laut.de-Kritik

Der Soundtrack zur anstehenden Festival-Saison.

Review von

"Das neue MOOP MAMA Album wird das beste MOOP MAMA Album, seit es MOOP MAMA gibt." Große Worte, die da aus Kenos Timeline leuchten. Wenn sich der ansonsten eher bedachte und selbstkritische MC von Moop Mama zu solchen Zeilen hinreißen lässt, wird schon etwas dran sein. Oder?

Aber der Reihe nach: Neun Blasinstrumentalisten erschaffen ein Hip Hop-Neuland, das ganz ohne geloopte Samples, Synthesizer oder elektronischen Bass auskommt. MC Keno verwertet diesen Klangüberbau und berappt die Gesellschaft, Missstände in ebenjener, glänzt mit Wortspielen und lädt zwischendurch immer wieder zum Tanzen ein: Willkommen in "M.O.O.P.Topia", der Welt einer zehnköpfigen Brassband, die es sich zur Aufgabe machte, radelnd über die Republik hinweg zu rollen.

Wobei wir auch schon beim Thema wären: "Die Erfindung Des Rades". Während du mit deiner Sprit-fressenden Familienkutsche parkplatzsuchend ums Carré fährst, legt sich Keno im Park glücklich ins Gras. "Großer Aufruhr vom Olymp bis zum Hades / Was hier passiert, ist nicht im Sinn des Quadrates / Die Zeit der Dreiecke ist vorbei!" Jawoll, und zwar ein für allemal.

Direkt im Anschluss erhält der Fronter am Mic prominente Unterstützung von Jan Delay, die er eigentlich gar nicht nötig hat. In hüpfend-beschwingender Leichtigkeit gibt es satte Gesellschaftskritik zum Mittanzen: "Alle Kinder mögen alle Kinder. Außer Lisa, die mag Pegida / Alle Kinder lieben einfach, wenn sie woll'n. Bis auf Pete, der ist Katholik / Alle Kinder sind vor dem Gesetz gleich. Außer Ole, der hat Kohle." Das Münchener Blasinstrumenten-Ensemble bläst die Lyrics in einer mitreißenden Art und Weise vor sich her, was den Song zu einem Live-Kracher adelt. "Und alle Kinder schreien oooooohhhhh / Auf die Fresse, fertig, los / Und alle Arme gehen hoch, hoch, hoch!"

Zusammen mit Roger & Schu beschreibt Keno "Typ*Ische Verhältnisse" zwischen Männlein und Weiblein, sie decken Unterschiede auf und klopfen Klischees ab. "Sie isst nur Bio-Gemüse und googelt den Jojo-Effekt / Er raucht die Kippen am Balkon und steht auf Pommes und Fett." Das erinnert von der Herangehensweise stark an die Single der beiden Blumentöpfe "Deine Jungs / Meine Jungs" von "Clap Your Fingers", verliert deshalb aber trotzdem nicht seinen Reiz. "Ihre Freunde für ihn: Spasten / seine für sie: echte Loser." Trotz aller Unterschiede bleibt man zusammen. "Er war nie der, der die mit den miesen kleinen Schreihälsen beneidete / Windeln wechseln war was für Zivildienst-Leistende." Doch dann kamen Haus, Karriere, Auto und schließlich Familie. Ein kurzweiliges Stück, das dank der treibenden Bläser an Dynamik gewinnt.

Im Vergleich zum ersten und dem (von uns sträflich vernachlässigten) "Roten Album" spürt man, wie die Band an Selbstvertrauen gewinnt. Die Beats emanzipieren sich von ihren Hip Hop-Ursprüngen und stehen für sich selbst. Das fordert auch Keno, der hier und da einen Zahn zulegen muss, um hier Schritt zu halten.

Die Live-Tauglichkeit steht flächendeckend im Vordergrund und infiziert jeden, der seine Scheuklappen zu Hause lässt. Zugegeben, Blasinstrumente taugen nicht jedem, trotzdem erzeugen sie eine Eingängigkeit, die sich gepaart mit einem Schuss sexy Pop-Appeal noch verstärkt.

Der blitzt auch auf der "Insel" hervor: Die ansteckende Melodie, die mit einer leichten Portion Moop Mama-Sentimentalität Kenos Fernweh unterstreicht, geht einem direkt ins Herz. Doch um gemütlich auf der Luma zu chillen, bleibt keine Zeit, dafür bringt der Track zu viel Schwung aufs Eiland. Ich wäre auch gut ohne die von Flo Mega gesungene Hook ausgekommen, aber die Gute-Laune-Infektionsgefahr ist einfach zu hoch, um sich dem Groove zu entziehen.

