laut.de-Kritik

Zwei Pillen fürs Technoklischee-Schwein.

Review von

Acht Jahre seit dem genialen "Monkeytown" könnten einem vorkommen wie eine lange Zeit, nur haben Modeselektor in der Zwischenzeit ja noch eine Zweitkarriere als Technopop-Stadiongötter unter dem Namen Moderat hingelegt und damit auch an der Basis mächtig Eindruck gemacht. Wer 2014 nicht mindestens einmal "Bad Kingdom" im Club gehört hat, war in keinem. Sie befinden sich karrieretechnisch in der beneidenswerten Situation, Zehntausenderhallen von Berlin bis Seattle vollzumachen, nur um mal kurz eben in die Provinz nach Leipzig zu juckeln und dort Nachmittags in der Distillery ein dreieinhalb-Stunden-Set zu spielen. Wenn sie Bock darauf haben, so wie letzten Sommer erlebt. Dort war dann auch nicht zu überhören und -sehen, dass Gernot Bronsert und Sebastian Szary das bodenständige Feiern in schmuddlig-technoidem Ambiente keineswegs verlernt haben. Bock auf Gebretter: Check. Dieser partywütige Geist einer undefinierbaren Tageszeit ist es auch, den sie auf "Who Else" kanalisieren.

Für alle, denen die schöngeistigen Unternehmungen mit Apparat, bei aller unbestrittener Qualität, immer einen Tick zu, äh, moderat waren, werfen sie hier Scheite wie "Pruegelknabe" ins Feuer. Ein zackigster Stechschritt-Galopp, der auf keinen High-End-Kopfhörern der Welt so funktionieren kann, wie er es auf bratzigen zwei mal zwei Meter-Bassboxen tun soll. Ballern, ballern, sphärischer Zwischenteil, Ballern, derart kurz, knackig, schnörkellos ist der Großteil des acht Tracks schlanken Albums geraten. Das Bekenntnis zum Club tritt klarer hervor als auf "Monkeytown", die Experimentierfreude dafür einen deutlichen Schritt zurück.

Das stört zunächst nicht zwingend den Hörgenuss: Tracks wie der bereits genannte "Pruegelknabe", "WMF Love Song" oder "I Am Your God" sind sorgfältig ausproduzierte Stampfer, dabei soundtechnisch so roh gehalten, das man sich fühlt wie um sieben Uhr früh im lokalen Keller des Vertrauens. Hier gibt es funktional auf die Zwölf, wenn auch die Frage erlaubt sein muss, ob der Fan sich von Soundkünstlern ihres Ranges in der Nachfolge von "Monkeytown" und den Moderat-Alben wirklich diese Art Dienstleistungstechno erhofft hat. Natürlich ist das alles weit weg von enttäuschend. Man will dazu abgehen, und das ist ja schon mal die Hauptsache. Ein guter Track ist ein guter Track und die erste Regel des Tautologieclubs ist die erste Regel des Tautologieclubs am Berliner Ostkreuz, geöffnet von Donnerstag bis Dienstag. In dem stehen Mike, Ronny und Rico aus Marzahn vorm DJ-Pult und brüllen "Atze, gib mal Gas!". Modeselektor geben Gas und verfüttern zwei Pillen ans Technoklischee-Sparschwein.

Ihre generelle Liebe für elektronische Musik in all ihren fließenden Facetten schafft Abwechslung: Mit Flohio am Mic exerzieren sie Grime vor ("Wealth feat. Flohio"), was authentisch, aber auch hier wieder eine Spur zu pflichtbewusst und unspektakulär klingt, um vollends mitzureißen. Genau so wie der monströs bratzende Bass von "Who feat. Tommy Cash" zunächst Ehrfurcht gebietet, die Kollaboration aber dennoch gefühlt unter dem Wahnwitz-Potential bleibt, die sie auf dem Papier bietet. Ähnlich heroisch rummst der Opener "One United Power" zunächst nach vorn, zeigt Modeselektor in erhabener Perspektive von schräg unten – und verharrt dann in dieser. Der letzte, begeisternde Twist, die letzten zehn Prozent bis "Monkeytown"-Level, fehlen leider.

Wir lassen die bösartige Pointe, die der Abschlusstrack "Wake Me Up When It's Over" auf dem Silbertablett anbietet, einfach mal links liegen, ist er doch ein mehr als versöhnlicher Abschluss. Hier überraschen Modeselektor zudem auf gelungene Weise mit dem plötzlichen Drumbreak-Gewitter als Überleitung zum Autotune-Abgesang.

"Who Else" wird dem großspurigen Anspruch seines Titels leider nicht gerecht, dafür verfehlt es den Anschluss an den großartigen Vorgänger zu deutlich. Andererseits muss man dem Album zu Gute halten, dass es nicht so klingt, als wäre dies das Ziel gewesen. Modeselektor wollen Party machen, und das tun sie, auch wenn diesmal kein Klassiker dabei heraus kommt. Unterm Strich ist "Who Else" eine schicke Visitenkarte für die kommenden, höchstwahrscheinlich wie gewohnt absolut bombastischen Liveshows – nicht mehr, nicht weniger.

Trackliste

  1. 1. One United Power
  2. 2. Wealth feat. Flohio
  3. 3. Pruegelknabe
  4. 4. Who feat. Tommy Cash
  5. 5. WMF Love Song
  6. 6. I Am Your God
  7. 7. Fentanyl
  8. 8. Wake Me Up When It's Over

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