7. Januar 2011

"Ein Feuerwerk am Ende des Tunnels"

Interview geführt von

Samstag Nachmittag, der erste Schnee lässt zögerlich laufen und es ist zwar noch nicht so finster, aber ach so bitter kalt. Kurz frage ich mich, ob der Tourbus wohl überhaupt durch den Wintereinbruch gekommen ist, da piepst mich auch schon eine SMS an, dass wir das Interview ein paar Minuten nach hinten schieben müssen.Ich tappse mit kalten Füßen die Minuten tot. Am Tourbus angekommen empfängt mich Tourmanagerin Anna, die mich freundlich hinein bittet. Ob ich Kaffee möchte? Und wie! Melissa auf der Maur sagt Hallo und weist mich gleich darauf hin, das die deutschen Tourbusse die besten sind, denn da tut die Kaffeemaschine das was sie soll, und trinkbar ist das Ergebnis auch. Ich freue mich, dass sie sich freut.

Melissa war soeben bei byte.fm für ein Live-Interview und ist noch voll im Redeflow. Schnell zeigt sie mir noch einen Iphone-Schnappschuss ihres Hamburger 'Winter-Wonderland' das sie aus dem Studio im Feldstraßen-Bunker erspäht hat, der Hamburger Dom von oben in puscheligem Weiß. Hübsch, sieht aber aus wie München, das Hamburg da auf dem Bild. Das Eis ist somit also gebrochen, und ich beschließe, das Interview mit einer hochphilosophischen Frage zu eröffnen.

Wie läuft die Tour?

Sehr gut. Wir kommen gerade aus Helsinki, mit dem Konzert dort haben wir die Hälfte der Tour hinter uns. Für mich ist das unglaublich. Die "Out Of Our Minds"-Tour ist ein Feuerwerk am Ende eines sehr sehr langen Tunnels, nach etlichen Jahren.

Ein Tunnel?

Ja, eine unterirdische Hobbit-Höhle, ganz tief unten, ein undurchdringlicher Dschungel.

("Out Of Our Minds" ist nicht nur ein Album, es gibt einen 30-minütigen Film nach dessen Motiven, auch einen Comic. Melissa schreibt regelmäßig in ihrem Blog, und twittert ebenso fleißig. Aber wo hat sie die letzten Jahre gesteckt? 2004 erschien ihr letztes Album)

An anderer Stelle hast du das mal einen kreativen Kokon genannt.

Genau so etwas war es. Ich würde es aus heutiger Sicht nicht anders machen, und musste da wohl auch aus den unterschiedlichsten Gründen durch, persönlich, kreativ, spirituell, professionell, einfach alles. Ich musste mit allem aufräumen, alles rausschmeißen. Ich habe systematisch ausgesät, um dann zu sehen was daraus wächst. Und die ganze Zeit war ich mir dessen bewusst, und dachte: 'Wow, schon wieder ein Jahr rum.' Und natürlich stieg mit jedem Jahr die Angst, dass ich da nicht mehr raus kommen würde. Aber jetzt ist 2010, und die ganze Tour ist der mit Abstand aufregendste Teil meines Kokons. Diese sieben Wochen sind der größtmögliche Dank für all die Arbeit die ich hatte. Auch weil jetzt die Ergebnisse der ganzen merkwürdigen und extremen Entscheidungen die ich zu treffen hatte, zu sehen sind: das Label verlassen, das Management, den Agenten, neu anfangen ...

Du hast jetzt dein eigenes Label gegründet.

Genau, und auch als Künstlerin habe ich die Dinge immer weiter gepusht, mich tiefer in die Arbeit am Film gegraben, was dann wieder das Album besser gemacht hat.

Film und Album haben sich gegenseitig beeinflusst?

Ja, das war wirklich spannend, das war großartig. Die beiden waren ja die ganze Zeit in meinem Kopf, also hab ich mich ... die Tour von meinem ersten Album ging zu Ende, das war Weihnachten 2004. Ab Januar 2005 hab ich mich hingesetzt und an dem neuen Album gearbeitet.

Das war vor fünf Jahren!?

