laut.de-Kritik

Soul voller Sinnlichkeit und Liebe, gesungen von einer Engelsstimme.

Review von

Nachdem die US-amerikanische Soul-Sängerin Minnie Riperton mit ihrer Single "Lovin' You" von ihrem Album "Perfect Angel" aus dem Jahre 1974 weltweit die Charts eroberte, wollte ihre Plattenfirma Epic schnell einen Nachfolger ihres Erfolgswerkes haben. Trotzdem erwies sich das im Mai 1975 veröffentlichte "Adventures In Paradise" nicht als Schnellschuss, stellte es doch die vielseitigste Platte der gebürtigen Chicagoerin dar.

Die ursprünglich für seine Background-Sängerinnen Wonderlove arrangierten Songs von "Perfect Angel" produzierte noch Stevie Wonder als Scorbu Productions. Der Background-Gruppe gehörte auch Riperton an. Als Wonder im Anschluss mit den Arbeiten an seinem bahnbrechenden Doppelalbum "Songs In The Key Of Life" beschäftigt war, entschieden sie und ihr Ehemann Richard Rudolph, Stewart Levine anzuheuern, bekannt für seine Produktionen für die Fusion Jazz-Truppe The Crusaders, als Co-Produzenten für "Adventures In Paradise". Den Posten nahm Rudolph, der hier als Haupt-Produzent agierte, zuvor auf "Perfect Angel" ein, der sich darüber hinaus für fast sämtliche Tracks von ihr als Co-Autor beteiligte.

Zudem erhielt die US-Amerikanerin für "Adventures In Paradise" Unterstützung von Leon Ware und zahlreichen Jazz-Musikern wie Drummer Jim Gordon und Saxofonist Jim Horn. Eine sehr gute Entscheidung, kamen durch die zwischen Bedroom-Atmosphäre und Singer/Songwriter-Ausflügen changierenden Arrangements auf "Perfect Angel" die atemberaubenden stimmlichen Fähigkeiten Ripertons nicht immer optimal zum Tragen.

Ware schrieb außerdem an drei Songs mit, unter anderem an der Single "Inside My Love", mit der sich die Sängerin zum letzten Mal in den Top 100 der US-amerikanischen Billboard-Charts wiederfand. Die Zeilen im Refrain missdeuteten Kritiker oftmals als sexuelle Anspielung. Es heißt: "You can see inside me / Will you come inside me? / Do you wanna ride inside my love?" Jedoch machte Minnie, die ebenso im Schreibprozess involviert war, in einem Statement klar, dass es ihr nicht um ein sexuelles Angebot ging, sondern um etwas viel Tieferes, nämlich um pure Verschmelzung. Trotzdem scheuten sich viele Radiostationen in ihrer Heimat davor, das Stück zu spielen.

Auch die restlichen Tracks strahlen eine Menge Sinnlichkeit und Liebe aus. So lautet es im ebenfalls von Ware mitgeschriebenen Opener "Baby, This Love I Have": "And all I know is true / Is this love I have for you." Diese Zeilen bilden alles andere als eine inhaltsleere Floskel, wie sie im Soul oftmals üblich war, entsprachen sie doch dem, was Riperton tatsächlich für Rudolph empfand.

Auch musikalisch lässt der Track durch die zurückhaltenden Keyboard-Klänge von Joe Sample und das sanfte Schlagzeug Intimität nicht vermissen, gerät aber durch die rhythmischen Funk-Grooves, die Sid Sharp mit imposanten Streicher-Arrangements anreichert, trotzdem recht überschwänglich. Dabei zieht die US-Amerikanerin sämtliche Register ihres Könnens. Ihre Ausnahme-Stimme dringt nach und nach in immer himmlischere Sphären vor, die außer ihr nur ganz wenige Soul-Sänger und -Sängerinnen erreicht haben.

Diesem Jubellied auf die Liebe folgt das auch zum Teil aus Wares Feder entsprungene, ebenso euphorische "Feelin' That Your Feelin's Right", das sinnliche Saxofon-Sounds durchziehen. Die hört man auch in dem von beschwingten Piano-Klängen Joe Samples und funkigen Gitarren-Einsprengseln Larry Carltons dominierten "When It Comes Down To It", während sich Minnie von ihrer lockeren Seite zeigt.

