laut.de-Kritik

Psycho-Indieblues mit Kippe im Mundwinkel - it's R'n'R, baby!

Review von

Juhuu! Nirvanas "Nevermind"-Baby hat es endlich an Land geschafft und wurde jüngst von der amerikanischen Fotografin Hilary Hulteen mitten im Wald in einem imaginären Auto kauernd gesichtet! Irgendwie anders, irgendwie 'Navel-Typisch' dachten sich die Schweizer und erstanden das Foto für Navels neustes Werk, ehe sich der blonde (B)Engel wieder in den Wald verzog.

Stichwort anders: Zehn Jahre Navel, vierte Besetzung. Bandleader und Fixpunkt Jari Altermatt schart wieder um sich, hinzu stoßen eine zweite Gitarre und Keyboardsounds. Gemeinsam gings im vergangenen Sommer ins bandeigene '1000-Watts'-Studio - ganz ohne Zeitdruck und mit bester Laune.

Man munkelt, der Vorgänger "Neo Noir" sei "im Winter unter Fieber und vornehmlich nachts" entstanden, dementsprechend düster, kratzig und melancholisch-zerbrechlich fiel er aus. Da verspricht das herzerwärmende "Loverboy" freundlichere Töne.

Und tatsächlich - mit weniger Wut im Bauch, dafür aber mit heller leuchtenden Augen treten die Jungs endgültig aus dem Grunge-Überschatten heraus, der ihnen seit dem Debüt "Frozen Souls" anhängt. Größer sind die Blues- und Psychadelic-Anteile, gleichzeitig wurde die Plattenlänge von fast 80 auf straffe 50 Minuten gekürzt, wovon elfeinhalb auf den letzten Song "Shine On" entfallen. Doch ganz ziehen sie ihre Verwandlung dann halt doch nicht durch.

Beispiel "Cold Blood". Nach einem angezerrten Blues Gitarren-Wechselspiel, das schnell in ein groovendes Riff übergeht, könnte die Band in eine ekstatische Jamsession überleiten - stattdessen entscheidet man sich für die vor Hall strotzende und gnadenlos übersteuerte Stimme Altermatts, der über weite Teile zu überlegen scheint, ob er eher abartig cool oder einfach absolut gelangweilt ist.

Erst zum letzten Drittel des Songs löst sich der Knoten - man hat sich für die coole Variante entschieden, lehnt sich zurück, lässt die Gitarre kreischen und genießt. Die Kippe im Mundwinkel ist Ehrensache - der Western-Vibe ist dennoch verflogen.

In "The Sun For Me" wird aus dem Gitarren-Wechselspiel dann eine Clean-Schrummel- und Distortion-Solo-Aufteilung. Der Song könnte aber mehr stimmliche Raffinesse vertragen. Wohl aufgrund der Erinnerung an ihr süßes Titelbild rafft sich die Band aber dann zum Titelsong "Loverboy" auf.

Hier erkennt man klare musikalische Strukturen. Gitarren-Fills sorgen für rhythmische Impulse, das Keyboard übernimmt die Begleitung, tritt im Verlauf des Stücks aber in den Hintergrund und macht Platz für Bassläufe und Gitarrensolo Platz macht, was bis zum Fade-Out fortdauert.

Mit dem ruhigen "I Bury My Luck In This Town" sowie dem beschwingten "Barrels Of Love" sind Navel dann im uramerikanischen Sound der 70er angekommen. Aufgrund des Drucks sind bei Letzterem zudem verhaltene Soundanleihen der White Stripes auszumachen.

Nach einer kurzen kreativen Pause ("Sweetest Song") folgt mit "Hollow Sky" dann nicht nur das flotteste, sondern auch bestgelaunteste Stück der Platte - der Groove stimmt, ein angezerrter Basslauf sorgt für Atmosphäre, die Gitarren tollen munter umher und die teils überladene Stimme passt ins Konzept. Konsequent steigert sich die Spannung zum Refrain hin, um schließlich über den Hörer hereinzubrechen.

Dieser Ansatz greift auch bei "Love Her". Purer Rock'n'Roll, das Schlagzeug treibt, selbst ein Pianosolo ist drin - unordentlich und doch goldrichtig. Vermutlich würde hier gar Mister Elvis Presley die Schmalzlocken wippen lassen.

Mit "This Is The Youth" und "Right To The Next Fire" verbauen Navel dann noch etwas Füllmaterial um zum großen Finale "Shine On" alle Sinne beisammen zu haben. Zu Beginn des Elfeinhalbminüters fehlt eigentlich nur die "Spiel Mir Das Lied Vom Tod"-Mundharmonika zum perfekten Showdown.

Zwei Minuten lang steigert sich die Spannung kontinuierlich, dann bricht schweres Gitarrengewitter herein, das sich nach vier Minuten Spielzeit zum Orkan aufbaut. Hier ist definitiv Gewalt im Spiel, man fühlt sich fast in der Nähe der lang erwarteten Gitarrenantwort auf das legendäre "Gypsy"-Keyboardsolo Uriah Heeps, das in spärische Klänge von Pink Floyds "Echoes" überleitet.

Leider hält der Vierer die Spannung dann nicht weiter aufrecht, so dass man angesichts der letzten sechs Minuten eher von der 'Zigarette danach' sprechen darf.

Dennoch: Navel haben sich hörbar geändert. Mehr Blues statt dem krachenden Indierock des Debüts. Und musikalisch haben die Jungs ebenfalls was drauf - auch wenn man bei einigen Stücken irgendwie zwischen den Stühlen sitzen bleibt.

Trackliste

  1. 1. Cold Blood
  2. 2. The Sun For Me
  3. 3. Loverboy
  4. 4. I Bury My Luck In This Town
  5. 5. Barrels Of Love
  6. 6. Sweetest Song
  7. 7. Hollow Sky
  8. 8. Love Her(Before She's Gone)
  9. 9. This Is The Youth
  10. 10. Right To The Next Fire
  11. 11. Shine On

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