Ja, das waren ziemlich anstrengende fünf Jahre. Ich habe drei Jahre lang kein Konzert gegeben, nachdem ich zuvor fast zehn Jahre lang auf Tour war. Aber auch das hab ich gebraucht, aus unterschiedlichen Gründen.
Ich hab mich hingesetzt und mein nächstes Soloalbum geschrieben, und augenblicklich wusste ich, dass ich auch einen Fantasy Film machen wollte, und einen Comic der das Album begleiten soll. Aber zuerst musste ich Songs schreiben, um die Story zu finden.

Also hab ich ca. neun Monate lang geschrieben, nachgeforscht, geschlafen, Filme geschaut, Musik komponiert, Bücher gelesen ... ich hab gegraben und gebuddelt, wie auf einer Jagd nach dem, was schließlich das Zentrum des ganzen Projekts werden sollte. Ich wusste das ich ein Konzept-Album machen wollte, und brauchte das Thema dafür, das ich dann letztendlich in dem Song "Out Of Our Minds" gefunden habe. Dieser Song war zuerst da, obwohl ich auch an anderen Stücken geschrieben habe. Aber als dieser Song zu mir kam, da wurde durch die Art und Weise wie es geschah klar. Es gibt bestimmte Songs die dich anspringen, und du denkst nur 'Oh!', und du weißt, dass irgendwas in diesem Moment ganz klar aus einer anderen Welt zu dir gekommen ist und dir gezeigt hat wo es jetzt lang zu gehen hat.

Manchmal ist das viel persönlicher, menschlicher, aber das war so ein starker Moment in dem ich gesehen habe dass ich ... ich meine, mir war klar was ich erzählen wollte, und es musste eine allumfassende Geschichte sein. Ich wollte keine Geschichte von irgendeinem Mädchen im 21.Jahrhundert erzählen ...

... das im Wald herum läuft ...

Ganz genau.

(Wer das Video zu "Out Of Our Minds" kennt, hat schon ein paar Eindrücke des Films bekommen. Beiden ist ein düsterer Wald gemein, in dem Melissa via Autounfall strandet. Nicht nur Melissa blutet im Verlauf der Geschichte immer mehr, auch die Bäume existieren teils nur noch als bluttriefende Stümpfe.)

Ich musste die Geschichte dadurch finden, dass ich nun mal eine Frau im 21. Jahrhundert bin, die Mythologie, Musik und Kunst liebt. Ich musste mich durch meine ganzen Leidenschaften wühlen um das universale Thema zu finden. Dann hab ich mich hingesetzt und mehr oder weniger das ganze Album geschrieben und aufgenommen. Das war 2007, und genau zu diesem Zeitpunkt hat Captiol Records ... an einem einzigen Tag wurde jeder gefeuert. Ich hatte an diesem Punkt aber schon mit ihnen gesprochen, das Album sollte gemischt werden und ich wollte mich um den Film kümmern. Die Leute dort schauten mich nur an, als ob ich verrückt wäre, von was ich denn bitte reden würde, es ginge doch um ein Rock-Album, und nicht um einen Film und ein Comic.

Major Label sind nicht gerade für ihre Experimentierfreude bekannt.

Nein, ganz und gar nicht. Allerdings glaube ich das heute, 2010, jeder von ihnen begeistert wäre wenn ein Künstler käme und sagt: 'ich werde einen Comic zu meinem Projekt heraus bringen.' Aber 2007 muss sich das für die total kompliziert und schräg angehört haben. Für mich persönlich war der Pleitegang des Labels eigentlich eine Fügung des Glücks. Gerade als ich dabei war, das Album fertig zu machen, wurde jeder gefeuert, die Hälfte der Belegschaft musste gehen, und genau da geschah das Beste: ich war für ein Jahr in einer Warteschleife gefangen in der ich meine Musik nicht anfassen konnte, denn die Anwälte beider Seiten mussten erst einmal entscheiden, wer denn die Rechte daran hat, ein Teil war ja vom Label bezahlt worden.

