laut.de-Kritik

Fuck Flower-Power: We are the Monks!

Review von

Wenn Mitglieder von Nirvana und Radiohead, Jack White, Schorsch Kamerun und sogar noch Extremdiva Genesis P-Orridge in Lobeshymnen für ein musikalisches Rock'n'Roll-Ausnahmephänomen verfallen, das seiner Zeit voraus war, dann geht es in der Regel um Iggy Pop. In vorliegendem Fall allerdings nicht, denn selbst der Stooges-Vordenker persönlich zählt zum Reigen der Gratulanten.

Früher dran als die Stooges und eventuell noch einflussreicher? Wer könnte das sein? Nun, nichts weniger als die wahrscheinlich skurrilste Bandschöpfung der Musikgeschichte. Gleichzeitig nie ganz angekommen im Klassiker-Kanon deutscher Avantgarde-Wertarbeit von Kraftwerk bis Fehlfarben: die Monks. Sie hielten zwar nicht so lange durch wie die Genannten, haben aber die beste Story: Fünf Mitte der 60er Jahre im hessischen Gelnhausen stationierte GIs, die zur Hochphase der Beatlemania mitten im funky Wirtschaftswunder-Germany des Ludwig Erhard grob primitive, rebellische, physische und großartige Beat-Musik erschaffen. Dass diese selbst den auf Krawall gebürsteten Kindern der Altnazis zu fremd war, sagt alles.

Eine kreative Explosion, die nach genau einem Album versiegte. "Black Monk Time" ist nach den Worten von Iggy Pop eine "verdammt unterhaltsame, etwas schrullige 60s-Garage-Platte". Er trifft damit ins Schwarze und liegt doch daneben. Denn die Monks sind ein Gesamtkunstwerk, und teilweise tatsächlich von klugen Karrierelenkern am Reißbrett erdacht. Zehn Jahre bevor Malcolm McLaren mit den Sex Pistols Musik, Mode und Attitüde verquickt, stehen zwei Kunststudenten im Publikum der Amerikaner. Was sie hören: Fünf Typen, die sich The Torquays nennen und dem angesagten British Beat verfallen sind, recht wild Chuck Berry- und Kinks-Songs covern und eigene Surfnummern einstreuen. Was sie sehen: Talentierte new kids on the block, denen nur ein neues Image fehlt, um den Sprung nach oben zu schaffen.

Karl-H. Remy, Student der Hochschule für Gestaltung Ulm, und Walther Niemann, Student der Folkwang-Schule in Essen, beide auch in einer Werbeagentur tätig, stellen sich der Band vor, man wird handelseinig. Während Gary Burger, Larry Clark, Dave Day, Roger Johnston und Eddie Shaw in der Kaserne hocken, gehen Remy und Niemann auf Konzerte von John Cage und Stockhausen, besuchen Kunst-Happenings oder fliegen nach London, wo sie Beat-Konzerte mitnehmen. Ein Glücksgriff. Ihnen schwebt eine nie dagewesene uniformelle Künstler-Identität vor. Remy und Niemann nennen sich Kreativmanager und agieren als unsichtbare Strippenzieher, eine Idee aus dem Bauhaus: das Produkt spricht für sich selbst.

Als Werbeprofis entwerfen sie ein von Fluxus-Happenings inspiriertes Corporate Image für die Band und man wäre an jenem Tag zu gern dabei gewesen, als sie den Jungs ihren Masterplan vortragen: "Nun, wir dachten an den Bandnamen Monks und damit das für alle eindrücklicher wird, rasiert ihr euch eine Mönchstonsur und tretet in schwarzen Anzügen auf. Ach so, statt Krawatten haben wir Stricke für euch besorgt, die ihr euch umhängen könnt." Ob Begeisterung herrschte oder nicht, ist, wie so vieles aus jenem fernen Jahrzehnt, als Clubs noch "Odeon Keller" hießen, nicht mehr zu rekapitulieren. Doch die Amerikaner willigen ein. Flower Power? Fuck it! Here comes the men in black.

Die unglaubliche Story hätte bis hierher schon ein sagenhaftes Ende gefunden. Allerdings wüssten wir dann heute nichts davon. Denn Remy und Niemann überzeugen 1966 mit Polydor tatsächlich ein Label für diese völlig waghalsige Idee, man macht Nägel mit Mönchsköpfen und "Black Monk Time", ein Album voll psychotischer Dada-Rocksongs, kommt in die Läden. Natürlich ohne die Namen der beiden Hintermänner auf dem Cover auch nur zu erwähnen.

