laut.de-Kritik

Für Egoisten eine Zumutung: Let's talk about Jesus.

Review von

Gut Ding will Weile haben. Zusammengetackert wirkt das neue Werk, das gerade mal fünf Monate nach dem letzten Doppel-Konzept-Opus "The Great Adventure" in die Läden kommt, auch nicht. Im Exklusivinterview für laut.de kündigte Neal Morse bereits 2009 die nun erscheinende Platte ("E-Mail von Gottes Gnaden") an. Die damaligen Demos und Skizzen überarbeitete er für eine Liveaufführung im Rahmen des Morsefests 2018.

Das Thema hat es in sich. Der spirituellen Erweckungsreise nach der prosaischen Vorlage John Bunyans folgt nun das Maximum. Morse macht Nägel mit Köpfen und vertont die relevanten Wirkungsstationen von Jesus. Umschiffte der Meister auf "The Similitude Of A Dream" sowie "The Great Adventure" den Namen des Gottessohn, hagelt es nun Jesus ohne Ende.

Bibelfest und Morse passen zusammen, vertraut der 58-jährige Musiker doch seit seinem Exit bei Spock's Beard auf die Stimme des Herrn. Der Titel "Jesus Christ The Exorcist" klingt zunächst gruselig, nach spinnenartigen Treppen-Krabbeleien und verdrehten Köpfen. Dabei orientiert sich Morse penibel am Wort Jesu.

Als kompositorische Rahmen dient ihm dabei weniger die proggig ausufernde Klamottenkiste. Vielmehr hält er straight Kurs auf den Broadway in Sachen musikalischer Dramatik und Fokussierung auf den Gesang. "Jesus Christ Superstar" grüßt vom Firmament. Ganz so kitschig und überladen wie der Musical-Megaseller oder das ähnlich messianisch aufgezogene "The Astonishing" von Dream Theater fällt Morse' Version nicht auf. An den Kitsch-Klippen bleibt er zuweilen hängen, erleidet dabei aber keinen Schiffbruch wie das wesentlich einfallslosere Trans-Siberian Orchestra.

Und doch müssen sich dessen Jünger an einige Fakten erst mal gewöhnen. Die Drums drischt aus terminlichen Gründen nicht Mike Portnoy (Sons Of Apollo, Transatlantic), sondern der Gitarrist der Neal Morse Band, Eric Gilette. Morse agiert gesanglich zudem selten im Vordergrund. Zum ersten Mal tritt er als Demon im Stück "The Madman Of The Gadarenes" in Erscheinung, das in bester "Thoughts"-Machart das betörend verstörende Stimmengewirr kontrapunktisch verzahnt. Später schickt er Jesus als Pilatus noch Richtung Golgatha.

Den Hauptpart übernimmt Enchant- und Spock's Beard Sänger Ted Leonard als Sohn Gottes sowie Big Big Train-Drummer Nick D'Virgilio. D'Virgilio füllt die Rolle des Judas brillant aus. Ist er der Bösewicht schlechthin, Erfüllungsgehilfe im göttlichen Vorsehungsplan oder einfach nur Sinnbild des menschlichen Makels zwischen Verzweifelung und Hoffnung? Rick Florian schlüpft in seine Rolle als Teufel mit einer coolen Stimme zwischen Hughes, Dio und Gillan.

Auch instrumental lässt Morse selten die Prog-Wutz raus, sondern hangelt sich szenisch durch die Geschichte. Eine jubilierende, in die Thematik des Stücks einführende Ouvertüre mit Themen-Exposition leitet die Story ein. Grob hält sich der Multiinstrumentalist an die Diktion der beiden vorherigen Alben und geht sehr songorientiert zu Werke. Die Hände bleiben jedoch meistens über der Bettdecke, was jedoch ganz im Sinne des Obersten ist.

"Get Behind Me Satan" klingt wie Purples John Lord, der über "Paranoid" von Black Sabbath in diabolischen Orgel-Tönen soliert. "Love Has Called My Name" sowie das anschließende "Better Weather" sind ohrgiastische Hook-Monster wie Morse sie mit "Stranger In A Strange Land" von "Snow" oder "Absolute Beginners" von "Testimony 2" aus dem Effeff beherrscht.

Chöre gehören beim Prog-Papst schon länger dazu, wovon die bisherigen Morsefest-Mitschnitte Zeugnis ablegen. "He Must Go To The Cross", das munter Hardrock-Kante, "We Will Rock You"-Beat und Backings paart, geht schon fast als gewagt durch, dürfte aber live die Fans aus den Latschen reißen. Kammermusikalische Klassik-Einsprengsel wie bei Stravinkys "L'Histoire Du Soldat" am Beginn von "Jesus Before Pilate And The Crucifixion" illustrieren das Geschehen.