Deutlich melancholischere, klagendere Töne schlägt sie in "Minnie's Lament" zu countryeskem Saiten-Spiel sowie dunkel jazzigen Keyboard-Sounds und sphärischen Streichern an. Dabei kommt ihre zerbrechliche Seite besonders zur Geltung.

Ganz anders "Love And It's Glory": Hämmernde Klavier-Schläge treiben die Nummer energisch voran. Jedoch nimmt Dorothy Ashby mit ihren Harfen-Klängen immer wieder das Tempo raus, so dass Ripertons kunstvolle Phrasierung deutlicher in den Vordergrund rückt. Die besitzt frappierende Ähnlichkeit zu Kate Bush in den späten 70ern. Dass sich die britische Pop-Größe zu Beginn ihrer Karriere gesanglich nicht an der US-Amerikanerin orientiert haben soll, kann man sich nach dem Hören dieses Tracks nur schwer vorstellen.

Das Titelstück bietet dagegen wieder mehr Groove. Das überzeugt vor allem mit einem markanten Gitarren-Motiv. Das schon erwähnte "Inside My Love" lebt dann in den Strophen von entspannter Saiten-Arbeit und zurückgenommenem Keyboard und strahlt im Refrain durch die eleganten Streicher sehr viel Gefühl aus, während aus Minnies Stimme etwas Unschuldiges spricht.

In "Alone In Brewster Bay" präsentiert sie sich dagegen zu sanfter Akustik-Gitarre, Meeresrauschen und Möwengeräuschen um Einiges reflektierter, so dass die Nummer den Ruhepol der Platte markiert. Demgegenüber erzeugen in "Simple Things" sonnige Saiten-Klänge und jazzige Keyboard-Einsprengsel ein dezent karibisches Flair. Dazu besingt Minnie mit kindlicher Neugier das Besondere im Alltäglichen.

Im abschließenden "Don't Let Anyone Bring You Down" schwingt sich ihr Organ zu balladesken Piano- und Streicher-Arrangements in luftige Höhen. Zudem appelliert sie textlich an die Freiheit und die universelle Kraft der Liebe. Am Ende bleibt ein zeitloses Soul-Werk ohne Schwachpunkte, das den emotionalen Facettenreichtum ihrer Engelsstimme hervorragend unterstreicht.

Danach folgte noch mit "Stay In Love" 1977 ein Disco-Ausflug. Wieder mit von der Partie: Stevie Wonder, nämlich als Co-Writer von "Stick Together". Im Anschluss bekam Riperton die Diagnose Brustkrebs. Noch während den Aufnahmen zu ihrem letzten regulären, wieder klassischer arrangierten Studio-Album "Minnie" von 1979, für das sie bei Capitol unterschrieb, verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand dramatisch. Trotzdem versuchte sie sich erstmalig als Produzentin, stellte jedoch die Platte nur unter Mühen fertig.

Noch im selben Jahr, am 12. Juli 1979, stirbt Minnie Riperton. Neben ihrem Krankenbett befand sich ein Plattenspieler. Darauf lief ein Werk, das Stevie Wonder ihr ganz allein gewidmet hatte. Sie wurde nur 31 Jahre alt. "Adventures In Paradise" erlangte erst sehr viel später über Soul-Kreise hinaus Aufmerksamkeit, als Hip Hopper die Songs des Albums unzählige Male sampleten und Quentin Tarantino 1998 "Inside My Love" für seinen Soundtrack zum Blaxploitation-Film "Jackie Brown" verwendete.

Gut, dass man die Musik auf "Adventures In Paradise" nicht ganz vergessen hatte, denn mehr Herz, Seele und tief empfundene Wahrhaftigkeit geht im Soul im Grunde genommen nicht mehr.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Baby, This Love I Have
  2. 2. Feelin' That Your Feelin's Right
  3. 3. When It Comes Down To It
  4. 4. Minnie's Lament
  5. 5. Love And It's Glory
  6. 6. Adventures In Paradise
  7. 7. Inside My Love
  8. 8. Alone In Brewster Bay
  9. 9. Simple Things
  10. 10. Don't Let Anyone Bring You Down

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