Malibu mit "Zuma" eines seiner besten Alben auf. Ebenfalls mit Crazy Horse. Der wichtigste Grund dürfte aber gewesen sein, dass das Studio Rick Rubin gehört, der dort auch lebt. Vermutlich war er bei den Sessions anwesend, auch wenn man sich fragt, wozu, schließlich hat Young noch nie wirklich Hilfe benötigt, um seine Platten aufzunehmen. "Produced by Rick Rubin 3.10.63 and Neil Young 11.12.45" steht auf der Hülle. Das mit den angegebene Geburtsdaten ist übrigens eine Eigenheit, die alle Mitarbeitenden betrifft. Selbst bei Youngs Vater, dessen Betrag sich darauf beschränkt, in den 1940er elegant bekleidet spazieren gegangen zu sein. Ein Schnappschuss, der 80 Jahre später gut genug für das Cover war.

Der Sound ist hervorragend abgemischt, auch ohne Dolby Atmos-fähiges Gerät fühlt man sich mitten in den Raum versetzt. Das ist man von Young aber gewohnt. Aus Molina wird nach 50 Jahren kein Keith Moon mehr, sein Schlagzeug scheppert wie eh und je, Talbot hält sich wie immer so weit im Hintergrund auf, dass man seinen Bass kaum wahrnimmt. Mit hohen, dünnen Stimmen singen sie die Refrains mit. Lofgren spielt so ziemlich jedes Instrument gut, weiß aber, wie man nicht auffällt. Kein Wunder, wenn man seit fast 40 Jahre Teil des Bühnenspektakels Bruce Springsteens ist und sich den Gitarrenjob mit dem flamboyanten Little Steven teilt.

Alles steht und fällt also mit Young und den Liedern, die ihm gerade einfallen. Seine Steckenpferde haben sich seit Jahren kaum verändert, wobei eines ganz besonders im Mittelpunkt steht: die Zerstörung der Umwelt. Und damit all das, was damit verloren geht. "Love Earth / A place where all the children can live / Love Earth / There's really nothing better to give / Love Earth / And your love comes back to you" singt er mit arg dünner Stimme in schunkeligen Opener. Eine Botschaft, der man sich nur allzu gerne anschließt, auch wenn Young sie mit beschränkten Variationen seit gefühlt 10 Jahren und 100 Liedern verkündet.

Das honkytonkige "Overhead" ist eines jeder Stücke, in denen Youngs Stimme sich mal wieder in luftige Höhen schraubt, ohne dazu die Kraft zu besitzen. Der mittlere Teil mit Orgelbegleitung ist kaum zu ertragen. Für "I Walk With You (Earth Ringtone)" kramt er seine E-Gitarre heraus, doch verliert sich der Song schnell in musikalischem Geplätscher. So muss man bis "Break The Chain" warten, bis Young endlich seinen verzerrten Killersound auspackt und damit eines seiner hymnenartigen Lieder spielt.

Noch mehr Geplätscher (mit Botschaft, natürlich: NO MORE WAR, ONLY LOVE, wünscht er sich in "Walkin' The Earth (To The Future)") , bis mit dem 15-minütigen "Chevrolet" eines jener klassischen, ausufernden Stücke kommt, für die er berühmt ist. Nicht so gut wie "Cortez The Killer", der Höhepunkt von "Zuma", aber immerhin.

Moment mal - der Planetenretter nennt einen Song ausgerechnet nach einem amerikanischen Autohersteller, den man mit Ampelraketen (die Corvette) und Heckflossenpanzer verbindet, also mit Benzinvergeudern schlechthin?! Willkommen im youngschen Universum, in dem Autos eine außerordentliche Rolle spielen. Unvergessen, wie er 2010 die Winterolympiade im kanadischen Westen mit "Long May You Run" abschloss. Wohl als Abschiedsgruß an die Athleten gemeint, ursprünglich aber eine Liebeserklärung an sein erstes Tourmobil namens Mort, das irgendwann den Geist aufgegeben hatte und das er auf einem Parkplatz stehen ließ.