"Jesus Christ the Exorcist" funktioniert nicht ohne entsprechenden Hintergrund. Einfach mal den Heiland als Eintrittskarte ins Himmelreich zu betrachten, ist zu profan. Gerade für uns moderne Menschen, für die Egoismus zum Alltag gehört, sind manche Ansichten zu Feindesliebe, Demut, Verzicht und Ehe eine Zumutung. Auf einer ganz elemantaren Ebene kündet Jesus Wort von Altruismus und besteht im Kern in der Botschaft 'Seid lieb zueinander'.

Dass Morse sich gerade dem Muff der Talare widersetzt und Maria Magdalena im letzten Track die zentrale Rolle zukommen lässt, macht das Stück noch sympatischer. Gut, ihre Wandlung von der Hure zur Heiligen entspricht noch in etwa dem Protokoll, aber wie sich bei "The Greatest Love Of All" die Stimmen von Leonard und Talon David umgarnen und schließlich zusammenfinden, erlaubt schon fast das Wort sexy als Umschreibung. Für manche Blasphemie, für manche der natürliche Lauf der Dinge.

Ambivalenz wohin das Auge reicht, schön zusammengefasst in der Textzeile "Some say he is the messiah, some say he is sick in his head".

Trackliste

CD1

  1. 1. Introduction
  2. 2. Overture
  3. 3. Getaway
  4. 4. Gather The People
  5. 5. Jesus’ Baptism
  6. 6. Jesus’ Temptation
  7. 7. There’s A Highway
  8. 8. The Woman Of Seven Devils
  9. 9. Free At Last
  10. 10. The Madman Of The Gadarenes
  11. 11. Love Has Called My Name
  12. 12. Better Weather
  13. 13. The Keys To The Kingdom
  14. 14. Get Behind Me Satan

CD2

  1. 1. He Must Go To The Cross
  2. 2. Jerusalem
  3. 3. Hearts Full Of Holes
  4. 4. The Last Supper
  5. 5. Gethsemane
  6. 6. Jesus Before The Council And Peter’s Denial
  7. 7. Judas’ Death
  8. 8. Jesus Before Pilate And The Crucifixion
  9. 9. Mary At The Tomb
  10. 10. The Greatest Love Of All
  11. 11. Love Has Called My Name (Reprise)

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2 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Musikalisch sicherlich wieder gut, bei Morse stört mich aber immer schon der inhaltliche Drang zu Spiritualität und Christentum. Ich kann einfach sowohl mit der Institution Kirche was anfangen als auch den dahinterstehenden Glauben gutheißen. Das hat so große Ausmaße angenommen, dass ich mir die Musik auch nicht geben kann. Schade, aber die ganze Thematik ruiniert für mich echt die dahinterstehende (sicherlich großartige) Musik und ich wünschte, er würde drauf verzichten.
    Aus historischer Perspektive wäre mir das lieber, aber da gibts dann eben auch nur wenige "gesicherte" Fakten, sodass man da wahrscheinlich keine große Geschichte draus machen kann.
    Ich versuch trotzdem nochmal über meinen Schatten zu springen und ihm ne Chance zu geben...

    • Vor einem Jahr

      ich finde es faszinierend, dass primitivster und futzdümmster satanismus im (mainstream)metal wesentlich einfacher hingenommen und akzeptiert als verhältnismäßig fundiertes auseinandersetzen mit christlicher philosophie :uiui:

    • Vor einem Jahr

      Tja, ich kann mit Christian-Rock auch nichts anfangen. Aber möge jeder glauben an was er will, solange es andere nicht beeinträchtigt. Ich liebe aber Konzeptalben und gegen Musicals habe ich auch nichts. Hier also die Mischung. Mal schauen, ob es erträglich ist.

    • Vor einem Jahr

      #spoiler alert. in dreckigen zeiten kommt "my mother's hymnbook" von Johnny Cash besser als der "Heil Satan, Heil H..."sampler :/

    • Vor einem Jahr

      @Wohnwagenpoebel
      Primitiven und futzdummen Satanismus fänd ich genauso dämlich, wobei der wahrscheinlich immerhin weniger supranaturale Elemente enthalten würde. Wollte auch kein simples Christ-Bashing betreiben - für mich ist Religion generell Quatsch, egal in welche Richtung :-D

  • Vor einem Jahr

    Mal gucken, ob er es auch ohne Vorlage à la Pilgrims Progress hinkriegt, mal was theologisch sauberes zu kicken, ohne dass sich einem die Zehennägel aufrollen vor amerikanisiertem Frömmlerpathos, selbst wenn er sich zumeist den Kopfsprung in charismatischen Bullshit spart und erstaunlich bibelfest agiert.

    Die Abkehr vom Prog könnte ein wohlwollender Bonus dazu sein, ich fürchte allerdings melodieseliges Gedudel noch und nöcher und die letzten Kanten und Ecken abgerundet...