laut.de-Kritik

Ihre alten Boots stehen noch immer am Bett.

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Vier Monate nach zwei exklusiven Konzert-Gastspielen in Zürich und London und nach anfänglicher Verwirrung um einen deutschen Veröffentlichungstermin des neuen Albums, hat sich für Nancy Sinatra doch noch alles zum Guten gewendet. Abstinenz auf dem deutschen Markt wäre bei der beeindruckenden Riege an Gastmusikern ohnehin komplett unvorstellbar gewesen. Nach den eher bescheidenen Comeback-Versuchen "One More Time" (1995) und "California Girl" (2002) versucht es das ehemalige Role- und Stiefel-Model nun mit ihr zu Füßen liegenden und innig verbundenen Kollegen aus dem Rock-Business. Nancys eigene Tochter soll ihr bereits vor einer Weile geflüstert haben, dass diese Menschen tatsächlich existieren, und sie sie nur anzurufen brauche.

Gesagt, getan: Morrissey war sicher als erster zur Stelle, schließlich hat es der Gute zu Nancys Villa in Santa Barbara nicht weit. Ihr neues Album erscheint nun auf dem von ihm frisch übernommenen Reggae-Kultlabel Attack, das mit dem "Comeback-Coup" des Besitzers gleich einen furiosen Start hinlegte. Nancy nennt ihn im Gegenzug "meinen Mentor". Den vom besagten Album bekannten Song "Let Me Kiss You" interpretiert nun Miss Sinatra neu und bleibt dabei recht nah am Original. Wenn einem Morrissey im Nacken sitzt (singt Background), vielleicht nicht die schlechteste Entscheidung.

Alles in allem macht die Ol' Lady ihren Job ziemlich ordentlich, was schon der Opener "Burnin' Down The Spark" aufzeigt, den unüberhörbar die Trompetenbrüder von Calexico mitverschuldeten. Nancys erdige Stimme, die Bläserfanfaren und Textzeilen wie "Driving in my car, just to drive away" verursachen im Handumdrehen Fernweh und eine pelzige Zunge. Mit dem swingenden Handclapper "Don't Let Him Waste Your Time" wird Jarvis Cocker erstmals vorstellig, später singt Nancy noch sein zartes, aber weniger berauschendes "Baby's Coming Back To Me".

Mit dem dünn instrumentierten und sinister rockenden "Momma's Boy" liefert Thurston Moore den für Sinatra-Verhältnisse gewagtesten Beitrag ab. Die ansonsten intonationssichere Sängerin gelangt hier in schaurige Schräglagen. Bonos angejazzte Pianobar-Ballade "Two Shots Of Happy, One Shot Of Sad", ursprünglich für Vater Frank komponiert, kann dagegen Nancys sanfte Seite offen legen.

Zwischendurch gibt es zwar auch den ein oder anderen Lückenfüller zu verkraften ("Don't Mean Nothing" mit Pete Yorn, "Baby Please Don't Go" mit Steven Van Zandt), dennoch weiß "Nancy Sinatra", ähnlich wie Marianne Faithfulls gästereiches "Kissin Time"-Album von 2002, gerade an solchen Stellen zu glänzen, an denen man mit der Interpretin nicht gerechnet hätte. Wie in "Ain't No Easy Way", dem Song mit dem nimmermüden Vorzeige-Rocker Jon Spencer, der sich natürlich auch im Beisein einer Lady nicht zusammen reißt, sein Solo mit einem knorrigen "Suck it" einleitet und auch sonst in altbekannten Tieftonregionen umher brummt.

"Rock", so wurde Nancy kürzlich in der New York Times zitiert, "ist ein Geschäft für junge Leute und nicht für solche, die sich um Dinge wie Haare, Make Up oder Schlaf Gedanken machen." Da mag sie im Grunde Recht haben. Doch selbst wenn sie ihren täglichen Schlafbedarf mittlerweile penibel im Blick behält, ein Wort wie "Bitch" kommt dem Vorbild von Madonna und Patti Smith auch mit 64 noch lässig und glaubwürdig über die Lippen. Ihre alten Boots stehen eben noch immer am Bett.

Trackliste

  1. 1. Burnin' Down The Spark
  2. 2. Ain't No Easy Way
  3. 3. Don't Let Him Waste Your Time
  4. 4. Don't Mean Nothing
  5. 5. Momma's Boy
  6. 6. Let Me Kiss You
  7. 7. Baby Please Don't Go
  8. 8. About A Fire
  9. 9. Bossman
  10. 10. Baby's Coming Back To Me
  11. 11. Two Shots Of Happy, One Shot Of Sad

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