12. April 2011

"Junge Menschen können gute Musik kaum noch wertschätzen"

Interview geführt von

"The English Riviera" ist das erste Album der Engländer als vierköpfige Formation. Nachdem der Vorgänger "Nights Out" bereits hohe Wellen schlug, darf man nun auf die weitere Entwicklung der Band gespannt sein. Es soll mehr Instrumente und weniger Computer geben. Näheres verrät uns Sänger Joseph im Interview.Gemütlich ist es im Berliner Büro der Warner Music Group. Die Backsteinwände des alten Fabrikgebäudes sind gesäumt mit den Konterfeis berühmter Musiker, hier und dort auch eine goldene Schallplatte. So ist es auch nicht schlimm, dass wir eine gute halbe Stunde auf Joseph warten müssen, der eben ein redseliger Kerl ist.

Etwas blass sitzt er dann im Konferenzraum vor uns, die britische Höflichkeit ist ihm allerdings auch nach einem langen Interview-Tag nicht abhanden gekommen. Jede Antwort überdenkt er lange, setzt seine Stirn in Runzeln und nuckelt an der Bionade. Der Inhalt seiner Sätze zeugt aber zum Glück von enormer Ernsthaftigkeit.

Hast du jemals als DJ gearbeitet?

Mit 15 oder 16 Jahren habe ich mir ein paar Decks zugelegt und dachte, ich würde ein DJ werden. Da habe ich dann auch das Mixen gelernt. Ich bekam jedoch schnell großen Respekt davor, was man als DJ alles machen muss – allein wie viel Musik man hören muss. Ich hab es eine Weile probiert, aber ich war nicht wirklich toll.

Ich frage deshalb, weil "The English Riviera" für mich nach einem idealen DJ-Set klingt. Zunächst ziemlich entspannt, wird es gegen Ende immer tanzbarer und schneller.

Das ist schön, dass du das so siehst. Ein gutes Album muss, meiner Meinung nach, seine ganz eigene Form finden. Wahrscheinlich ist das Album wesentlich besser als meine Ausflüge in die Welt der Djs. Obwohl ich ab und zu gefragt werde, ein Set aufzulegen. Letztes Mal habe ich in Brighton um zwei Uhr nachts aufgelegt, aber vor allem altes R'n'B-Zeug. Dann kam aber der Promoter zu mir und fragte, ob ich nicht auch Dance-Music hätte, da die Gäste bereits am Gehen waren (lacht).

Ich habe gehört, dass das neue Album das Feeling einer Teenager-Party einfangen sollte.

Damit meinte ich eigentlich eher die Zeit, in der man von seinen Eltern eine Flasche Wein klaut und auf eine Party geht. Dort drückt dir dann ein Kumpel eine CD in die Hand, die dann von den Fugees oder Portishead ist. Ich habe mir vorgestellt wie ein paar Kids mit meiner CD ihre Freunde beeindrucken wollen.

Dieses Gefühl wird also nicht unbedingt auf dem Album direkt ausgedrückt?

Naja, die Einflüsse für dieses Album kommen aus dieser Zeit: Dinge, die mich mit 15, 16 umgeben haben. Damals hat man eben DJ Shadow, Portishead oder die Fugees gespielt (lacht). Eben die Zeit des Trip-Hop. Dieses atmosphärische Zeug hat das Album definitiv beeinflusst.

Gut, ich wollte sowieso mit dir über deine Jugend sprechen. Der Titel "The English Riviera" bezeichnet ja die Gegend, in der du aufgewachsen bist.

Genau, ich bin etwa zehn Kilometer entfernt von Brixham, Paignton und Torquay aufgewachsen. Die drei Städte werden so genannt und sobald ich meinen Führerschein hatte, bin ich ständig dorthin ans Meer gefahren.

Hat das auch etwas mit dem Neustart, der neuen Formation von Metronomy zu tun?

Es ist auf jeden Fall eine Kombination verschiedener Dinge. Ich lebe nicht mehr in London, was einen aus dieser Hype-Musikwelt holt. Man sieht vieles einfach gelassener, was für mich aber nicht einem Neustart gleichkommt. Alles hat sich eben etwas gewandelt. Der Hauptfaktor ist, dass ich mich nicht mehr von einem konstanten Schwall an neuer Musik erdrückt fühle. Deshalb habe ich jetzt Zeit mich daran zu erinnern, warum ich Musik mache.

