laut.de-Kritik

Unversöhnlicher Rückblick auf ein Leben voller Sorgen.

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"Nach all diesen Jahren kann ich sagen: Es war gut wie es war. Ich hab' mein Ziel vor den Augen und steh' kurz vor dem Ende eine blutigen Pfades." Bereits die Einleitung verweist auf den baldigen Abschied. Nach dem mitunter etwas oberflächlichen "Mosaik" rückt Nazar mit "Schwarzer Schleier" die eigene Sterblichkeit ins Zentrum. Ähnlich wie Azad mit "NXTLVL" blickt der Wiener auf ein Werk zurück, das einen stilistischen Bruch in der Diskografie markierte. Doch anders als beim zeitgleich erscheinenden "Der Bozz 2" kehrt Nazar der Spielart Trap nun nicht vollständig den Rücken zu.

Im eröffnenden "Intro" setzt er dennoch zunächst auf Streicher, die auch dank eines begleitenden Chors eine Spur theatralischer ausfallen als beim Frankfurter Pendant. Während seine Kollegen Statussymbolen und Social-Media-Hypes ("Illusionen für Kinder") hinterherrennen, konzentriert sich der gebürtige Iraner auf sein persönliches Glück. Mit großer Geste verarbeitet der Österreicher dazu die eigene Vergänglichkeit: "Tick, Tick, Tick in mein' Kopf. Ich kann hör'n wie die Zeit hier vergeht, meine Reise ins Nichts."

Auch "Insomnia" handelt von einem Ende. Über eine schwermütige Trap-Produktion blickt Nazar auf eine gescheiterte Beziehung zurück: "Noch sind deine Schatten groß. Ich bin am Boden, doch glaub' mir, ich schaff' es hoch. All die Erinnerungen sind ein schwacher Trost. Will dich für immer vergessen, bitte lass mich los." Dabei nähert er sich angstfrei dem Kitsch, was nicht als unangenehmer Zug erscheint: "Ich hab' mein Herz in deine Hände gelegt, doch du hast das Geschenk nicht gepflegt." Dazu schmachtet Teesy wie im Melodrama: "Wie kann es sein, dass ich dir vertraut hab'?"

"In Teheran geboren, doch in Wien begraben." Auch "021" kommt nicht ohne den Verweis auf das heranziehende Ende seines irdischen Daseins aus. Zusammen mit dem ebenfalls iranstämmigen Mosh36 streut Nazar persische Verse ein und hält alte Gepflogenheiten hoch: "Komm' ich nach Hause, dann halt' ich das Meiste noch traditionell." Das gepflegte Brauchtum findet jedoch im anschließenden "AIR" ein jähes Ende: "Heute ficke ich nur MILFs, die damals Teenie-Mütter waren." Auch die kontinuierliche Huldigung für "weiße Nike Air" stellt einen vergleichsweise jungen Ritus dar.

"Wenn du korrekt bist, dann nenn' ich dich 'Brudi'. Dumme Leute nenn' ich nicht 'Brudi'." Neben der Trap-Hymne auf den Markenfetisch fällt auch die Verbrüderung mit Sido aus dem würdevollen Rahmen der EP. Der ungezwungene Auftritt des Berliners verbreitet zwar gute Laune, aber letztlich überspielt er mit seiner sympathischen Präsenz nur die lyrische Dünnbrettbohrerei: "Was soll ich sagen, dieses Leben ist ein Luder. Doch ein Bruder ist ein Bruder ist ein Bruder." Auf einem regulären, weniger dichten Album hätte sich "Brudi" mit Sicherheit besser eingefügt.

Mit dem abschließenden Song feiert Nazar sein Requiem und greift damit das Leitmotiv der EP wieder auf: "Mama war da für mich, auch wenn sie Schattenbilder aus dem Krieg begleiten." So erschließt sich erst am Ende, wem die Rolle zufällt, den titelgebenden schwarzen Schleier zu tragen: "An dem Tag, an dem ich geh', wird nur Mama trauern."

So endet "Schwarzer Schleier" mit einem unversöhnlichen Rückblick des Wieners auf ein Leben voller Sorgen, Illoyalität, Einsamkeit und Trauer: "Kamen allein auf die Welt, verlassen sie wieder allein."

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Fucked Up (mit Shen)
  3. 3. Insomnia (mit Teesy)
  4. 4. 021 (mit Mosh36)
  5. 5. AIR
  6. 6. Brudi (mit Sido)
  7. 7. Schwarzer Schleier

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