laut.de-Kritik

Crème de Pop mit Cocktailkirsche und Puderzucker oben drauf.

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Das Cover haut um! Eine völlig derangierte Roisin Murphy entsteigt furiengleich in Säuferpose mit zwei Biergläsern in den Händen der Wasserpfütze, in die sie kurz zuvor gefallen zu sein scheint. Die Haare wirr, der Mund zu wütenden Beschimpfungen verkrampft. Fightin' Irish! Zwei Dinge stehen deshalb fest: erstens ist dies jetzt schon das Plattencover des Jahres! Was bitte soll da noch kommen? Und zweitens würde ich diese Frau sofort heiraten!

"Nichts kommt an diese vertrauten Gefühle heran", wenn die Meisterin ihre Stimme zwischen Zuckerpüppchen und Kneipenschlägerschlampe hin- und herbalanciert. Ein Organ, das mindestens so außergewöhnlich ist, wie der Name. Denn nur in dieser Frau steckt die einzige Standesbeamtin, die das ungleiche Paar Poesie und Tanzfläche zu einem sexy-tragischen Brautpaar verheiraten kann.

Dass die Single "Familiar Feeling" auf Platz zehn der UK-Charts eingestiegen ist, wundert deshalb keinen mehr. Dieser Song nimmt mit Leichtigkeit den roten Funk-Faden auf, den "Sing It Back" oder "The Time Is Now" in den Clubs zurückgelassen haben. Im Schatzkästchen "Statues" verbergen sich aber noch weitere Club-Brenner, die es ohne weiteres in die Charts schaffen könnten.

"Forever More" steigert einen magengrubenmassierenden Mörder-Bass in einen groovy Refrain, der ohne Gehirnamputation nicht mehr aus dem Ohrwurmspeicher zu löschen ist. Oder "100%", das mit Bläsern und Latino-Gitarren nur so um sich sprüht und sofortige Hüftzuckungen nach sich zieht. Dazwischen tauchen Stücke wie "Cannot Contain This" mit housig bis minimalelektronischem Fundament auf, die trotzdem nicht in der teils per Orchester mächtig aufgemotzten Songproduktion untergehen.

Es dreht sich aber nicht nur um Tanzen und Spaßgesellschaft, es wird auch das Selbst reflektiert, rebelliert und ruiniert. Es geht um Schmerz, Verlust und Schwäche. Wahrscheinlich kann eine düstere Elegie von so bestürzender Schwermut wie der Titelsong "Statues" nur diese Frauenstimme glaubhaft rüberbringen. Robert Smith'sche Gitarren aus "Seventeen Seconds"-Zeiten tragen hier Roisins zarte Klagen zu Grabe, ein spröder Streicher-Satz und ein ersterbendes Piano tun ihr Übriges. Da kann Profi-Träne "Elsbeth" Gibbons die sieben Sachen packen und bei ihrem Seelenklempner einziehen.

Moloko setzen jedenfalls wieder Maßstäbe in der Clubbeschallung. Was hier auf dem Tisch liegt ist Crème de Pop, mit Cocktailkirsche und Puderzucker oben drauf.

Trackliste

  1. 1. Familiar Feeling
  2. 2. Come On
  3. 3. Cannot Contain This
  4. 4. Statues
  5. 5. Forever More
  6. 6. Blow By Blow
  7. 7. 100%
  8. 8. The Only Ones
  9. 9. I Want You
  10. 10. Over And Over

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16 Kommentare

  • Vor 18 Jahren

    Das Erstaunliche an dem Album ist, daß es zwar einerseits wahrscheinlich Clubmusik ist, aber dennoch nicht aus Tracks sondern aus Songs besteht. Ob es zum tanzen oder entspannen taugt, weiß ich nicht - musikalisch geht es aber sicher weit über diese beiden Aspekte hinaus.

  • Vor 18 Jahren

    Ich gebe der CD mal

    ***1/2 sternchen, weil doch auch ein bischen
    Unkraut drauf ist.

  • Vor 12 Jahren

    Jepp - Statue war das wirklich ausgereifteste Album der Band, zumindest ausgereift im Sinne von popular Music.

    Madame Rosine hat ja bereits mit Ihrer Solokarriere begonnen, Sprungbrett war die Band und nicht sie alleine.

    Das hört man doch deutlich an Ihrem 2. Take der voll mit übelsten Britpop gestopft ist.
    Da kommt mehr die "biersaufende Britschlampe" hervor als ihr glaube ich lieb ist.

    Aber Knete muss sein, das Label will leben, Mädel komm zurück zu deiner Band und lebe dein Leben - man muss nicht alles ausprobieren was man so im Kopf hat...

    Schau dir Underworld an, die erfinden sich auch ständig neu, vom Bauchgefühl her konnte Dir die Band das geben...