Viele der Londonder Bands scheitern an einer Suche nach Identität. Das ist einfach schwierig in so einer Stadt. Die Gegend meiner Jugend bietet mir dagegen eine ganz spezielle Lebensqualität und Identität.

"Es ist doof, sich auf den Computer zu verlassen"


Das klingt ja nach einem sehr persönlichen Album. Wie passt denn der Rest der Band da hinein?

Naja, einfach dass ich hier sitze und die Interviews mache, heißt ja schon etwas. Es ist schon noch ein persönliches Ding von mir. Es gibt eine Art Doppelleben von Metronomy: Einerseits schreibe ich die komplette Musik, aber andererseits sind wir zu viert auf Tour oder hängen zusammen ab. Ich versuche die anderen mit einzubeziehen, aber trotzdem ist es ein Teil von mir persönlich. Bei den meisten Bands ist es doch so, dass hauptsächlich eine Person die Musik und die Texte einbringt.

Wie funktioniert denn der Akt des Schreibens und Aufnehmens in der neuen Formation?

Als ich angefangen habe Musik zu machen, waren es immer nur mein Computer und ich. Deshalb hatte ich auch immer genug Zeit für mich. Mit einem Raum voller Leute ist es dann natürlich schwieriger. Normalerweise weiß ich genau, wer was spielen soll und bitte die Musiker runter ins Studio. Ein gemeinsames Arbeiten gab es eher weniger, weil ich meine ganz eigene Art zu arbeiten habe. Das plötzlich zu ändern ist nicht leicht. Langsam passiert es jedoch, dass ich andere Leute ein Stück weit mitarbeiten lasse.

Jedes deiner drei Alben war ein Schritt hin zu einer "normalen" Band. Du hast dich immer weiter von der Ausgangsposition, du mit deinem Computer allein, gelöst. Ist das eine bewusste Entwicklung?

Ich bin niemals von einem Punkt ausgegangen, ab dem es immer langweiliger werden soll (lacht). Ich denke aber, dass es eine schlechte Idee ist, stehenzubleiben und auf einer Idee zu verharren. Es kann sein, dass das nächste Album diesen gut produzierten Sound weiterentwickelt. Vielleicht ist auch die Ausganglage von drei Typen, die Musik mit dem Computer machen, nicht die beste. Es ist einfach doof, sich auf die Maschine als viertes Bandmitglied zu verlassen.

"Nights Out" hat sich ja mit der neuen Aufmerksamkeitsspanne der YouTube-Generation beschäftigt. Was ist dann das zentrale Thema für "English Riviera"? Hattest du ein bestimmtes Publikum im Kopf?

Was mich sehr frustriert ist, dass es so leicht ist an Musik zu kommen. Man lädt sie sich runter, hört sie sich an und entscheidet innerhalb von Sekunden ob man sie mag oder nicht. Heute versucht man nicht mal etwas wirklich zu mögen, weil es eh nichts gekostet hat.

Früher hat man manchmal eine schlechte Entscheidung gefällt und plötzlich hatte man diese CD einfach im Regal stehen. Gerade deshalb wollte ich bewusst ein gut produziertes Album machen. Ein richtig gutes Studio ist mittlerweile relativ billig und wir wollten die Leute auf den Wert einer richtigen Studioproduktion aufmerksam machen.

Ist "The English Riviera" also eine Art Protest gegen die Kultur der Wegwerf-Musik?

(lacht) Nein, es gibt einfach Dinge, die mich als Musikliebhaber stören. Es gibt keinen politischen Hintergrund unseres Albums. Es soll den Leuten lediglich zeigen, was man mit einem richtigen Studio alles machen kann, wenn man sich die Zeit dazu nimmt.

Es gibt zwei Arten Musik zu machen. Entweder gibt es die Wegwerf-Variante oder es gibt Menschen, die viel Mühe und Zeit in ihre Musik stecken und dann auch erwarten, dass man sich als Hörer die entsprechende Zeit dafür nimmt. Als ich geboren wurde, nahm man Musik ganz anders wahr. Es ist doch auch ein wenig traurig wie sich diese Herangehensweise verändert hat.

