laut.de-Kritik

Groteske Kneipenprahlereien in gewohnt langen Reimketten.

Review von

Dass auch niedere Triebe hohe Unterhaltung hervorbringen können, beweist wohl kaum jemand so gut wie Morlockk Dilemma. Seit Anfang der 2000er legt der Leipziger sein Augenmerk auf die Trias aus Drogen, Sex und Gewalt. "Herzbube" macht da keine Ausnahme: Ob nun comichafte Selbstüberhöhung ("Du Solltest Ihn Siezen") oder filmzitatreife Storys aus dem Großstadtdschungel ("Feder Und Schwert"), sprachliches Mittel der Wahl bleiben lange Reimketten, die er in gewohnt atemlosem Duktus vorträgt.

Zur unterhaltsamen Sprachakrobatik des Leipzigers gesellt sich seine unberechenbare Wortwahl. Die deutsche Sprache nutzt er in voller Bandbreite aus. "Bühnenreif, der Auftritt in blütenweißem Karnickelpelz, vorbei die Zeiten von Prügeleien um Kippengeld / Alles begann hinterm Gütergleis Richtung Bitterfeld / und morgen errichte ich meine Tyrannei in der dritten Welt". Es ist dieses Bemühen um komplexe Reimstrukturen und die Suche nach neuen sprachlichen Mitteln, womit Dilemma so erfrischend aus dem Standard heraussticht. Dabei verkommt die Sprache an keiner Stelle zur Pose oder zum bloßen Selbstzweck.

"Ja und war es auch eine chronische Hassliebe, dennoch zog es mich in die modrige Nachtbrise / Hier, wo schmierige Kleinganoven und Haschdealer / der schreiend komischen Seifenoper den Takt spielen / zwischen Bordsteinamazonen in Lackstiefeln / und Leichtmatrosen auf erotischer Akquise" - virtuos gereimte Zeilen, die aber noch mehr aufgrund ihrer Bildhaftigkeit und der stimmig transportierten Atmosphäre einer gehetzten Scheinwelt beeindrucken. Morlockks Exzessen wohnt immer etwas Verzweiflung inne. Obwohl massig Nasen gezogen, Flaschen geleert und Betten zerwühlt werden, treten Befriedigung oder gar Glücksgefühle an keiner Stelle ein. Und so stellt der Herzbube nach einer weiteren Kneipeneroberung bloß lakonisch fest: Auch "diese Nacht war nur Geisel unserer Biologie".

Skits rangieren auf Rapalben meist irgendwo zwischen halbwitzig und hochgradig peinlich. Auf "Herzbube" tragen die Zwischenspiele zur Gesamtatmosphäre bei. Hochtrabende Anmoderationen aus einer Talkshow der frühen Bundesrepublik kündigen den Künstler etwa als "Troubadour seiner Zeit" an, hinzu gesellen sich vollmundige Filmzitat-Prahlereien, etwa aus "Der Duft der Frauen" oder "Fritz The Cat".

Nachdem die Hexenkessel-Doppel-EP von 2017 noch eine Kooperation mit Brenk Sinatra war, zeichnet Morlockk diesmal bis auf eine Ausnahme für alle Beats selbst verantwortlich. Musikalisch geht es dabei um einiges fröhlicher als zuletzt zu. Weite Teile des Albums umgibt eine Siebziger-Jahre-Stimmung, die sich in souligem Gewand niederschlägt. Auch verzerrte Funk-Gitarren finden sich immer wieder. "Pimpshit" eben, wie es Morlockk im Interview mit rap.de lachend bezeichnet. Klaviermelodien wie aus einer verrauchten Jazz-Kneipe treffen auf hypnotische, spannungsgeladene Untermalungen, die wie der Soundtrack eines Noir-Films anmuten.

Obwohl die stockfinsteren Storyteller früherer Releases fehlen, räumt Morlockk den dystopischen Milieu-Zeichnungen noch gebührenden Platz ein - vor allem in den beiden Tracks mit Hiob. Ein atmosphärisches Highlight ist "Wo Die Schatten Fallen", eine Rückblende in die Plattenbaujugend in Leipzig-Grünau: "Die Mietskaserne gleicht einem ethnischen Wimmelbild mit Wänden aus Pergament und Tapeten aus Schimmelpilz / Ich lieg' auf der Isomatte und schmeiße mir Drogentrips / doch der Sohn vom Oberarzt wirft mir Steine durchs Oberlicht".

