laut.de-Kritik

Emotionen statt Mathematik - oder Blastbeats im Tango.

Review von

15. April 2016 — ein Tag für die musikalischen Geschichtsbücher. Würde ich sie schreiben jedenfalls. Blaak Heat, Mantar, vor allem: Oteps "Generation Doom". Doch über all diesen thront eine junge Fränkin, bewaffnet mit ihrem zweiten Album, Quietscheentchen und Federschmuck.

Wer die Beschriebene noch nicht kennt: Es geht um Monika Roscher. Beziehungsweise die Monika Roscher Bigband. Man kreuze System Of A Down mit Steven Wilson und The Mars Volta, packe ein wenig John Williams und Meshuggah hinzu und drehe es durch den Jazz-Wolf — voilà! Bereits auf dem Debüt "Failure In Wonderland" erkundete das Münchener Kollektiv so ziemlich jeden Bereich, den das weite Feld der Musik zu bieten hat. Was soll da jetzt noch kommen?

Naja, im Grunde macht Monika Roscher ja auf "Of Monsters And Birds" genau dasselbe wie bei Album Nummer eins. Was in ihrem Fall zwangsläufig auf Veränderung hinausläuft und Wiederholung oder gar Langeweile praktisch kategorisch ausschließt. Da klopft man dann schon mal mit der Stahlkette auf dem Schlagzeug herum, packt Blastbeats in einen Tango und entlockt dem Synthesizer R2D2-Laute.

Letzteres passiert während der Ouvertüre zu "Full Moon Theatre", "Entering Birds". Hier fiept außerdem oben angesprochenes gelbes Badeutensil mit. Drum herum imitieren Bläser emsig Vogelzwitschern. Unschuldig, lieb, freundlich … bis der einsetzende Groove plötzlich wesentlich energischer auftritt. Posaunen, Trompeten, Schlagzeug, Klarinetten, Gitarre, Klavier und später ein Didgeridoo greifen ineinander, blasen dem musikalischen Zoo den Marsch. Das Grundmotiv beginnt seine Variationsreise durch Tempo-, Takt-, Dynamikwechsel, Polyrhythmik, Zersetzung, Neuformierung und allerhand solistische Intermezzi. Zwischendurch verstummen die Instrumente, die Musiker fangen an zu schnipsen und zu pfeifen und das Spiel beginnt von vorn.

Der gleichen Motivtechnik bedient sich wenig später "Terror Tango". In allen erdenklichen Möglichkeiten verwurstet die Band die Hauptmelodie — mal als alleinstehendes, bewusst bemühtes Anfängergitarrenlick, mal mit der überwältigenden Kraft aller Beteiligten. Im Kern platziert Roscher ihren Text, vorgetragen im Stil eines Maschinengewehrs, unterstützt von Blastbeats. Einen Shouter eingesetzt, böse Metalgitarren dazu und wir wären bei The Dillinger Escape Plan. Kaum denkt mans, spielt Jasmin Gundermann ein liebliches Solo auf ihrer Querflöte. Soviel zu Vorhersehbarkeit und Abwechslung: Im einen Moment beschwört Monika Roscher noch Donner und Weltuntergangsszenarien, prügelt ihr Orchester zu Chaosexzessen — im nächsten ersteht aus den Trümmern plötzlich ein einziges Instrument (z.B. Jan Kiesewetters Saxophon in "Caribbean Delirium" oder Josef Reßles phänomenales Piano-"Interlude").

Von Hundert zurück auf Null, das ganze umgekehrt und sämtliche Zwischenstufen: "Of Monsters And Birds" machts möglich. Selbst Elektronik-Experimente tauchen regelmäßig im klassisch geprägten Jazz-Gewand auf - gefühlt häufiger als noch auf dem Debüt. So prägt Leonhard Kuhn an seinen Reglern beispielsweise den Mittelteil des "Terror Tango" entscheidend mit.