Und genau zu diesem Zeitpunkt treffe ich wie durch Magie den Regisseur Tony Stone, der mein Projektpartner wurde. Ich hatte gerade nach einem solchen Partner gesucht und vertrieb mir die Zeit vor der Arbeit am Film damit, mir junge Regisseure anzugucken. Und in New York traf ich auf Tony, der gerade dabei war seinen ersten großen Film zu machen. Der Film ist sogar hier in Deutschland erhältlich, aber er hat miserable Kritiken bekommen. Ich finde ihn einen der coolsten Filme die je gemacht wurden. Es ist ein Independent-Film über Wikinger, "Severed Ways: The Norse Discovery Of America", sehr low-fi. Er vermischt mit Digitaltechnik einen dichten Wald mit Wikingern, und der Soundtrack ist Black Metal, Brian Eno und Judas Priest, daher fragen wohl die Deutschen: was soll das denn sein? Aber ich hab den Film gesehen und finde, das er das Moderne und Historische auf sehr eigenständige und faszinierende Art miteinander in Verbindung bringt und mit Fantasy und einer ganz eigenen Geschichte zusammen führt. Es geht um zwei Wikinger auf ihrer Reise nach Hause, nach Vinland, wo auch immer Vinland ist, die aber in der heutigen Zeit zurück gelassen werden. Der ganze Film basiert auf der Vinland-Saga.

Ich habe den Film genau zu dem Zeitpunkt gesehen, als die Katastrophe mit dem Label los ging, also hab ich mir gesagt: ich hab keine Ahnung was mit meinem Album passieren wird, also gilt für ein Jahr: Tschüss Album. Und dann sind wir in die Wälder gezogen und haben "Out Of Our Minds" den Film gemacht. Und nach einem Jahr Arbeit an dem Film, in den Wäldern ... die Arbeit mit den anderen Künstlern, mit Special Effects Leuten, zu lernen wie ich eine Geschichte erzählen kann die ich in einem Song entwickelt habe, und diese mit der Sprache des Films zu verbinden ... es war genau das was ich als Künstlerin gebraucht habe, um nicht mehr die Wege nutzen zu müssen auf denen ich bisher meine Arbeiten entwickelt habe. Ich tauchte in eine sehr sehr intensive produktive Phase ein, und als ich da wieder raus kam kehrte ich zu meinem Album als eine vollkommen erneuerte Person zurück. Ich habe das Album beendet, und bin der Meinung das es viel besser geworden ist als es vor dem Film war. Die Arbeit hat meine Perspektive komplett verändert.

Hast du dich selbst wie ein zurückgelassener Wikinger gefühlt?

Nicht nur in diesem Moment, ich habe mich schon immer wie ein zurückgelassener Wikinger gefühlt. Schon seit ich ein kleines Mädchen war, habe ich mich entweder in Richtung Universum oder in Richtung mythologischer Krieger gewandt, wenn ich etwas gesucht habe, das mir Stärke gibt.

"Ich komme von der Liebe her"


Und wie war Skandinavien jetzt für dich, auf dieser Tour?

Oh, es war unglaublich. Phänomenal. In den fünf Jahren, in denen ich hauptsächlich in meinem Kokon lebte, hab ich nur an einem Ort ein Konzert gegeben, 2008, in Skandinavien. Ich habe wirklich ein unglaublich spezielle Verbindung zu Norwegen und Finnland. Und die existierte auch schon lange bevor ich den Film gemacht habe. An einer Stelle in meinem Set, bei "22 Below", frage ich ob Kanadier im Publikum sind, und wenn keine Kanadier da sind, dann frage ich eben nach Skandinaviern. Irgendwie sind unsere Persönlichkeiten sehr ähnlich, wir haben ähnliche Wurzeln, und ich liebe ihre Mythologie, das Leder und den Metal der Wikinger. Wenn man sich die nordische Mythologie anschaut, ihr Göttersystem, und die heidnischen Rituale, also für mich kann es nichts besseres geben. Irgendwie muss ich schon immer instinktiv gewusst haben das ich damit in Verbindung stehe. Das Physische und das Spirituelle miteinander in Verbindung, Erde und Geist zusammen.

So wie das Thema deines Albums, vom Außen ins Innen nach dem Herz greifen.