Auch in "Herr Der Lage" greift die Mama mit dem Feature-Part von Megaloh leicht daneben. Wundert sich Keno im ersten Teil noch darüber, wieviel Geld man wohl mit dem Verkauf von grauer Farbe verdient (da ebendiese im Großstadt-Bild stark vertreten ist), findet der Moabiter keinen Draht zur Thematik. Seine Strophe wirkt ungewohnt erzwungen und nimmt dem Song einen Teil seiner Durchschlagskraft.

Man kann sich schon wundern, warum die Flüchtlingskrise und ihre Folgen, über- und dauerpräsent in den Medien vertreten, nur so selten den Weg in Rap-Songs findet. Staiger prangert genau diesen Umstand regelmäßig an. War nicht Hip Hop auch immer Sprachrohr von Minderheiten und diente dazu, soziale Missstände auszuleuchten? Keno und seine Stimmungserzeuger an den Blasinstrumenten kreieren mit "Meermenschen" einen Track, bei dem es lohnt, ihn von seinen unterschiedlichen Seiten zu betrachten:

Da ist zum einen die klangliche Traurigkeit und Auswegslosigkeit der Gestrandeten, auf der anderen Seite das Unverständnis darüber, dass man anscheinend trotz leerer Straßen keine Menschen mehr braucht. Oder was wohl passieren würde, wären die Meermenschen nicht mehr Meermenschen sondern einfach nur Menschen. Das sich geradezu aufdrängende Wortspiel aus Menschen und Meer ist so simpel wie genial wie wirkungsvoll.

Was neben all der geäußerten Kritik am Umgang mit den Geflüchteten jedoch heraussticht, ist die Selbstreflektion Kenos: "Und ich kann lang hier stehen und reden, doch am Ende kommts nur auf die Taten an." Das zeugt meiner Meinung nach von geistiger Größe. Auch das instrumentale Rückgrat illustriert Ratlosigkeit, Hoffnung und Ernst und trägt seinen Teil zu der Genialität dieses Songs bei.

Welcher Student kennt das nicht? Je schwieriger die Klausur, desto sauberer ist die Wohnung. Keno lässt seinen Hintermännern zunächst Vorrang, die eine musikalische Gefühlsebene der "Prokrastination" erschaffen, ehe er das Krankheitsbild des ewigen Aufschiebens beschreibt. Er selbst scheint darunter jedoch nicht zu leiden: Als wir letztes Jahr über sein Soloalbum "Paradajz Lost" gesprochen haben, war er mit Moop Mama schon mit den Aufnahmen von "M.O.O.P.Topia" beschäftigt. Stillstand sieht anders aus.

Nach der "Prokrastiantion" folgt der Aufruf: "Lösch Das Internet". So etwas wie ein Hit-Synonym zu "Liebe" vom letzten Album, geht es hier um den Unsinn von geteilten Inhalten auf sozialen Netzwerken und der Digitalisierung des Lebens. "Tupacs Hologram spricht zu mir: The revolution will not be facebook-liked." Die Bläser heizen die Stimmung weiter auf, stets tanzbar und nach vorne. "Gefällt mir nicht mehr, zerknüll' deine Web-Seite / meine letzten Worte: eine leere Betreff-Zeile."

Die zehn Münchener legen allerfeinste, Detail-verliebte und stets mitreißende Musik zum Nachdenken, Tanzen und gemütlich im Park flanieren vor. Treibend, locker, leicht, ansteckend und unbedingt zappelbar: "Picknicken auf dem Höhepunkt der Dekadenz", eben. Und, ja: Keno hat nicht übertrieben. Diese Scheibe ist wirklich das Beste, das Moop Mama bis dato auf Platte pressten. Die Festival-Saison kann beginnen, ihren Soundtrack hat sie jetzt.

Trackliste

  1. 1. Intro
  2. 2. Die Erfindung Des Rades
  3. 3. Alle Kinder feat. Jan Delay
  4. 4. Alle Blumen
  5. 5. Typ*Ische Verhältnisse feat. Roger & Schu
  6. 6. Insel feat. Flo Mega
  7. 7. Geburtstag
  8. 8. Komplize
  9. 9. Herr Der Lage feat. Megaloh
  10. 10. Meermenschen
  11. 11. Prokrastination
  12. 12. Lösch Das Internet
  13. 13. Über Den Dingen
  14. 14. Face Dance

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