Mort war übrigens ein Leichenwagen. Nun sitzt Young also am Lenker eines Oldtimers, der bezeichnenderweise noch keinen Kosenamen hat. "Hätte fast einen alten Chevrolet gekauft / Mann, das Auto hat mit mir gesprochen / Hübsche rote Lichter / Der Lack glänzte / Ich sah mich selbst auf eine andere Art", so die ersten Zeilen. Der Beginn einer wunderbaren Liebesbeziehung? "Während ich die Gänge schaltete, musste ich mich zurückziehen / Verloren auf der kurvenreichen Autobahn in meinem Kopf / Oh und es fühlt sich so gut an", so die Fortsetzung. Dann doch der Zweifel: "Wird es mich tatsächlich befriedigen / Wieder soviel Benzin zu verbrennen?". Vermutlich nicht. "Das ist die Straße, auf die wir nicht mehr zurück können / Das ist die falsche Abzweigung, die wir bereits genommen haben".

Um die Erde zu retten, müssen wir alle Opfer erbringen. Und wir werden auch etwas verlieren, dieses uramerikanische Gefühl der Freiheit, wenn man auf endlosen Highways cruist. "Oh aber es fühlt sich so gut an / Das Fenster heruntergekurbelt / Die Straße mit dem elfenbeinfarbenen Lenkrad in meinen Händen zu spüren", so die letzten Zeilen. Das klingt nicht so, als würde Young demnächst auf einen Tesla umsteigen. Wobei - vielleicht wäre das eine neue Inspirationsquelle?

Zwei ordentliche Songs und einige mittelmäßige sind ein eher mageres Ergebnis für eine Zusammenarbeit, die mehr Potential hatte. Also einfach nur "Break The Chain" und "Chevrolet" herauspicken? Young wäre nicht einverstanden, wie er in einem Beitrag auf seiner Webseite im Mai 2022 erklärte:

"Ich mache Alben. Manchmal 10 Lieder. Jeder Song ist etwas Besonderes für mich. Ich verbringe viel Zeit damit, jedes Stück live zu produzieren, es zum Leben zu erwecken. Die Kombination der Songs auf einem Album erzeugt ein Gefühl. Das ist es, was ich gerne mache!

Als ich anfing, wurden die Alben in ihrer Gesamtheit veröffentlicht. Der beliebteste Song kam dann als Single heraus. Diese Single wurde auf eine 45-rpm-Vinylscheibe gepresst und im Radio gespielt.

Heute wird die erste Veröffentlichung von einer Gruppe von Fachleuten ausgewählt, die versuchen, herauszufinden, welcher Song des Albums es sein soll. Das ist der einzige Song, den man wochenlang hört. Die Leute reden nur über ihn. Sie haben keine Ahnung, wie das Album ist oder wie es sich anfühlt, es zu hören.

"Ich erinnere mich - als die digitale Musik aufkam, sagten die Leute 'Alben sind tot. Es gibt nur einen guten Song auf einem Album und der Rest ist nur Füllmaterial. Kauf einfach den Song".

In Zeiten von TikTok eine romantische Vorstellung, die bei älteren Generationen aber durchaus Anklang finden dürfte.

Trackliste

  1. 1. Love Earth
  2. 2. Overhead
  3. 3. I Walk With You (Earth Ringtone)
  4. 4. This Old Planet (Changing Days)
  5. 5. The World (Is In Trouble Now)
  6. 6. Break The Chain
  7. 7. The Long Day Before
  8. 8. Walkin' On The Road (To The Future)
  9. 9. The Wonder Won't Wait
  10. 10. Chevrolet
  11. 11. This Old Planet (Reprise)

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1 Kommentar

  • Vor 2 Monaten

    Ich muss hier etwas widersprechen:

    1. "Harvest" wurde und wird nicht neu abgemischt. Es gibt aber ein sehr gutes Remaster, dass bereits 2009 auf CD und Vinyl veröffentlicht wurde. Dass wird auch für die neue Box verwendet. Und beworben hat Young diese Box bisher nicht großartig - abgesehen von der Doku Harvest Time, die auch im Kino laufen wird.
    Zu World Record hat er aber bereits ein paar Interviewauftritte absolviert.

    2. Und dass er keine Produktionshilfe braucht: Es gibt einige Alben, die Young mit anderen produziert hat, allen voran natürlich David Briggs, Niko Bolas.... und sehr deutlich Daniel Lanois auf "Le Noise". Wobei ich zugebe, dass sich Rick Rubin sich auf World Record sehr im Hintergrund gehalten haben muss.

    In der Doku zum Album sitzt Rick Rubin auch einfach daneben und gibt ein paar Kommentare ab.

    Das Album ist als Ganzes sehr abwechslungsreich mit schönen Melodien und ich finde auch jene Songs interessant, die ohne Youngs Gitarren auskommen. Auch die fragilen Crazy-Horse-Männer-Chöre an manchen Stellen finde ich sehr gelungen.