"Das Internet ist ein zweischneidiges Schwert"


Wie denkst du hat das Internet deine Art der Veröffentlichung von Musik beeinflusst? Das erste Album kam ja mit gerade mal 500 Kopien auf den Markt und mittlerweile geistert deine Musik quer durch die Musikblogs dieser Welt.

Meine Karriere wäre niemals möglich gewesen ohne die Verbreitung über das Internet. Leute in Brasilien oder Deutschland haben plötzlich meine Musik gehört. Es ist auch leichter, mit den Fans in Kontakt zu treten, was für junge Musiker enorm hilfreich ist. Aber trotzdem gibt es auch eine Schattenseite, denn junge Menschen können gute Musik kaum noch wertschätzen. Musik hat einfach keinen Preis mehr.

In Business-Sprache heißt das: Niemand kauft mehr junge Bands. Das Internet tötet oft das Potential junger Bands. Die Labels konzentrieren sich dann eher auf Bands wie Coldplay, die für sie eine sichere Bank sind.

Viele Nutzer stellen die Verbindung zwischen Label und Band nicht mehr her. Einige meiner Freunde wurden erst kürzlich von ihrer Plattenfirma fallen gelassen. Das Internet ist also in dieser Hinsicht ein zweischneidiges Schwert – es ist schließlich auch enorm hilfreich.

Hast du Angst, dass Hypes von heute nur noch zu Wegwerf-Musik degradiert werden?

Ich denke, dass die richtigen Leute mittlerweile nicht mehr die Chance bekommen, die sie verdient hätten. Es wird immer Hypes geben, aber was mich beunruhigt ist, dass die ja oft nicht mal einen Plattenvertag bekommen. Die Firmen wissen nicht ob sich die Investitionen in bestimmte Bands lohnen.

Aber gibt es nicht gerade jetzt auch eine Chancengleichheit für jedermann?

Ja, da hast du auf jeden Fall recht. Das ist aber nicht nur im Musikbusiness so, das passiert gerade überall. Die Qualität des Outputs wird von den Leuten kontrolliert. Das ist ebenso gut wie schlecht. Diese Null-Bock Haltung wird sich aber immer mehr durchsetzen. Man hört sich einen Song an und findet ihn nach zehn Sekunden scheiße.

Ich will ja auch nicht langweilig klingen, es gibt ja viele positve Sachen an diesem System. Es gibt beispielsweise keinen Wächter, der bestimmt was gut und was schlecht ist. Ich sehe aber auch eine Verwässerung von Qualitätsstandards. Früher konnten Bands mindestens zwei Alben veröffentlichen, bevor ihnen der Vertrag gekündigt worden ist. Heute kann das bereits vor dem ersten Album passieren.

Bevor mich die nette Dame vom Label rausschmeißt, habe ich noch eine letzte Frage: Du wurdest bereits 2006 als Antwort auf den rundlichen Typen von DFA [Labelgründer und Mastermind hinter LCD Soundsystem] gehandelt. Wie stehst du dazu, ist das eine Ehre oder eher eine Bürde?

(lacht) Zu der Zeit sah ich das als einen netten Vergleich, aber – es mag dich vielleicht verwundern - ich bin kein großer Fan von LCD Soundsystem. Was sie für mich repräsentieren, ist völlig anders als das, was ich mit meiner Musik machen möchte. Wir beide sind, hoffentlich, an zwei verschiedenen Enden unserer Karriere. Wenn ich in seinem Alter bin, also in etwa 15 Jahren (lacht), werde ich hoffentlich einen Haufen Alben veröffentlicht haben. Er war plötzlich da und wieder weg. Aber es war natürlich schon damals ein großes Kompliment. Was denkst du denn?

Von James Murphys Status her, ist es natürlich ein großes Kompliment. In eurer Art zu arbeiten seid ihr aber doch sehr verschieden und, allein schon vom musikalischen Standpunkt aus, nicht zu vergleichen. Vielen Dank für das Interview.

Ich habe zu danken.

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