Als ich nach diesem universellen Thema für das Album gesucht habe, und im Chorus von "Out Of Our Minds" geschrieben habe: "Travel out of our minds, into our hearts, standing by", weißt du, das heißt nicht nur geistig trifft auf körperlich, das ist ein so ursprünglicher Gedanke, einer auf den jede Religion aufgebaut ist, wie Adam und Eva und diese Idee vom Garten Eden, und plötzlich vergiftest du dich. Wir bestehen aus diesen beiden Seiten und sie sind gleichberechtigt. Unser physisches Sein, unser geistiges Sein, unser maskulin und feminin, da gibt es eine wirkliche Schönheit in der Verbindung von beidem. Aber wenn eine der beiden Seiten wächst und die andere zu erdrücken droht, dann passieren schreckliche Dinge, das erzählen auch schon die alten Dichter. Wenn du einen Teil von Dir versteckst, dann wird dieser Teil versuchen alle anderen zu zerstören. Darüber reden die Leute seit hunderten von Jahren, das bin jetzt nicht nur ich. Und ich bin mir sicher, dass irgendwas da draußen zu mir gesagt hat, dass ich über diese Dinge intensiver nachdenken muss, innerhalb des Rocks, der Mythologie, der Fantasy, der Musik, und im 21. Jahrhundert.

Das habe ich auch im Vorfeld versucht unter einen Hut zu bringen. "Out Of Our Minds" ist ein Album, das sich beim ersten Hören verschlüsselt präsentiert, und erst nach und nach erschließen sich die Zusammenhänge der Lieder. Die Texte springen von poetischen Bildern zu konkreten Aussagen, die musikalischen Strukturen scheinen sich gegenseitig zu jagen.

Das ist auch was Du im Chorus von "1000 Years" meinst: "We've been singing the same song for over a thousand years".

Ja, genau, hey, du hast deine Recherche gemacht, danke sehr.

Bitte sehr. Ich habe deine Texte noch einmal gelesen.

Wo hast du sie gelesen, im Album, oder wurden sie dir zur Verfügung gestellt?

Äh ... auf einer Fanpage.

Sehr gut. Ich sollte sie auch auf meiner Seite hochladen.

Wenn man die zwei Songs ("Out Of Our Minds" und "Meet Me On The Dark Side") miteinander verbindet, zeigt sich ein Zusammenhang: "back to our hearts, from the outside ... and meet me on the dark side, enter from the inside ...

Ja, du scheinst dich mehr mit den Texten beschäftigt zu haben als irgendwer, mit dem ich dieses Jahr gesprochen habe.

An dieser Stelle stupst sie mich kurz an, offensichtlich erfreut, sich darüber austauschen zu können. Ich fühle mich geschmeichelt und rette mich ins Detail.

Also treffen wir uns alle 'on the inside?'

Ja, und auch das Dunkle treffen wir da. Das Eigentliche ist doch, das wir unserem Kopfdenken viel zu viel Raum gelassen haben. Wir haben diese vollkommen äußerliche Welt aufgebaut, die unser Herz extrem zu überfordern scheint. Aber auch in unseren Herzen gibt es ein dunkles Zerren das jederzeit die Oberhand gewinnen kann. Das hängt damit zusammen, dass wir so unterdrückt sind und es uns selten gestatten, das Herz zuzulassen, um uns den Weg zu weisen. Also fängt das Herz an zu rebellieren, es will gehört werden. Ich habe ja in meinem Leben Jahre unter sehr düsteren Leuten verbracht, sowohl im privaten wie auch im kreativen. In den Bussen, weißt du, ob das jetzt Drogen waren, oder Selbsthass, oder Selbstzerstörung ... ich habe viel Zeit in der Nähe des Dunklen verbracht. Und ich bin auf jeden Fall jemand, der von der Liebe her kommt. Die Umgebung in der ich aufgewachsen bin, war sehr privilegiert, nicht im Finanziellen, gar nicht, aber im Kulturellen, Emotionalen, Spirituellen und Gesundheitlichen.

Du hattest viel Freiheit?

