laut.de-Kritik

Anschmiegsame Blues-Katzen treffen auf rockende Steppenhexen.

Review von

Michels' fachliche Reputation aus rund 40 Jahren im Rockbiz ist beeindruckend: Trotz Erfolge in Großbritannien, den USA und Arbeiten mit Rio Reiser stellt der Name Wolfgang Michels für Viele noch immer ein gänzlich unbeschriebenes Blatt dar. Der dunkle Lauf der Zeiten halt: Ein lauthals schreiender, globaler wie nationaler Pop- und Rock-Supermarkt lässt und ließ oft wenig Spielraum für die leiseren, zurückhaltenderen Shops dieser Sparte. Sie sind selten geworden, die kleinen, liebevoll sortierten Fachgeschäfte, in denen sich aber oft genug die wirklich wahren Wunder finden lassen.

In einer Seitengasse des Deutschrock findest du den ein wenig versteckt liegenden Laden des Wolfgang Michels. Keine neumodischen Neonröhren blenden hier die Augen, das Interieur ist klassisch gehalten und noch eindeutig handgemacht. Sein Warenangebot dementsprechend nicht lieblos-industriell, sondern mit authentischer, individueller Note versehen. Davon zeugt sofort zu Beginn der bluesrockige Opener "Lover Lover", thematisch sich der Partnersuche in Zeiten des Internets und Mailverkehrs annehmend.

Das "Fernweh" lockt mit einer unwiderstehlichen, perlenden und hell funkelnden Gitarren-Bridge. Die "Sehnsucht" überzeugt als aufrecht daherkommende Rock-Nummer mitsamt Tamburin und twangenden Gitarren-Parts. In "Bald Zuhause" ist Michels der abendliche Beobachter eines zu Ende gehenden Tages, mit der sehnsüchtigen Bilanz: "Ich hab' ein Bett / Aber kein Zuhause". Verdammt, irgendwo da draußen, da MUSS sie einfach warten, die einzig wahre, die große Liebe. Spätestens hier ist klar: Wolfgang Michels ist kein kaltherziger, vorlauter Dreschflegel, sondern ein träumender, hoffender und absolut wahrer Romantik-Rocker. Und so ganz nebenbei ein außergewöhnlicher Musiker, Singer, Songwriter und Storyteller.

Die Alben-Dramaturgie zeigt sich listig-durchdacht: Sind im ersten Drittel neben aller versierten Gitarren-Fertigkeit stets auch dezent und effektiv gesetzte Pop-Momente präsent, wandelt sich "Zuhause" im weiteren Verlauf in ein virtuos ausgespieltes Rhythm'n'Blues-Album mit unzähligen, glänzend gesetzten Stil-Facetten und eindringlichen Momenten. Die zunächst oft anschmiegsame Blues-Katze macht den später rüde dahinfliegenden Rock-Steppenhexen - irgendwo zwischen Don McLean, Ry Cooder, den Eagles und dem frühen Bruce Springsteen angesiedelt - bereitwillig Platz. Der Klasse-Track "Die Wüste" beschwört eine überzeugende, schwitzige Sound-Atmosphäre mitsamt heftig malträtierten Heavy-Gitarren, die direkt aus einem popkulturell nicht unbekannten Titty Twister-Club stammen mögen.

Mit "Du" schlägt Wolfgang Michels noch einmal - und hier besonders nachhaltig - auf die Pop-Spur ein. Unverschämt catchy, mit shufflenden Beats, souligen Frauen-Chören, Streichern und schmeichelndem Refrain ausgestattet, zeigt der Sänger mit dieser höchst gelungenen Fingerübung, wie ein unpeinlicher, potentieller Radio-Hit klingen könnte. Samba-Elemente leiten "Jemand Wie Du" ein, bis die Bluesrock-Front wieder die Song-Hoheit übernimmt. Endgültig zurück in der Rock-Stube ist dann "Was Tun", eine straighte Uptempo-Nummer mit federnder Gitarre und effizient schwellender Orgel zu Michels Erkenntnissen über den lausigen Zustand unserer Welt. "Langeweile" entpuppt sich als hochklassiges Spiel mit 70ties-Beatles-Zitaten, Doors-Anklängen und furchtlosem Stöbern in der 68iger Psychedelic-Kiste, eingebettet in furiosem Song- und Sound-Aufbau.

Die Special Edition von "Zuhause" enthält zwei Bonus-Tracks, die die reguläre CD wunderbar ergänzen. Neben "Vollmondnacht" ist besonders mit "Scharfer Zucker" eine großartige Zugabe vorhanden.

Überschaubar sieht er zunächst aus, dieser Wolfgang Michels-Laden, aber man lasse sich Zeit, in die vielen versteckten Schubladen zu blicken. Dort finden sich erlesene Waren und Spezereien allererster Güte. Sie hat anscheinend Hochkonjunktur in diesem Frühjahr 2008, eine altersmäßig gut abgehangene, lässig und vielseitig präsentierte, deutschsprachige Pop- und Rock-Ware.

Trackliste

  1. 1. Lover Lover
  2. 2. Fernweh
  3. 3. Sehnsucht
  4. 4. Bald Zuhause
  5. 5. Leben
  6. 6. Die Wüste
  7. 7. Wenn Ich Mich So Fühl
  8. 8. Du
  9. 9. Jemand Wie Du
  10. 10. Was Tun?
  11. 11. So Oder So
  12. 12. Langeweile

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