laut.de-Kritik

Wie ein geheimnisvoller Spaziergang im Herbst.

Review von

Eines schönen Tages, mitten in den Recording Sessions zum vierten Midlake-Album, eröffnet Sänger und alleiniger Songschreiber Tim Smith dem verdutzen Rest, dass er keine Lust mehr hat und aussteigt. Was tun?

Aufhören, die Band einmotten? Midlake entscheiden sich für die Flucht nach vorne, werfen die schon aufgenommenen Songs weg und fangen von vorne an. Gitarrist Eric Pulido übernimmt zusätzlich die vakante Position am Mikrofon, zwei neue Weggefährten an Klampfe und Tasten ergänzen das Kollektiv.

Naturverbundenheit hat im Kosmos der Texaner schon immer eine wesentliche Rolle gespielt - und so kann man sich das neue Album wunderbar als einen ausgiebigen Spaziergang vorstellen. "Antiphon", der schöne Titelsong, legt dabei die Richtung fest: sanfter Indierock mit einem stärkeren Anteil psychedelischer Elemente als zuvor. Später wird uns auch noch der Folk begegnen, der auf "The Courage Of Others" so präsent war. Midlake rascheln mit den Füßen im goldenen Herbstlaub.

"Follow me down a foxhole in the ground, don't delay", singt Pulido in "Provider". Man mag es ihm nachtun. Seine Stimme passt perfekt zur Musik. Wer war noch gleich dieser Tim Smith? In "The Old And The Young" werden die Schritte schneller, zielstrebiger.

Neuzugang Jesse Chandler entlockt seinem Keyboard betörende Klänge, Midlake wollen zum Fest in der Mitte des Waldes und sammeln unterwegs schon mal ein paar Pilze ein. Der Blick gleitet über einen stillen Teich, "It's Going Down" gibt die perfekte musikalische Untermalung zur Szenerie. Mehrstimmige Chöre schrauben sich in den Abendhimmel.

Mittlerweile hüllt die NachtMensch, Tier und Pflanze ein - und die Musiker kommen am Festplatz an. Viele andere sind bereits da, der Tanz beginnt. Die Pilze entfalten ihre Wirkung, so wie auch "Vale", eine Mischung aus ruhigen und wilden Passagen. Pulido verstummt, es gibt hier nichts zu singen.

Jemand hat eine Querflöte mitgebracht, Midlake nehmen das Instrument und nehmen es für den Rest der Reise mit. "Sit by the fire until the morning comes", beschließen die Texaner in "Aurora Gone" und blicken sinnierend in die Glut. Zwischen den letzten Minuten der Nacht und dem ersten Glimmen des Tages vergehen "Ages".

Midlake nicken kurz ein, der Morgen grüßt den neuen Tag. Trotzdem macht sich Katerstimmung breit - die Nachwirkung der Pilze. "I'm not fooling anyone but me, I don't love anyone but me" philosophiert Pulido in "This Weight" zu einer der sanft fließenden Melodien. Langsam machen sich die Musiker auf den Heimweg. Alle schweigen, gehen ihren Gedanken nach. Am Ende von "Corruption" schließt sich der Kreis, ein gewisser Van Occupanther taucht kurz als Reminiszenz auf.

Im Einklang mit sich selbst und ihrer Vergangenheit blicken Midlake in die Zukunft. Daheim fallen sie müde ins Bett und träumen von der "Provider Reprise". Tim Smith ist vergessen. Wo auch immer er verweilt: Er wird sich ärgern, bei dieser großartigen und faszinierenden Reise nicht dabeigewesen zu sein.

Trackliste

  1. 1. Antiphon
  2. 2. Provider
  3. 3. The Old And The Young
  4. 4. It's Going Down
  5. 5. Vale
  6. 6. Aurora Gone
  7. 7. Ages
  8. 8. This Weight
  9. 9. Corruption
  10. 10. Provider Reprise

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1 Kommentar

  • Vor 6 Jahren

    Ich hab' die aus irgendeinem Grund für Jahre aus meinem Gedächtnis gestrichen gehabt und erst vor kurzem wiederentdeckt.
    "Antiphon" lief denn auch erstmal bei mir auf Dauerrotation, find' das Album sehr sehr gelungen. Der Gesang wird zwar etwas mehr verbuddelt als beim letzten Album, aber die Trennung von Tim Smith war sicher kein Fehler.

    (Übrigens ist das eine schöne Rezension geworden, fasst das Ganze atmosphärisch sehr gut zusammmen.)