Ja, Freiheit und Liebe, 'Sei einfach Du selbst!' wurde mir immer von meinen Eltern gesagt. Ich sagte 'Ich liebe Fotografie', und meine Mutter gab mir ihre alte Kamera, ich sagte 'Ich liebe Bass', und mein Vater kaufte mir einen $200-Bass. Es geht darum, auf seine Kinder zu hören und ihnen den eigenen Weg zu ermöglichen. Daher bin ich emotional eine ziemlich privilegierte Person, und aus welchem Grund auch immer habe ich Jahre mit Leuten verbracht, die als Kinder vernachlässigt wurden, oder sehr einsam waren, oder zurückgelassen, oder sich einer ziemlichen Dunkelheit zugewandt hatten. Ich hatte in meinem bisherigen Leben eine ziemlich interessante und intensive Beziehung zur dunklen Seite. Und in meiner privilegierten Welt aus Licht gibt es auch meine dunklen Seiten, so ist es ja nicht. Worum es mir in "Meet Me On The Dark Side" geht ist, dass es viel gefährlicher ist, so zu tun als hättest du keine dunkle Seite, als diese zuzugeben. Davon bin ich überzeugt.

Alle Songs auf dem Album stehen miteinander in Verbindung. "Out Of Our Minds" ist sicher das Mantra des Gesamten, und die anderen Lieder sind spezielle Ausdrücke dessen. "Father's Grave" ist eine solche Szene, der Totengräber und die Frau die ihren Vater verloren hat. Das ist eine ganz spezielle Erzählung, gesetzt in den größeren Rahmen. Und es geht dort wieder um die zwei Seiten, das Maskuline, die Männer, die die Leiche wegtragen, und das feminine Wesen, dessen Herz durch den Verlust des Vaters gebrochen ist. Also ist auch das irgendwie ein "1000 Years", die gleiche Geschichte wieder und wieder, innerhalb jedes kleinen und großen Zusammenhangs. Es ist die Geschichte einer Zeitreise, drei Welten finden parallel im gleichen Wald statt. Eine Gruppe sind die Wikinger, eine andere ein Holzfällertrupp aus dem 19. Jahrhundert, die mit ihren Äxten die Bäume zum Bluten bringen ...

Was ein sehr starkes Bild ist: die Äxte hacken sich in die Stämme, und das Blut spritzt. Da kann man natürlich auch Parallelen zu heute ziehen, z.B. Klimaschutz ...

Ja, es ist sehr Fantasy, aber gleichzeitig auch erschreckend real. Für mich ging es bei dem Film darum etwas auszuprobieren und es war eine unglaubliche Erfahrung. Ich mache Kunst, um sie zu teilen. Und das ganze Projekt soll auch dafür da sei es in neue, andere Communities zu bringen. Darum versuche ich auch den Film seit anderthalb Jahren nach vorn zu bringen. Ich war auf Film Festivals, Fantasy Conventions, in großen Museen, in kleinen Gallerien, bei Rock Shows ... ich habe ja große Erfahrung wenn es darum geht, Musik zu den Leuten zu bringen, live und in the flesh, das ist meiner Meinung nach immer noch der machtvollste Austausch, und für mich persönlich der wichtigste. Nachdem ich den Film gezeigt hatte, war immer eine der letzen Fragen: jetzt nachdem Du dich mit Film, Comic und Musik auseinandergesetzt hast, wenn Du wählen müsstest, was würdest du tun?

"Bei den Pumpkins war ich Teil eines Systems"


Da wäre z.B. noch das Theater?

Da ist was dran, ich denke darüber nach. 2011 möchte ich mit verschiedenen Formen der Präsentation experimentieren.

Du wirst ein Stück entwickeln?

Ja, ich wurde als Ehrengast zu einem Festival in Kanada eingeladen, das sich normalerweise nur mit Dichtern, Theater, Tanz und Spoken Word Performances beschäftigt.

Welches Festival ist das?