Für einen letzten, generationenübergreifenden Posertrack bleibt trotzdem noch Zeit. Den Neunziger-Jahre-Beat steuert der sonst nicht gerade omnipräsente Martin Stieber bei, während sich Morlockk zusammen mit Kool Savas die Punchlines teilt. Eine starke Zusammenarbeit mit Seltenheitswert und dem gefühlt besten Savas-Part seit Jahren. Zusätzlich gibt es grafische Einblicke in Essahs verschrobene Gedankenwelt. Das Endprodukt nämlich "fühlt sich an, als ob ein Wal ein Huhn fickt ... als ob er das hart fickt". Keinerlei weitere Fragen.

Angesiedelt irgendwo zwischen Henry Miller, Charles Bukowski und Ralph Bakshi, hat Morlockk als vertonter Groschenroman die Rolle seines Lebens gefunden. Für seine Verhältnisse klingt er dabei allerdings fast schon zugänglich. Wen der fordernde Rapstil und die früheren Lo-Fi-Produktionen etwa der "Eisernen Besen"-Mixtapes eher abschreckten, findet hier wohl den optimalen Einstieg. Langjährige Fans dürfen sich über ein absolutes Highlight im Katalog des Leipzigers freuen.

Trackliste

  1. 1. Vorhang Auf
  2. 2. Du Solltest Ihn Siezen
  3. 3. Keine Liebe
  4. 4. Teufelskerl
  5. 5. Die Stadt Frisst Ihre Kinder (feat. Hiob)
  6. 6. Schöne Mütter (feat. Shacke One)
  7. 7. Feder Und Schwert
  8. 8. Gott Muss Ein Genie Sein (Skit)
  9. 9. Das Biest
  10. 10. Ein Prost Auf Uns
  11. 11. Futterneid
  12. 12. Wo Die Schatten Fallen (feat. Hiob)
  13. 13. Mehr! (Skit)
  14. 14. Der Himmel Kann Nicht Warten
  15. 15. Sonntagshemd
  16. 16. Understatement (feat. Kool Savas)

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9 Kommentare mit 23 Antworten

  • Vor 10 Tagen

    Puuh, ich muss mich hier leider langsam, aber sicher auch auf die Seite der Skeptiker schlagen. Dilemma ist zwar nach wie vor technisch gesehen unangefochten die Nummer 1 hierzulande, auch beherrscht er immer noch angefangen bei klassischem Battle-Kram über Storytelling und witzige Song-Konzepte bis hin zu Streetrap so ziemlich alle Spielarten des Games. Auch die Gesamt-Attitüde könnte in meinen Augen nicht passender sein, der Sound ist auch immer noch sehr einzigartig. Nur packt mich der Kram nicht mehr so wie früher. Ich kann es mir teilweise ja selber nicht erklären, aber auch beim Durchhören der neuen Platte habe ich mich mehrmals dabei erwischt, dass schon wieder 3-4 Tracks an mir vorbeigezogen sind, ohne dass was nennenswertes hängenbleibt. Überhaupt habe ich vor Kurzem alle seine Solowerke revidiert und festgestellt, dass ich abgesehen von "Index Finest" nichts davon in voller Länge durchhören kann, ohne mich zu langweilen. Wahrscheinlich liegt es eher an mir als an ihm, aber ich kann das nun mal nicht ändern.

    Ach so, "Apokalypse Jetzt" ist trotzdem immer noch ein absolutes Überalbum und gehört in meine All-Time-Top-5. Und die Entwicklung, die Hiob seitdem durchgemacht hat, gefällt mir um einiges besser, "Abgesänge" bestes D-Rap-Album 2018.

  • Vor 10 Tagen

    Für mich sein bisher bestes Album. Weiter so .

  • Vor 4 Tagen

    Früher fraß Dilemma Tabletten um ruhig zu bleiben
    Heute nimmt er was für die Verdauung um dir in die Stube zu scheißen.