laut.de-Kritik

Mit Kaugummi-Punk gegen die floristische Nahtoderfahrung.

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Können Bands mit deutschsprachigem Spaßpunk heutzutage überhaupt noch einen Blumentopf gewinnen? Montreal haben es im vergangenen Jahr geschafft. Doch so, wie das Schicksal den "Preis" überreichte, hätte das Hamburger Trio wohl lieber ganz darauf verzichtet.

Im November 2018 gastierten Sänger und Gitarrist Yonas und sein Bruder Hirsch (Bass/Gesang) in einem Amsterdamer Straßencafé, als ein Windstoß einen Terracotta-Blumenkübel von der Fensterbank im dritten Stock über den beiden Musikern riss. Der Topf krachte durch die Markise des Cafés direkt auf den Platz, auf dem Hirsch noch bis vor ein paar Minuten gesessen hatte. Die Geschwister kamen mit einem Schrecken und Ideen für die neue Platte davon.

Auf ihrem siebten Studioalbum "Hier Und Heute Nicht" verarbeiten Montreal nun den Zwischenfall, der direkt aus einem Teil der "Final Destination"-Filmreihe stammen könnte und fast das Aus der Band bedeutet hat. Doch statt dabei in grimmigem Fatalismus zu verfallen, besinnen sich die drei Männer wieder auf die Attribute, die die Formation seit ihrer Gründung vor 15 Jahren ausmachen: eingängige Party-Riffs und zweistimmiger Gesang mit lyrischen Schenkelklopfern.

Aus ihrer floristischen Nahtoderfahrung machen Montreal im Titeltrack kurzerhand eine ausgelassene Fun-Punk-Hymne, in der sie den Vorfall in zweieinhalb Minuten ironisch an die Wand spielen: "Ein kleines Stück nach links und dieser Kübel hätte / meinen Bruder zum Alleinerben gemacht / Der Ausflug wär für alle wohl gelaufen / und Schackilacki wäre Spätwerk über Nacht", erinnert sich Yonas.

Die vorwärtsgerichtete Einstellung, mit der Montreal das Erlebnis achselzuckend abstreifen, passt dabei zum Sound wie der Mors auf den Blumenkübel. Das Trio spielt auf "Hier Und Heute Nicht" immer noch kompromisslosen Kaugummi-Punk, der mit treibenden Power-Chords und dem harmonischen Doppelgesang ohne Ecken und Kanten bleibt. Dass Montreal dafür schon mal in die Schlager-Ecke gestellt wurden, verwundert auch bei ihrem neuen Werk nicht.

Trotz der glatt geschmirgelten Songs liefern Montreal aber wieder Material, das sich problemlos als Stimmungsmacher auflegen lässt. Ob sie sich nun im Opener "Dreieck Und Auge" den Aluhut aufsetzen und Verschwörungstheoretiker spielen, oder in "Vor Das Kreuz" den Agnostizismus feiern: Sie klingen dabei stets wie ein überzuckerter Farin Urlaub und machen dementsprechend Laune.

Für diese Sause opfern Montreal auch gerne die Abwechslung und reihen ein Riff-Brett ans nächste, was auf Albumlänge recht austauschbar wirkt. Abseits des Gesangs platzieren sie einprägsame Melodien eher spärlich. Wie etwa im Gitarrensolo von "Was Wir Wollten", das mit seinem doch sehr platten Text die Probleme der Generationen nach den Babyboomern aufgreift: "Uns standen alle Türen auf / wir blieben trotzdem immer drin / wir wussten immer, wir wollen weg / aber leider nie, wohin."

Dass sie mit den Texten keine philosophischen Gipfel stürmen, wissen Montreal aber selbst am besten und reflektieren das in ihrer eigenen Retrospektive "15 Jahre Für Die Punchline" auf gewohnt selbstironische Weise. "Wir haben in 15 Jahren sechs Alben rausgebracht / drei davon sind gut, die anderen so naja." Wie die Verteilung genau aussieht, bleibt ihr Geheimnis. "Hier Und Heute Nicht" können sie aber beruhigt zu den besseren Alben legen.

Trackliste

  1. 1. Dreieck Und Auge
  2. 2. Schlechter Bester Freund
  3. 3. Stockholm Syndrom
  4. 4. Hier Und Heute Nicht
  5. 5. Malaria Und Heimweh
  6. 6. Schon Wieder Zweiter Februar
  7. 7. Keine Weiteren Fragen
  8. 8. Der Eine Und Der Andere
  9. 9. Was Wir Wollten
  10. 10. Ein Segen: Intervention
  11. 11. Vor Das Kreuz
  12. 12. 15 Jahre Für Die Punchline

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