Es heißt "Voice Of The Americas" und findet in Montreal statt. Sie haben nächstes Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum, und ich bin die erste Musikerin, die sie zum Ehrengast gemacht haben. Sie haben mir ein Theater zur Verfügung gestellt und gesagt: Wir wollen, dass du etwas anderes machst, etwas das mit deiner Musik verbunden ist, aber einer ganz neuen Struktur folgt. Für mich ist das total aufregend. Mit der Idee habe ich schon ein bisschen gearbeitet, und wir planen schon eine Tour in Italien, Spanien, Portugal, nicht nur in Konzertsälen, sondern in vielen alternativen Spielstätten, wie Renaissance-Theatern, mittelalterlichen Gebäuden oder alten Theatern, die vielleicht nur einen Beamer und die Möglichkeit für ein bisschen Playback haben. All das hat mir den vergangenen fünf Jahren zu tun, in denen ich beschlossen habe alles auszuprobieren, alles basierend auf der universellen Aussage des Albums. Diese Aussage ist: 'Lass mich mit jedem erdenklichen Werkzeug experimentieren das ich verknüpfen kann, lasst mich so vielen Leuten wie möglich davon erzählen, und alles in so vielen Arten und Weisen darstellen wie man sich ausdenken kann, klein oder groß spielt keine Rolle dabei.' Die Experimente sollen die unterschiedlichsten Wahrnehmungsmöglichkeiten des Themas abbilden.

Aber noch mal zurück zu diesem Moment im Museum. Sie fragten mich also: "Wenn Du dich für eine dieser Formen entscheiden müsstest, welche wäre das?" Und da ist meine Antwort ganz klar die Musik, denn es gibt da diese Verbindung vom Spieler zu seinem Instrument, und zwischen dem Zuhörer und dem Musiker. Diese Verbindung reibt sich permanent an sich selbst, das ist eine Kraft.

Die direkte Berührung.

Genau die ist es. Diese direkte Berührung die du nicht greifen kannst, wie etwas Magisches ... du kannst es nicht festhalten, aber du fühlst es augenblicklich. Das ist wirklich the most strange thing ever. Deshalb finde ich es auch wunderschön, dass die CD immer weniger relevant wird, und es wieder zum Live-Erlebnis zurück geht. Heute läuft ja so vieles über MP3, und das lässt sich nunmal nicht anfassen. Aber auch das real existierende Album ist nicht mehr das was es mal war. Die magische oder auch spirituelle Verbindung wird wieder im Live-Erlebnis stattfinden, wo Du die Musik und auch das Album direkt aus meinen Händen bekommst. Das ist was wichtig ist. Mein Label Roadrunner hat mir neulich gesagt, der Grund, warum ich nicht mehr Alben verkaufen kann ist, dass die Plattenläden es gar nicht mehr auf Lager halten, nur eine bestimmte Menge. Daher kann ich also gar nicht mehr als diese Anzahl Alben verkaufen. Es geht also auch da nicht mehr um das Verkaufen, denn wenn mehr Leute das Album dort kaufen wollen, dann können sie das gar nicht. Aber das ist ein blödes Thema. Schlussendlich sind die Musik und ihre Kraft das absolut Wichtigste. Ich habe aber auch Glück gehabt, ich habe wirklich tolle Erfahrungen mit Plattenlabels gemacht. Es ist nicht so, dass ich gegen Labels wäre.

Aber Erfahrungen mit ihnen hast du gesammelt, in jeder Hinsicht.

Ja, natürlich. Aber unterm Strich bin ich vor allem Musikerin, bevor ich irgendetwas anderes bin, sogar bevor ich eine Frau bin. Ich bin Musikerin, und dann bin ich noch das ganze andere Zeug, und ich war bei großen Labels, und ich habe Freiheit kennengelernt, und und und. Und mit großen Musikorganisationen habe ich auch gute Erfahrungen gemacht, denn oft arbeiten dort Leute die vor allem die Musik lieben. Ich habe das alles erlebt, ich war bei allem dabei, und ich habe mich sehr beeindrucken lassen. Das eigentlich Traurige ist doch, dass diese Leute immer weniger werden, da bei den Labels immer weniger Leute arbeiten. Gleichzeitig werden die Labels immer kleiner. Aber wir können ja unsere eigenen Labels aufmachen, und das wird dann gut.

Das Gesamtprojekt "Out Of Our Minds" befand sich also über Jahre in einem Dialog mit den verschiedensten Aspekten?

