laut.de-Kritik

Eine housige Bassmassage, bitte!

Review von

Das Schöne an Überraschungen ist, dass man sie nicht vorhersehen kann. Sie passieren einfach, wie man weiß. Für solch einen Moment sorgt der kanadische Technoproduzent Mike Shannon mit "Memory Tree".

Erwarten durfte man kühl produzierte Soundscapes, zusammengehalten von reduzierten Trackstrukturen - anspruchsvolle Kost für Freunde minimalistischen Techno-Sounds. Diese Erwartung erfüllt Shannon jedoch überhaupt nicht.

Zu hören bekommt man mit ein überaus sympathisches und leicht zugängliches Album, angesiedelt an den Berührungspunkten von House und Detroit. Damit verabschiedet sich Shannon ein gutes Stück von seinem bisherigen Sound und gibt seiner persönlichen Entwicklung eine neue Richtung. Gänzlich überraschend kommen die neuen Klänge in Shannons Tracks freilich nicht.

Der Remix von "Chord Tracking", einem Stück aus dem Studio von Shannos Landsmann Adam Marshall, überzeugte bereits mit einem treibenden Housegroove und deepen Soundpatterns. Auf "Memory Tree" überträgt er diese Qualitätsmerkmale nun auch auf seine eigenen Tracks.

Da verkommt es schon fast zur Randnotiz, dass das Album auf Richie Hawtins Plus 8-Label erscheint und dort mehr als nur eine gute Figur macht. Wo sonst eher eine gewisse Kopflastigkeit vorherrscht, hebt sich Shannon mit unwiderstehlich kickenden Tracks ab.

Am deutlichsten wird das Erfolgsrezept des Kanadiers bei "Wolf Module" und "Enero", dem heimlichen Hit der Platte. Gedrosseltes House-Tempo, funkige und mit etwas Hall belegte Bassline, detaillierte aber nie aufdringliche Rhythmusarbeit und mit viel Umsicht eingesetzte Streicher zum Abschluss oben drauf.

Mit solchen Kompositionen ist Mike Shannon in jedem Club auf der Siegerstraße. Es zeichnet ihn als Produzenten umso mehr aus, dass er nicht nur einzelne Clubtracks aneinander reiht, sondern sie dem Konzept und der Dramaturgie eines Albums unterwirft.

Damit ist "Memory Tree" mit Sicherheit eines der Alben über die man am Ende des Elektronik-Jahres, noch einmal wird reden müssen.

Trackliste

  1. 1. Beyond Incubation
  2. 2. Mercury Mile
  3. 3. Wolf Module
  4. 4. Enero
  5. 5. The Love Fry
  6. 6. Uno Para El Sol
  7. 7. Dr. X
  8. 8. Regalos De Pandora
  9. 9. Closed Question

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