laut.de-Kritik

Militant austauschbar, herausragend lieblos.

Review von

Es herrscht eine gewisse Sehnsucht nach dem Angepasstsein im modernen Straßenrap. Nicht unbedingt im Sinne des Übergangenwerdens, aber im Sinne des Seinwollens wie alle anderen, des Dazugehörens. Mert gehört zu den Rappern, die diesen neuen Wunsch nach der Uniformität fast albern ausleben. Er nennt sein Album, wie um einen Punkt zu machen, ausgerechnet "Boxerschnitt" und sagt damit schon alles, das man wissen muss. Diese simpelste und unauffälligste Frisur, wie sie auf der Straße beinahe jeder zweite trägt, repräsentiert ein Album, dessen einziges Kredo es ist, ja so zu sein, wie alle anderen. Bloß nicht unangenehm auffallen.

Es gibt immer wieder kurze Momente, in denen ein bisschen Potenzial durchschimmert. Die Kernbeobachtung von "Komme Nicht Rein" ist ein Ansatz von auf den Punkt gebrachter und natürlich formulierter Gesellschaftskritik: "Ich laufe im Club, aber komme nicht rein" ist ein schnörkelloser Lucky Punch, der eine deutsche Gesellschaft ins Mark trifft, die sich zwar mit ihrer Multikulturalität schmückt, sich aber nicht wirklich damit umgeben will. Der Opener "Vollgas" deutet kurz an, dass Mert auf einem guten Beat auch tatsächlich gut rappen und eingängig klingen könnte.

Leider bleibt es bei diesen kurzen Momenten. Der Rest von "Boxerschnitt" gerät nicht nur militant austauschbar, sondern auch herausragend lieblos. Spätestens Track zwei, "Nagelneu", ist ein dummdämliches Amalgam aus Deutschrap-Klischees, das nur die hilflos gepolterte, schlecht Autotune-behandelte "Nagelneu, nagelneu, nagelneu"-Hook krönt. Auf diesen absolut durchwachsenen Fillertrack referenziert Mert im Verlauf der Platte noch zwei Mal. Heißt: Aus irgendeinem Grund war er auch noch wirklich stolz darauf.

An anderer Stelle vermerkt er mehrmals, er habe große Teile von "Boxerschnitt" in zwei Wochen geschrieben und aufgenommen. Ich will jetzt nicht sagen, man höre es dem Projekt an, aber ich will auch nicht behaupten, vor Schock über diese Einsicht vom Stuhl gefallen zu sein. Zumindest die regelmäßigen Widersprüche erklärt das. Wenn er zum Beispiel auf harten Songs wie "Air Force One" oder "Randalier" gegen tanzende Rapper, Afrotrap und Pop-Rap wettert, macht es ihm trotzdem nichts aus, zwei Tracks später einen Afrotrap-Fußballer-Hymnen-Aufguss mit "Roberto Carlos" aufzunehmen, der mitsamt schlecht verwursteten Dancehall-Beat alle Klischees bedient. Die Hook? Ratet mal. "Carlos, Carlos / Carlos, Roberto Carlos / Carlos, Carlos / Carlos, Roberto Carlos / Carlos, Carlos / Carlos, Roberto Carlos / Carlos, Carlos / Carlos, Roberto Carlos."

Damit sind wir beim Kern der Sache angekommen. Mert ist kein per se unfähiger Musiker, aber er ist ein Mundatmer, ein Mitläufer, ein Opportunist und eine komplette Schießbudenfigur, dem es vermutlich sogar an Persönlichkeit und Meinung für die Entscheidung fehlt, welches Junkfood er am Abend essen soll. "Boxerschnitt" ist ein Album wie nach Checklist, welche Songs man gerade so auf ein generisches Straßenrap-Album packt. Banger für die Streets, check, Afrotrap, check, Trap-Flows, check, schnulziger Song für die Mama, check, wir alle kennen den Drill. Um diese Musik zu genießen, muss man vehement alles mögen, das gerade so erscheint, und den Eindruck haben, Mert sei ein netter, unterstützenswerter Dude. Aber keine Ahnung, irgendwie muss ich da passen. Wie Carlos, Roberto Carlos. Carlos, Roberto Carlos.

Trackliste

  1. 1. Vollgas
  2. 2. Nagelneu
  3. 3. Ohne Limit
  4. 4. XXLarge
  5. 5. Dünya
  6. 6. Sunpoint
  7. 7. Safe
  8. 8. Perlmutt
  9. 9. Randalier
  10. 10. Modus Mio
  11. 11. Air Force One
  12. 12. Boxerschnitt
  13. 13. Roberto Carlos
  14. 14. Komme Nicht Rein
  15. 15. Para Yokken

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