Ja, es ist das Zentrum und kreist im gleichen Moment auch um sich selbst.
Ich hatte wirklich Glück, denn ich konnte im Laufe der ganzen Jahren einen Song immer weiter bearbeiten und ihn in verschiedenen Versionen entwickeln. Dazu kommen Dinge wie der Comic, die Shows, die Galerien und Museen, das Film Festival. Das ist alles ein großer Dialog, es ist als ob lauter Tentakel aus diesem einen Ding heraus gewachsen sind. Mein Blog ist auch einer der Tentakel, Twitter ist wieder eine Verlängerung des Blogs, und all das lässt sich immer wieder auf den gleichen Ursprung zurück führen.

Auf den gleichen Song ...

Ja! (lacht) Genau so ist es. Und auch ich als Künstlerin kann immer wieder zu diesem Projekt zurück kehren, kann die Referenzen darauf überall etablieren. Ich glaube, dass ich mit dem ganzen Projekt eine so große Fläche abstecke, dass es gar nicht um den Film oder das Album im Speziellen geht, denn ich kann von dieser Basis aus überall etwas entstehen lassen. Und ich habe mir selbst bewiesen, dass immer alles in meinen Möglichkeiten liegt, im Rahmen meiner Fähigkeiten. Um all das zu tun brauche ich kein Label und keinen Manager. Alles was ich brauche ist eine enge Bindung zu meinesgleichen, zu anderen Künstlern, zu Leuten die denken wie ich denke, oder dieses Denken unterstützen wollen. Auf diese Weise kann ich Dinge erschaffen die wirklich vom Herzen kommen, und z.B. durch den Blog kann ich alle Leute direkt erreichen, oder auch nur weil ich dieses kleine E-Commerce Ding auf meiner Homepage eingerichtet habe.

Und was das Tolle an dieser Tour ist, um noch mal auf deine Anfangsfrage zurück zu kommen. Zuerst einmal, dass ich so lange nicht auf Tour war, dass ich wieder auftanken muss, um mich wieder daran zu erinnern, warum ich das alles seit 15 Jahren, noch nicht ganz seit 1000 Jahren, mache, und immer weiter mache. Der Grund dafür ist das Feuer, das im direkten Austausch entsteht, zwischen Dir und mir, und dann kommt jemand anderes dazu und es wird ein neues Feuer, und jemand kommt am Abend zur Show, und der nächste Feuerball fliegt los, bis ich schließlich im Winter wieder nach Hause fahren kann, um in meinem Kokon darüber nach zu denken und mich erneut aufzutanken.

An dieser Stelle gibt Anna uns zu verstehen, dass der Soundcheck ansteht. Melissa greift auch diesen Ball gleich auf, sie hat sich wirklich warm geredet. Ich trinke den letzten Schluck Kaffee.

Roadrunner hilft mir mit vielen Dingen, aber letztendlich hab ich das Meiste allein gemacht. Noch gar nicht erwähnt habe ich den Wettbewerb, der überall herrscht, es ist ja teils schon schwer überhaupt ein Interview zu bekommen. Und 90% der Leute, die zu meinem Konzert kommen, wurden durch mich persönlich eingeladen, durch einen Song, oder durch die Ankündigung auf meiner Website. Was gleichzeitig auch eines der bewegendsten und wirklich revolutionären Dinge für mich ist. Ich musste mich allem entziehen, um den Ort zu finden, an den ich die Leute einladen kann, ich habe die Verantwortung übernommen, dafür, für meine Arbeit, und für den Dialog der jetzt entsteht. Und jetzt kann ich es spüren, auf der Bühne ist es radikal anders als zuvor, anders als 2004, anders als überhaupt jemals, auch mit den Pumpkins oder Hole war im Verhältnis alles weit weg. Damals waren wir ein Teil von einem gigantischen System, und ich selbst war eher eine Besucherin des Ganzen. Ich wollte immer tiefer mit der Sache verbunden sein, danach habe ich mich so sehr gesehnt, und jetzt ist es das erste Mal in 15 Jahren, dass ich mich als Künstlerin sehr sehr sehr tief mit einer Sache verbunden fühle.