Noch glaubt Polydor an die Band und überlässt deren Kreativmanagern den Promoplan. Die Monks spielen u.a. in Hamburgs Top Ten Club auf der Reeperbahn und treten sogar im Fernsehen auf. Faust-Chef Hans-Joachim Irmler sitzt damals zuhause in Oberschwaben, sieht den Auftritt und ist hellauf begeistert. Bald sollte er ähnlich experimentelle Musik aufnehmen. Rückblickend gab es jedoch viel zu wenig solcher Irmlers, die diesem unzeitgemäß verzerrten Rockklang etwas abgewinnen konnten. Das Album sowie das kommerziellste Stück "Boys Are Boys And Girls Are Choice" floppen und Polydor verliert das Interesse.

Dennoch planen die Monks-Manager 1967 eine Asientournee. Es sollten die ersten Konzerte im Ausland sein und den Weg in die USA ebnen. Doch dazu kommt es nicht. Als man sich in Frankfurt am Flughafen versammelt, wirft Schlagzeuger Johnston im letzten Augenblick das Handtuch und besiegelt damit 1967 das Bandende.

Es bleibt dieses Album, das einen kleinen Ausblick gibt auf Industrial, Krautrock und Punk. Das mit einem Antikriegs-Schlachtruf beginnt, der so manchem Mönch im Nachhinein ein schlechtes Gewissen machte, aber die Zerrissenheit junger Amerikaner jener Zeit wunderbar einfängt. Am Anfang von "Monk Time" kreischt Gary Burger: "You know we don't like the army / What army? / Who cares what army? / Why do you kill all those kids over there in Vietnam? / Mad Viet Cong! / My brother died in Vietnam." Dazu Clarks Brutalo-Orgel und zermalmende Fuzzgitarren.

Die Monotonie als Kompositionsmuster führt "Shut Up" mit einem mahlstromartigen Chant fort. "Boys Are Boys And Girls Are Choice" ist herrlichster Proto-Punk, "I Hate You" kommt ganz nah ran an Velvet Underground und "Oh, How To Do Now" ist einfach nur treibender Beat-Trash, wie gemacht für die Alkohol geschwängerte Luft in Bierkellern und mit einer Art Jodelrefrain, wie für deutsche Frolleins gemacht.

Ende der 90er Jahre, als Nerds wie Rick Rubin und Henry Rollins "Black Monk Time" entdecken und neu auflegen, bekommt diese irre Geschichte noch mal Rückenwind. Die Band feiert nach über 30 Jahren ein Wiedersehen und spielt Comeback-Gigs, zuletzt 2007 in der Berliner Volksbühne.

Eine musikarchäologische Meisterleistung, die in erster Linie auf die Regisseure Dietmar Post und Lucia Palacios zurück geht, die mit dem brillanten Dokumentarfilm "Monks - The Transatlantic Feedback" dafür sorgten, dass diese Mönche bis heute Fans finden. Im Interview erzählte uns Post damals von zahlreichen Unwägbarkeiten, die ihnen beim Aufspüren der längst im bürgerlichen Leben angekommenen Mönche begegneten: "Schon nach der ersten Recherche-Reise 1996/97 wussten wir, dass das eine harte Nuss wird. Bei den Dreharbeiten 2002 hatten wir dann für jede einzelne Person drei Tage anberaumt. Wir haben im Prinzip das gemacht, was man im Dokumentarfilm von heute nicht mehr finanziert bekommt, nämlich ausführliche Gespräche geführt." Die beiden Kreativmanager der Monks verweigerten die Zusammenarbeit. Nur Niemann beantwortete einige Fragen per Fax, weil er keine E-Mailadresse hatte.

Ihr Produkt, es spricht bis heute für sich. Auf der Rückseite der LP kann man noch mal einen von ihnen konzipierten, mit der Musik korrelierenden Freak-Text nachlesen, der so beginnt: "Sonnenraster zittern im System. Lesen Sie weiter. It's Monk Time. It's Hop Time. Nicht lesen. Lesen Sie doch nicht. Lassen Sie Saphire in die Rillen gleiten. Was ist Beat? Was ist Beat heute? Und was ist Über-Beat? Und wer schmilzt die verdammt heiß-kalte Welt von morgen?" 2017 spürt auch Apple endlich den Über-Beat. Dass "Boys Are Boys And Girls Are Choice" den Kampagnen-Clip für die neuen iPhone-Sticker untermalt, erlebt von den Monks allerdings nur noch Bassist Eddie Shaw mit.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Monk Time
  2. 2. Shut Up
  3. 3. Boys Are Boys And Girls Are Choice
  4. 4. Higgle-Dy - Piggle-Dy
  5. 5. I Hate You
  6. 6. Oh, How To Do Now
  7. 7. Complication
  8. 8. We Do Wie Du
  9. 9. Drunken Maria
  10. 10. Love Came Tumblin' Down
  11. 11. Blast Off!
  12. 12. That's My Girl

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