Für Elektronik braucht es manchmal aber auch gar keine Elektronik. Ihren persönlichen 'Techno-Song', wie sie ihn selbst nennt, "New Ghosts Of The Century" bestückt Roscher mit handgemachten Bigband-Samples. Beatlieferant Silvan Strauss bringt von seinem Soloprojekt Pecco Billo Hip Hop-Erfahrung mit (abgesehen davon ist sowieso jeder seiner Drumparts auf "Of Monsters And Birds" ein Erlebnis) und dank der Gitarre der Bandleaderin quetscht sich der Song sein Plätzchen zwischen Disco und Funk-Rock. Kein Wunder, dass das System "close to collapse" ist (was die Band musikalisch natürlich entsprechend umsetzt) und die Birne eintrocknet ("My brain has dried up by our waiting to act / a four-eyed fish complains in his review").

Das Chaotische, die Elemente der Überraschung und rabiaten Stimmungswechsel sind jedoch bei weitem noch nicht alles, was diese Musik auszeichnet. Der wichtigste Bestandteil der Monika Roscher Bigband ist wohl, dass sie trotz aller technischen und theoretischen Finessen niemals ins Verkopfte abrutscht. Die Komponistin führt keine Mathematik vor, sondern Gefühle. Dementsprechende Wärme strahlt beispielsweise gleich der Opener "Wanderer" aus, der sich in seiner kompakteren Struktur ohnehin deutlich zugänglicher präsentiert als die ebenfalls vorhandenen Zehnminüter. "A Walk In The Park By Night" verströmt teilweise das nostalgieschwangere Feeling französischer Romanzen. Und "Illusion" könnte seine Hook "Illusion is warm" kaum treffender untermalen. Man möchte sich in die Kuscheldecke wickeln und darin versinken.

Selbst komplexes Dauerfeuer braucht Harmonie. Da muss man zuweilen halt einen Gang runterschalten. So profitieren beide Seiten vom Kontrast. Zumal Sprunghaftigkeit zu einem fließenden Stream of consciousness einfach dazugehört. Wer kennt es nicht? Eben träumt man noch von der/dem Liebsten, da ruft jemand "Weißer Elefant!" und plötzlich schlägt der Hunger zu und das Weltgeschehen verlangt ebenfalls nach Aufmerksamkeit. Kopf und Herz haben eine schwierige Beziehung zueinander. Das ist bei Monika Roscher nicht anders und Verwirrung stiften tut sie sowieso am allerliebsten. Warum das Publikum nicht jetzt mit einem kleinen Start-Stop-Part ärgern und verunsichern ("Illusion")?

Hoch anzurechnen ist ihr übrigens, dass sie nicht der Progressive-Krankheit Depression verfällt. Zugegeben, ich bin schon Fan der Melancholie. Manchmal tut es aber einfach gut, mal nicht in Sehnsüchten zu schwelgen und den Melodien mit Taschentuch im Anschlag zu lauschen. Dabei kommt Roscher natürlich nicht penetrant gut gelaunt rüber, sondern schlägt auch nachdenkliche Töne an. Eine ausgewogene Mischung mit positiver Grundatmosphäre. Zutiefst ehrlich, zutiefst menschlich.

Und wer derlei kreiert, insgesamt 21 Musiker zur Realisierung dirigiert, Arrangements schafft, die denen eines Steven Wilson mindestens ebenbürtig sind und Merkmale der Klassik mit Jazz-Bigband und dem Appeal einer körperbetonten Rockshow zu einem anspruchsvollen, doch gleichzeitig fett groovenden Avantgarde-Batzen kombiniert, der darf sich zum Schluss auch selbst mal in den Vordergrund seiner Kompositionen spielen. Während sich die Gitarristin Monika Roscher weitestgehend im Hintergrund hält, knipst sie in "Timewarp" die Distortion an, missbraucht ihren Vibratohebel und holt zum finalen Solo aus.

Dann herrscht Ruhe. Sanfte Arpeggios, ein wenig Klavier, der Bass des Bruders Ferdinand Roscher. Beständiges Wachsen, ohne weitere Anstrengung. Zurücklehnen, genießen ... "The End".

Trackliste

  1. 1. Wanderer
  2. 2. A Walk In The Park By Night
  3. 3. Entering Birds
  4. 4. Full Moon Theatre
  5. 5. Interlude
  6. 6. Illusion
  7. 7. Terror Tango
  8. 8. Caribbean Delirium
  9. 9. New Ghosts Of The Century
  10. 10. Timewarp
  11. 11. The End

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