Es ist das gleiche Gefühl, das ich als Fan hatte, als ich mit 19 diese Reise begann. Es ist das Gefühl, das ich in den Clubs hatte, mit 20 Leuten auf einem Konzert von Nirvana, Hole, den Pumpkins, Sonic Youth oder Jane's Addiction, als die erste große Welle meiner Generation hochkam und ich voller Begeisterung und Hingabe ein Teil von dieser engen Verbindung wurde. Die Stimmung, die herrscht wenn dir jemand auf Kassette die Vorabversion von "Nevermind" in die Hand drückt, und erst viel später hörst du es im Radio, das ist was mich hierher gebracht hat. Manchmal glaube ich fast, dass ich gerade versuche diese Atmosphäre wieder her zu stellen.

Fühlst Du dich als Pionier?

Ein paar Leute behaupten ich wäre einer, aber ich fühle eher das Gegenteil. Ich bin wie eine old fashioned person, die versucht die originäre Kraft wiederherzustellen, das ursprüngliche Gefühl, da bin ich vielleicht ein Pionier, in der Rückkehr zu dem direkten, speziellen, magischen Ding das damals passierte, das mich zur Musikliebhaberin machte. Man muss es aber neu aufbauen, wieder herstellen, denn es ist nicht mehr das Gleiche wie damals. Heute kann jeder auf einem kleinen Bildschirm alles mitbekommen, du kannst The Velvet Underground über eine Homepage kennenlernen!

Was der Sache definitiv ihren Charme nimmt.

Ja, ich bin sogar einmal ins Chelsea Hotel gefahren und hab den Typ in der Lobby gefragt, wie das war als die Factory-Leute hier rumhingen. Um etwas wirklich Spezielles herzustellen brauchst du oft einen ziemlich komplizierten Weg. Und was ich mit den ganzen Tentakeln meines Projekts machen will ist, den Leuten Optionen anzubieten. Sie können sich das alles mit einem Download holen, aber es ist doch wirklich spannender zu einer meiner Shows zu kommen und sich die DVD dort zu holen.

Ich glaube, dass wir gerade erst am Anfang einer Entwicklung stehen, das dies alles der Weg in die Zukunft ist. Wie gesagt, als ich 2007 meinem Label erzählt habe, was ich aufbauen will, haben sie mich ausgelacht. 2010 wollen mehr Labels solche Projekte, denn sie wissen jetzt, dass die Leute so etwas haben wollen. Was aber auch egal ist, denn wir brauchen sie nicht mehr um zu wissen was die Leute wollen. Menschen wissen, was sie wollen, und Künstler sind nunmal auch Menschen, und daher machen wir was die Leute wollen, und das ist dann das was ich will. Vor uns liegt eine unvorstellbare Zukunft, ermöglicht auch durch die zahllosen technologischen Entwicklungen, jeder kann sich seine magische Story in HD selbst herstellen und sie direkt zu den Leuten bringen, ohne einen Mittler nötig zu haben, ohne ein Budget. Wir müssen sehr hart daran arbeiten, aber das ist auch etwas gutes. Denn ohne Geld, ohne Förderer, nur mit dieser ganzen Technologie, müssen wir mutig, kreativ und progressiv sein, und das geht heißt auch, das nur die Starken und hart Arbeitenden es schaffen werden. Es wird uns einfach keiner diese Arbeit abnehmen. Und das finde ich gut. In den letzten zwei Jahren habe ich ein paar der coolsten Dinge meines Lebens erlebt, und was wird dann erst in zehn Jahren los sein? Wir sind auf dem richtigen Weg, um uns wieder zu erholen, kulturell und kreativ, und zwar nur, weil die Leute an vielen Stellen die Dinge wieder selbst in die Hand nehmen. Und das hilft dann hoffentlich die ganzen Katastrophen in der Umwelt, der Wirtschaft und der Politik zu überleben.

Am Ende ihres Konzerts konnte man tatsächlich aus Melissas Händen CDs, DVDs, Plakate etc bekommen. Sie nahm sich die Zeit, mit zahlreichen Leuten zu plaudern, Autogramme zu geben, oder die von einem kanadischen Künstler handgemalten Plakate zu erläutern. Das Interview führte - nach eigenen Angaben mit leuchtenden Augen - Christian Reichel.

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